Krankheit ist erstmals der häufigste Grund für Überschuldung11. Juli 2025 Bild: nmann77 – stock.adobe.com Dem Statistischen Bundesamt zufolge sind „Krankheit, Sucht oder Unfall“ 2024 erstmals der häufigste Auslöser privater Überschuldung in Deutschland. Die Universität Witten/Herdecke sieht darin ein alarmierendes Signal und fordert mehr Forschung und Prävention. Zum ersten Mal seit Beginn der amtlichen Erhebungen zu den Hauptursachen von Überschuldung sind „Krankheit, Sucht oder Unfall“ der häufigste Auslöser für private Überschuldung in Deutschland. Das zeigen aktuelle Daten des Statistischen Bundesamts (DESTATIS) für das Jahr 2024: Mit 18,1 Prozent liegt der Anteil noch vor Arbeitslosigkeit (17,4 %). Im Vergleich dazu lagen 2013 die Zahlen für Überschuldung verusacht durch Arbeitslosigkeit noch bei 23,6 Prozent und bei 12,7 Prozent verursacht durch „Krankheit, Sucht, Unfall”. Prof. Eva Münster, Inhaberin der Professur für Allgemeinmedizinische Versorgungsforschung in vulnerablen Bevölkerungsgruppen am Institut für Allgemeinmedizin und Ambulante Gesundheitsversorgung (iamag) der Universität Witten/Herdecke (UW/H), sieht darin ein alarmierendes Signal – und eine gesamtgesellschaftliche Aufgabe. „Eine schwere Krankheit trifft viele Menschen doppelt: gesundheitlich und finanziell“, erklärt Münster. „Die damit verbundene finanzielle Belastung wird bisher viel zu wenig wahrgenommen – in der Forschung, in der Versorgung und in der Politik.“ Die Zahlen des Statistischen Bundesamts belegen laut UW/H, was Betroffene seit Jahren berichten: Wer ernsthaft erkrankt, rutscht schnell in finanzielle Not. Gründe seien unter anderem Einkommensausfälle, gekoppelt mit Kreditzahlungen während längerer Krankheitszeiten, und hohe Zuzahlungen bei Medikamenten oder Reha-Maßnahmen. Dabei decke das Krankheitsspektrum der Betroffenen die gesamte Bandbreite medizinischer Diagnosen ab – von Gelenk- und Wirbelsäulenerkrankungen (z. B. ein schwerer Bandscheibenvorfall) über psychische Erkrankungen (z. B. Depression) bis hin zu Krebs- und Kreislaufsystemerkrankungen (z. B. Herzinfarkt). Forschung im Rückstand „Wir wissen, dass Krankheit zur Überschuldung führen kann – aber wir wissen viel zu wenig darüber, wie genau das passiert“, betont Münster. Zwar werde die Kategorie „Krankheit, Sucht oder Unfall“ in der Überschuldungsstatistik erfasst, doch differenzierte wissenschaftliche Erkenntnisse zu den genauen Mechanismen, etwa zur Rolle bestimmter Diagnosen oder psychischer Erkrankungen, fehlten weitgehend. Auch die Auswirkungen von Scham, sozialen Brüchen oder digitalen Konsummustern würden kaum erforscht. Besonders die Subgruppe der Suchterkrankungen wird in der Statistik nicht getrennt ausgewiesen, weil hierzu keine Daten vorliegen – ein Umstand, der dazu führen kann, dass gesellschaftliche Stigmatisierung weiterbesteht, moniert die UW/H. Um dieser verzerrten Wahrnehmung zu begegnen, habe man Neele Kufeld, Nachwuchswissenschaftlerin mit psychologischer und medizinischer Expertise, damit beauftragt, den Zusammenhang zwischen Suchterkrankung und Überschuldung evidenzbasiert aufzuarbeiten. Münster fordert vor allem einen Strategiewechsel: „Wir brauchen nicht mehr Reaktion, sondern zielgenauere Forschung und darauf aufbauende evidente Präventionsmaßnahmen. Wer eine schwerwiegende Diagnose erhält, muss frühzeitig auch über finanzielle Risiken aufgeklärt und unterstützt werden.“ Wie das genau erfolgen sollte, müsse detailliert betrachtet werden, um den richtigen Zeitpunkt und die richtige Maßnahme bestimmen zu können. (hr)
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