Krebserkrankungen bei brasilianischen Kindern durch Pestizide2. November 2023 In Brasilien hat der Anbay von Soja in den vergangenen Jahren stark zugenommen – und damit vermutlich auch der Einsatz von Pestiziden. (Foto: © AlfRibeiro – stock.adobe.com) Eine populationsbasierte Untersuchung hat in Brasilien einen Zusammenhang zwischen der steigenden Sojaproduktion und der Todesrate von unter Zehnjährigen an akuter lymphatischer Leukämie (ALL) gefunden. Die Studie leitet ihr Ergebnis aus dem durch den verstärkten Sojaanbau gestiegenen Pestizideinsatz und dessen Verteilung über die Wasserversorgung her. Bislang wurden die gesundheitlichen Auswirkungen von Pestiziden vor allem bei akuter hoher Dosierung untersucht, beispielsweise in Labor- und Tierexperimenten oder bei Personen, die Pestiziden länger direkt ausgesetzt waren, wie beispielsweise Erntehelfenden. Da in Brasilien der Sojaanbau innerhalb der vergangenen Jahre rapide gestiegen ist und Pestizide – primär Glyphosat – dort hochdosiert eingesetzt werden, widmeten sich die Studienautorinnen den langfristigen Auswirkungen niedrigdosierter Pestizidbelastung auf die breite Bevölkerung. In ihrer Analyse fokussierten sie sich auf die Zunahme der Krebssterblichkeit von Kindern unter zehn Jahren während der Ausweitung des Sojaanbaus in den Cerrado- und Amazonas-Biomen in Brasilien. Sie werteten hierfür Gesundheitsdaten der Jahre 2008 bis 2019 aus und berücksichtigten dabei die Flussverläufe sowie die Entfernungen zu Krankenhäusern, die Kinder mit Krebserkrankungen behandeln. Die Forscherinnen schätzen, dass im Untersuchungszeitraum 123 Kinder unter zehn Jahren an einer durch die Sojaproduktion entstandenen ALL starben. Die Pestizide würden vor allem über das kontaminierte Flusssystem verteilt und zu den Erkrankungen der Kinder führen. Die Nähe zu einem Krankenhaus, das Krebstherapien für Kinder anbietet, würde die Sterblichkeit jedoch unwahrscheinlicher machen. Die Forscherinnen räumen ein, dass der Zusammenhang nicht kausal sein muss, sie mit ihrer Studie jedoch diverse Alternativerklärungen, wie die Pestizidbelastung durch den Anbau anderer Güter, andere Risikofaktoren wie Alkohol- und Tabakkonsum oder auch Placebo-Effekte, ausschließen. Diese Annahme stützt auch Prof. Matthias Liess, Leiter des Departments System-Ökotoxikologie am Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung (UFZ), Leipzig, der nicht an der Studie beteiligt war. „Die vorliegende Untersuchung erfolgte auf der Basis einer sehr guten Datengrundlage. Insbesondere die Erfassung der Veränderung der Sojaproduktion, sowie die räumliche Differenzierung der beobachteten Inzidenzen, ermöglicht es eine überzeugende Assoziation zwischen Belastung und Krankheitsfällen herzustellen.“ Die von den Autorinnen vorgenomme Differenzierung der beobachteten Inzidenzen zwischen flussabwärts und flussaufwärts weise stark auf einen kausalen Zusammenhang zwischen Pestizidbelastung der Sojaproduktion und Krankheitshäufigkeit hin, kommentierte die Liess die Studienergebnisse. Prof. Jörg Rahnenführer, Fachgebietsleiter Statistische Methoden in der Genetik und Chemometrie an der Technischen Universität Dortmund, der ebenfalls nicht an der Studie beteiligt war, bemängelt hingegen eine im Artikel offensichtlich werdende Voreingenommenheit der Autorinnnen sowie ein zu schwaches statistisches Design, um die in der Studie untersuchten komplexen Zusammenhänge wissenschaftlich fundiert zu untersuchen. „Obwohl der hier vermutete Zusammenhang plausibel scheint und möglicherweise korrekt ist, gibt es noch viele andere mögliche Erklärungen für die beobachteten Zusammenhänge in den Daten. Die Autorinnen führen einige zusätzliche durchdachte Analysen durch, aber viele andere Faktoren, wie etwa sozioökonomische Variablen, werden nicht betrachtet“, monierte Rahnenführer. Zudem hätten die Autorinnen nicht untersucht, ob auch eine genetische Prädisposition (Vererbung) für ALL vorlag. „Als Begründung für die gezeigten Zusammenhänge wird oft von Wasserverschmutzung durch Pestizide geschrieben. Dies legt nahe, dass eine direkte Messung dieser Wasserverschmutzung und der damit eventuell korrelierenden Krebsfälle sehr viel zuverlässigere Ergebnisse liefern würde, auch wenn dies natürlich sehr viel aufwändiger wäre.“
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