Krebsfrüherkennung in Deutschland: Status quo und Perspektiven

Bei den Krebsfrüherkennungsprogrammen in Deutschland gibt es teils erhebliche Unterschiede in Nutzen und Qualität. (Symbolbild: © hkama/stock.adobe.com)

Organisierte Programme zur Krebsfrüherkennung haben das Potenzial, die Mortalität zu senken und Therapien zu verbessern. Wie gut dies gelingt, hängt jedoch stark von der jeweiligen Krebsart und der Umsetzung der Programme ab.

von Dr. Lena Johannes

Früherkennung kann Leben retten, und doch fällt der Erfolg je nach Krebsart sehr unterschiedlich aus. Ein Blick auf Darm-, Lungen-, Gebärmutterhals- Brust- und Prostatakrebs zeigt, welche Programme in Deutschland wirken, wo noch Nachholbedarf besteht und welche Entwicklungen für die kommenden Jahre entscheidend sein könnten. Krebs bleibt eine der führenden Todesursachen in Deutschland: Jährlich erkranken über 500.000 Menschen neu, und etwa ein Drittel stirbt an den Folgen. Früherkennung verbessert die Prognose erheblich, weil Tumore in einem Stadium entdeckt werden, in dem sie noch kurativ behandelbar sind.

Deutschland verfügt über eine Reihe von Screeningprogrammen, die unterschiedlich gut etabliert sind. Während Darm- und Brustkrebsprogramme seit Jahren flächendeckend angeboten werden, stehen Lungen- und Gebärmutterhalskrebs erst am Anfang eines systematischen, organisierten Screenings. Internationale Vergleiche zeigen, dass Länder wie die Niederlande oder Großbritannien durch konsequente Einladungssysteme und hohe Teilnahmequoten deutlich niedrigere Sterblichkeitsraten erreicht haben.

Darmkrebs

Die Darmkrebsfrüherkennung in Deutschland stützt sich vor allem auf den immunologischen Stuhlbluttest (FIT) und auf Vorsorgekoloskopien. Der FIT-Test wurde 1977 eingeführt und 2017 durch einen hochsensiblen immunologischen Test ab 50 Jahren ersetzt. Die Vorsorgekoloskopie wird seit 2002 für Männer und Frauen ab 50 Jahren angeboten. Daten zeigen, dass Inzidenz und Mortalität in der Zielgruppe deutlich gesunken sind: Die Sterblichkeit konnte seit 2000 um über 40 Prozent reduziert werden.

Trotz dieser Erfolge ist das Screeningprogramm organisatorisch noch ausbaufähig. Länder wie die Niederlande zeigen, dass systematische Einladungen, Erinnerungen und die direkte Zusendung von FIT-Kits die Teilnahme deutlich steigern. Modellrechnungen legen nahe, dass bei vollständiger Nutzung der angebotenen Maßnahmen bis zu 80 Prozent der Darmkrebsfälle und nahezu 90 Prozent der Todesfälle verhindert werden könnten. Zentrale Einladungssysteme, digitale Nachverfolgung und ein besser organisierter Ablauf könnten die Inzidenz weiter senken und die absolute Zahl der Erkrankungen stabil halten.

Lungenkrebs

Das Lungenkrebs-Screening basiert auf niedrigdosis-CT, um Tumoren frühzeitig in kurativ behandelbaren Stadien zu erkennen und so die lungenkrebsbedingte Sterblichkeit zu senken. Internationale Studien wie das US National Lung Screening Trial und die niederländisch-belgische NELSON-Studie zeigen einen klaren „Stadien-Shift“: Mehr Tumore werden früh entdeckt, was zu einer signifikanten Lebensverlängerung führt. Risiken wie falsch-positive Befunde, Überdiagnosen und unnötige invasive Eingriffe lassen sich durch standardisierte Protokolle und moderne Bildgebung inzwischen gut beherrschen.

Erste Erfahrungen aus Implementierungsprojekten in Großbritannien, Kroatien und Deutschland bestätigen, dass das Screening effektiv und sicher ist, insbesondere wenn Teilnehmer gezielt nach Risikoprofilen ausgewählt werden. In Deutschland soll das Screening ab 2026 GKV-finanziert starten, zunächst in einer Übergangsphase mit eingeschränkter Organisation. Langfristig soll ein strukturiertes, organisiertes Programm implementiert werden, das risikobasierte Zielgruppenansprache, ärztliche Eignungsprüfung, radiologisches Management und Anschluss an zertifizierte Lungenkrebszentren umfasst.

Gebärmutterhalskrebs

Das Cervixkarzinom ist weltweit nach wie vor die vierthäufigste Krebserkrankung bei Frauen, wobei etwa 660.000 Neuerkrankungen jährlich auftreten. Hauptursache sind persistierende Infektionen mit Hochrisiko-HPV-Typen, insbesondere 16 und 18, die über 70 Pozent der Fälle verursachen. Die Prävalenz von Hochrisiko-HPV liegt in Deutschland bei Frauen unter 30 Jahren zwischen 14 Prozent und 35 Prozent, bei älteren Frauen stabil bei rund 6,5 Prozent. Aufgrund der langen Latenzzeit von HPV-Infektion zu invasivem Karzinom von 10 bis 20 Jahren besteht ein großes Zeitfenster für wirksame Prävention und Früherkennung.

In Deutschland existiert seit 2020 ein organisiertes Screening, das jährlich Zytologie bei Frauen von 20–34 Jahren vorsieht und ab 35 Jahren HPV-gestütztes Screening alle drei Jahre anbietet. Allerdings fehlen bisher ein echtes Call-and-Recall-System, einheitliche Qualitätskontrollen und flächendeckende Teilnahmequoten. Internationale Empfehlungen setzen auf primäres HPV-Screening mit regelmäßiger Einladung und Self-Sampling für Nichtteilnehmerinnen, da dies sensitiver und kosteneffizienter ist. Um die Inzidenz weiter zu senken, sind höhere HPV-Impfquoten, ein schulbasiertes Impfprogramm, ein Screeningregister sowie strukturierte Einladungssysteme und konsequente Qualitätskontrolle bei auffälligen Befunden notwendig.

Brustkrebs

Brustkrebs ist die häufigste Krebserkrankung bei Frauen in Deutschland mit rund 70.000 Neuerkrankungen pro Jahr. Dazu kommen jährlich etwa 6.000 in situ-Tumore. Trotz der hohen Heilungsrate bleibt Brustkrebs die häufigste krebsbedingte Todesursache bei Frauen mit etwa 18.500 Todesfällen pro Jahr. Die Früherkennung durch strukturierte Screeningprogramme verbessert die Prognose deutlich: Tumore werden in früheren Stadien entdeckt, die Therapie ist weniger belastend, und die Lebensqualität steigt. Risiken bestehen in falsch positiven Befunden, unnötigen Eingriffen und Überdiagnosen, diese sind im Verhältnis zur Nutzenbilanz jedoch gering. Das zusätzliche Krebsrisiko durch die Strahlenbelastung einer Mammographie ist im Vergleich zum mittleren Lebenszeitrisiko einer Frau vernachlässigbar gering.

Das seit 2005 bundesweit implementierte Mammographie-Screening-Programm lädt Frauen zwischen 50 und 69 Jahren alle zwei Jahre ein und wird auf 45–75 Jahre ausgeweitet. Zertifizierte Screening-Einheiten gewährleisten hohe Qualitätsstandards, und regelmäßige Evaluationen belegen die Effektivität: 70–80 Prozent der Tumore werden im T1-Stadium ohne Lymphknotenbefall entdeckt. Die Mortalität kann durch regelmäßige Teilnahme am Screening um 20–30 Prozent gesenkt werden. Methodische Optimierungspotenziale bestehen bei digitaler Mammographie, KI-gestützter Befundung und ergänzendem MRT bei hoher Brustdichte. Insgesamt gilt das Mammographie-Screening in Deutschland als qualitativ hochwertig, sicher und lebensverlängernd.

Prostatakrebs

Prostatakrebs ist bei Männern die häufigste Krebsdiagnose im mittleren und höheren Alter, wobei etwa jeder fünfte bis sechste Mann bei Erstdiagnose bereits metastasiert ist. Ein PSA-basiertes Screening senkt die krebsbedingte Mortalität nachweislich, die absolute Reduktion ist jedoch gering (0,22 Prozent). Historisch war die Überdiagnoserate hoch, doch neue, risikoadaptierte Ansätze kombinieren einen PSA-Baselinewert im mittleren Lebensalter mit Risikoevaluation und gegebenenfalls MRT. Dies reduziert die Rate von Niedrigrisikokarzinomen deutlich, während die Detektion klinisch relevanter Tumore erhalten bleibt. Studien aus Deutschland zeigen, dass die Überdiagnoserate in den letzten Jahren von mehr als 50 Prozent auf unter 30 Prozent gesenkt werden konnte, ohne die Mortalität zu verschlechtern.

Für die praktische Umsetzung müssen Screeningprogramme auf gezielte Altersgruppen und Risikoprofile ausgerichtet sein, um unnötige Diagnostik bei Männern mit sehr niedrigem Risiko zu vermeiden. Pilot- und Implementierungsstudien in Deutschland prüfen aktuell die optimale Organisation, Einladungssysteme und diagnostische Strategien, um die Nutzen-Schaden-Relation zu maximieren und eine breite Akzeptanz in der Zielpopulation zu erreichen.

Fazit

Die Krebsfrüherkennung in Deutschland wirkt dort am besten, wo systematische Organisation, hohe Teilnahmequoten und klare Qualitätsstandards bestehen. Bei Darm- und Brustkrebs zeigt sich der Nutzen bereits deutlich, während bei Lungen-, Gebärmutterhals- und Prostatakrebs noch Ausbaupotenzial besteht. Risikoadaptierte Strategien, moderne Bildgebung, digitale Nachverfolgung und Impfschutz können künftig die Effektivität weiter erhöhen. Ziel muss sein, dass mehr Menschen von organisierten Screeningprogrammen profitieren, unnötige Diagnostik vermieden wird und die Krebssterblichkeit nachhaltig gesenkt werden kann.