Künstliche Intelligenz lernt Nervenzellen am Aussehen zu erkennen26. Juni 2019 Neue künstliche neuronale Netzwerke können nun selbständig Nervenzellen anhand ihres Aussehens erkennen und zuordnen. (© MPI für Neurobiologie, Julia Kuhl) Noch ist die Wissenschaft weit davon entfernt, das Gehirn zu verstehen. Seitdem Forscher jedoch künstliche Intelligenz auf neurobiologische Analysen trainieren, scheint es zumindest möglich, den zellulären Aufbau eines Gehirns zu rekonstruieren. Das Gehirn besteht aus zirka 86 Milliarden Nervenzellen und etwa genauso vielen Gliazellen. Dazu kommen an die 100 Billionen Verbindungen, allein zwischen den Nervenzellen. Während die Kartierung aller Verbindungen eines menschlichen Gehirns außer Reichweite bleibt, haben Wissenschaftler nun begonnen, das Problem im Kleinen anzugehen. Durch die Entwicklung der Serienschnitt-Rasterelektronenmikroskopie können mittlerweile alle Zellen und Verbindungen eines Gehirnbereichs automatisiert erfasst und in einem dreidimensionalen Bild dargestellt werden. „Um ein würfelförmiges Stückchen Gehirn mit 0,3 Kubikmillimetern unter dem Elektronenmikroskop zu erfassen, brauchen wir mehrere Monate“, weiß Philipp Schubert, Doktorand am Max-Planck-Institut für Neurobiologie. „Je nach Größe des Gehirns scheint das viel Zeit für ein winziges Stückchen, aber bereits da sind Tausende Zellen drin.“ So ein Datensatz bräuchte zudem knapp 100 Terrabyte Speicherplatz. Doch nicht das Erfassen und Speichern, sondern die Datenanalyse ist das Schwierige. Glücklicherweise haben sich zeitgleich mit den Mikroskopietechniken auch die Analysemethoden verbessert. Lange Zeit schien nur das menschliche Gehirn die Teile und Verbindungen von Nervenzellen zuverlässig in den elektronenmikroskopischen Aufnahmen erkennen und verfolgen zu können. So mussten immer noch Menschen in stundenlanger Bildschirmarbeit Zellbestandteile in den Bilderstapeln verfolgen und Computeranalysen korrigieren. Dadurch dauerte die Rekonstruktion selbst kleinster Datensätze viele Jahre. Vor wenigen Jahren holten sich die Forscher dann jedoch Hilfe: von künstlicher Intelligenz. Die Martinsrieder Neurobiologen trainierten sogenannte “Convolutional Neural Networks” darauf, Nervenzellbestandteile in den Bilddaten zu erkennen und voneinander zu unterscheiden. Durch verbesserte Bildanalyse mittels “Flood Filling Networks” konnten bereits im vergangenen Jahr ganze Nervenzellen mit all ihren Bestandteilen und Verbindungen nahezu fehlerfrei aus einem Bilderstapel automatisch herausgearbeitet werden. „Und nun gehen wir mit den Cellular Morphology Neural Networks noch einen Schritt weiter in der Analyse“, so Schubert. „Ähnlich wie der Mensch erkennen die CMNs eine Zelle anhand ihrer Form und aus dem Zusammenhang, und nicht über den Vergleich einzelner Pixel.“ Die CMNs können nun die aus einem Bilderstapel herausgearbeiteten Nervenzellen je nach ihrem Aussehen einem Nervenzelltyp oder einer Gliazelle zuordnen. Zudem erkennen die CMNs, ob ein Zellbereich zum Zellkörper, dem Axon, einem Dendriten oder zu dessen Dornenfortsätzen gehört. „Diese Informationen sind wichtig, um die Funktion der Zellen oder zum Beispiel die Richtung des Informationsflusses an den synaptischen Kontaktstellen zu verstehen“, so Schubert, der sich bereits auf die nächste Aufgabe freut: „Jetzt können wir endlich auch die größeren Datensätze analysieren!“ Originalpublikation: Schubert P. J. et al.: Learning cellular morphology with neural networks. Nat Commun 2019 Jun 21;10(1):2736.
Mehr erfahren zu: "Genetischer Risikofaktor und Virusinfektion tragen gemeinsam zur Multiplen Sklerose bei" Genetischer Risikofaktor und Virusinfektion tragen gemeinsam zur Multiplen Sklerose bei Multiple Sklerose wird durch eine Infektion mit dem Epstein-Barr-Virus mitverursacht. Daneben spielen aber auch bestimmte Genvarianten eine wichtige Rolle. Wie Forschende der Universität Zürich zeigen, führt erst das molekulare Zusammenspiel […]
Mehr erfahren zu: "Projekt für Umgang mit psychisch belasteten Schülern startet" Projekt für Umgang mit psychisch belasteten Schülern startet Verhaltensauffälligkeiten nehmen auch im Schulalltag zu. Nach langer Planung startet in Sachsen nun ein Projekt, das Lehrkräfte sowie Schulleitungen entlasten soll.
Mehr erfahren zu: "Pandemie-Folgen: Tausende Teenager mit Angststörungen und Panikattacken" Pandemie-Folgen: Tausende Teenager mit Angststörungen und Panikattacken Auch mehrere Jahre nach Ende der Corona-Pandemie prägt diese Zeit noch Tausende Teenager in Baden-Württemberg in Form psychischer Erkrankungen.