Kuhmichallergie: Leitlinien können Überdiagnose bei Säuglingen fördern28. Dezember 2021 Bei Säuglingen häufig auftretende Symptome wie das Aufstoßen von Milch können von Eltern fälschlicherweise als Kuhmilchallergie fehlinterpretiert werden. (Foto: ©saknakorn – stock.adobe.com) Internationale Leitlinien zur Diagnose einer Kuhmilchallergie können zu einer Überdiagnose führen, wie eine von der Universität Bristol geleitete Studie andeutet. Die Studie ergab, dass drei Viertel der Säuglinge im ersten Lebensjahr zwei oder mehr Symptome aufweisen, die den Leitlinien zufolge auf eine Kuhmilchallergie zurückzuführen sein könnten, obwohl nur einer von 100 Säuglingen tatsächlich von der Allergie betroffen ist. Kuhmilchallergien können entweder mit akuten oder mit verzögerten Symptomen auftreten. Die verzögerten Symptome sind vielfältiger und umfassen Darm- und Hautsymptome wie das Aufstoßen von Milch, Erbrechen, Koliken, lockeren Stuhlgang oder Verstopfung sowie das Aufflammen von Ekzemen. Viele dieser Symptome sind bei Säuglingen häufig, sodass eine verzögerte Kuhmilchallergie schwer zu diagnostizieren ist. Die Studie fand nun heraus, dass einer von vier Elternteilen jeden Monat zwei oder mehr mögliche “leichte bis mittlere” Symptome meldete. Am häufigsten traten die Symptome im Alter von drei Monaten auf, als alle Kinder voll gestillt wurden und keine Kuhmilch direkt zu sich nahmen. Im Alter von sechs Monaten gab es keinen Unterschied in der Anzahl der Kinder mit zwei oder mehr Symptomen zwischen denjenigen, die Kuhmilch konsumierten und denjenigen, die keine Kuhmilch erhielten. Insgesamt deuten diese Ergebnisse den Forschenden zufolge darauf hin, dass die meisten der in den Leitlinien für Kuhmilchallergien aufgeführten Symptome üblich und normal sind und nicht durch eine Kuhmilchallergie verursacht werden. Dr. Rosie Vincent, Honorary Clinical Research Fellow am Centre for Academic Primary Care, University of Bristol, die die Studie leitete, sagte: “Leitlinien, die dem Laien helfen sollen, eine Kuhmilchallergie bei Säuglingen zu diagnostizieren, können unbeabsichtigt normale Symptome bei Säuglingen medizinisieren und eine Überdiagnose der Kuhmilchallergie fördern.” Dr. Michael Perkin, leitender Mitforscher und Arzt für Kinderallergien am Population Health Research Institute der St. George’s University of London, fügte hinzu: “Unsere Ergebnisse stehen vor dem Hintergrund steigender Verschreibungsraten für Spezialnahrung für Kinder mit Kuhmilchallergie, die in keinem Verhältnis zu der uns bekannten Häufigkeit der Erkrankung stehen. Eltern von Kleinkindern suchen oft Kliniken auf, weil sie sich Sorgen über eine medizinische Ursache für die Symptome ihres Kindes wie Koliken, Aufstoßen von Milch oder lockeren Stuhlgang machen. Unsere Untersuchungen bestätigen jedoch, dass diese Symptome sehr häufig sind. Bei einem ansonsten gesunden Säugling ist eine zugrunde liegende Ursache unwahrscheinlich. Diese Symptome fälschlicherweise einer Kuhmilchallergie zuzuschreiben, ist nicht nur nicht hilfreich, sondern kann auch Schaden anrichten, weil es vom Stillen abhält.” Die Forscher von der Universität Bristol, der St. George’s University of London, dem Imperial College London, dem King’s College London und dem St. John’s Institute of Dermatology verwendeten Daten aus der Enquiring About Tolerance-Studie mit 1303 Säuglingen im Alter von drei bis zwölf Monaten, bei der die Eltern gebeten wurden, monatlich alle Symptome ihres Kindes zu erfassen. Sie zählten, wie viele Säuglinge jeden Monat Symptome einer Kuhmilchallergie aufwiesen, wie sie in der internationalen Leitlinie für Milchallergien in der Primärversorgung (iMAP) definiert sind. Prof. Matthew Ridd, Allgemeinmediziner und Forscher am Zentrum für akademische Primärversorgung der Universität Bristol, sagte: “Unsere Studie basierte auf der iMAP-Leitlinie, aber unsere Ergebnisse lassen sich wahrscheinlich auch auf andere Kuhmilchallergie-Leitlinien übertragen. Gut gemeinte Leitlinien müssen durch solide Daten untermauert werden, um den Schaden einer Überdiagnose zu vermeiden, der möglicherweise größer ist als der Schaden einer verspäteten Diagnose, den sie zu verhindern suchen.”
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