Langfristig scheinen Antidepressiva die Lebensqualität nicht zu verbessern

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Menschen mit einer depressiven Störung, die Antidepressiva einnehmen, entwickeln über einen Zeitraum von zwei Jahren keine höhere Lebensqualität als depressiven Menschen, die keine Antidepressiva einnehmen. Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie, die Gesundheitsdaten von mehr als 17 Millionen Patienten und Patientinnen aus den USA auswertete.

Bei der Untersuchung handelt es sich um eine Beobachtungsstudie, die Daten aus dem „Medical Expenditures Panel Survey“ nutzt – einer nationalen, repräsentativen Gesundheitsbefragung aus den USA, welche die gesamte Bevölkerung repräsentieren soll. Die gesundheitsbezogene Lebensqualität wurde über einen Fragebogen aus zwölf Fragen erhoben. Informationen darüber, ob die Patienten und Patientinnen eine Psychotherapie oder andere nichtpharmazeutische Behandlung erhalten haben, sind in der Auswertung nicht enthalten. Auch die Schwere der Depression der Probanden ist nicht bekannt.

Die beiden Gruppen – mit und ohne Antidepressiva – wurden nicht kontrolliert zusammengestellt und unterschieden sich leicht in mehreren Faktoren, etwa Ethnizität, Einkommen oder Versichertenstatus. Wie in allen retrospektiven Beobachtungsstudien ist es darum nicht möglich, einen kausalen Zusammenhang zwischen den beobachteten Größen herzustellen, in diesem Fall der Einnahme der Antidepressiva und der Lebensqualität.

Die Wirksamkeit von Antidepressiva – im Vergleich zu Placebo – wird in der Forschung noch debattiert. Die aktuelle Auswertung ergänzt das Wissen aus früheren Metaanalysen, die den Effekt von Antidepressiva in randomisierten klinischen Studien mit geringeren Stichprobengrößen und kürzeren Beobachtungszeiträumen untersuchten.

Die Metaanalysen zeigen, mit kleinen bis moderaten Effektstärken, dass Antidepressiva kurzfristig wirksamer als Placebo sind, die Lebensqualität geringfügig verbessern und dass Antidepressiva in Kombination mit einer Psychotherapie effektiver sind als entweder Antidepressiva oder Psychotherapie allein. Laut einer Metaanalyse aus dem Jahr 2009 sind rund 70 Prozent des Effekts von Antidepressiva auf den Placebo-Effekt zurückzuführen.

„Präsentiert wird eine Längsschnittuntersuchung einer Bevölkerungsstichprobe. Die Entscheidung, welche Teilnehmer ein Antidepressivum erhielten und welche nicht, ist damit nicht durch Zufall bedingt, sondern wird durch relevante Unterschiede in den beiden Gruppen bedingt sein – etwa Zugang zum Gesundheitswesen, Krankenversicherungsstatus, Schwere der Depression, Bildung, Einstellung zu Medikamenten und vieles anderes. Damit ist es aus methodischen Gründen nicht möglich, das fehlende bessere Abschneiden der Antidepressiva-Gruppe kausal auf die Einnahme der Medikation zurückzuführen. Dennoch hat die Studie einen hohen Wert, da sie im Unterschied zu den nur auf wenige Wochen angelegten randomisierten Studien einen Verlauf von zwei Jahren beobachtete und da sie ein realistisches Abbild der tatsächlichen Behandlungssituation gibt. Die Behandlungsumstände in einer randomisierten Studie – mit zufälliger Zuteilung der Studienteilnehmer auf Antidepressivum oder Placebo – sind unter vielen Aspekten artifiziell”, kommentierte Dr. Tom Bschor, Professor an der Klinik und Poliklinik für Psychiatrie und Psychotherapie, Universitätsklinikum Carl Gustav Carus Dresden, die Studienergebnisse.

„Auch wenn es kein direktes Ergebnis ihrer Studie ist, weisen die Autoren am Ende ihrer Publikation zurecht darauf hin, dass Ärztinnen und Ärzte eine stärkere Zurückhaltung bei der medikamentösen Behandlung von Depressionen zeigen sollten, nicht nur wegen des fehlenden Effekts auf die Lebensqualität, sondern da sich die Befunde mehren, dass die Verordnung von Antidepressiva langfristig zu einer Verschlechterung des Krankheitsverlaufes mit Chronifizierung und häufigeren Rückfällen der Depression und in der Folge der Notwendigkeit einer Dauerverschreibung von Antidepressiva führt. Die Autoren fordern, dass andere Behandlungsmöglichkeiten wie Psychotherapie, Hilfe zur Selbsthilfe, Aufklärung, Tagesstrukturierung und soziale Unterstützung vor der Verordnung von Antidepressiva eingesetzt werden sollten. Dem muss zugestimmt werden”, sagte Bschor, Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie und Mitglied der Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft.

Prof. Eva-Lotta Brakemeier, Direktorin des Zentrums für Psychologische Psychotherapie (ZPP) an der Universität Greifswald, kritisierte, dass im Rahmen der Studie nicht kontrolliert worden sei, ob die Teilnehmer eine Psychotherapie zusätzlich zu der Antidepressiva-Einnahme oder als Monotherapie durchführten. “Psychotherapie ist in der Behandlung der Depression nachweislich wirksam, was zahlreiche randomisiert-kontrollierte Studien, welche in Meta-Analysen zusammengefasst werden, belegen. Ihre Effektstärke ist mit medikamentösen Behandlungen mindestens vergleichbar und entsprechend hat sie als evidenzbasierte Behandlungsempfehlung der ersten Wahl bei der Depression Einzug in nationale und internationale Leitlinien gehalten. Zudem weisen Studien deutlich auch auf die Wirksamkeit der Psychotherapie bezogen auf die gesundheitsbezogene Lebensqualität hin, welche mit der von Antidepressiva mindestens vergleichbar ist, wobei die Kombination noch wirksamer zu sein scheint“, sagte die Professorin für Klinische Psychologie und Psychotherapie.