Langzeitstudie zeigt steigende Diagnoseraten der Autismus-Spektrum-Störung bei Mädchen

Im frühen Alter wir bei Mädchen seltener eine Autismus-Spektrum-Störung diagnostiziert als bei Jungen. (Foto: © Studio Romantic – stock.adobe.com)

In Schweden hat sich die Diagnosrate der Autismus-Spektrum-Störung (ASS) zwischen 1985 und 2020 verzehnfacht. Dabei ist die Prävalenz der ASS bei Mädchen höher als lange angenommen. Zu diesem Ergebnis kommen Forschende aus Schweden im Rahmen einer Kohortenstudie, die im Fachjournal „The British Medical Journal“ erschienen ist. 

Die Studie hat über das schwedische medizinische Geburtenregister 2.756.779 Neugeborene der Jahrgänge 1985 bis 2020 erfasst und bis zu 37 Jahre lang begleitet. Personen, die innerhalb von zwei Jahren aus Schweden emigriert oder verstorben, deren beider Eltern nicht in Schweden geboren sind sowie Personen, deren Angaben diesbezüglich nicht vollständig erfasst werden konnten, wurden von der Studie ausgeschlossen.

Mädchen werden später mit ASS diagnostiziert

Im Verlauf der Studiendauer wurden insgesamt 78.522 Personen (2,8 %) ab einem Alter von zwei Jahren mit einer ASS nach den internationalen statistischen Klassifikationssystemen ICD-9 oder ICD-10 diagnostiziert. Das Verhältnis der Diagnoserate zwischen Mädchen und Jungen, die „male to female ratio“ (MFR), glich sich über die Zeit an. Bis zu einem Alter von zehn Jahren wurden zwar etwa dreimal häufiger Jungen mit einer ASS diagnostiziert als Mädchen. Ab einem Alter von über 15 Jahren war das Diagnoseverhältnis aber ungefähr ausgeglichen. Frühere Studien berichten von einer Ungleichverteilung in der ASS-Diagnoserate zwischen Jungen und Mädchen mit einem Verhältnis zwischen 2,7:1 und 4,1:1. 

Die Autoren diskutieren verschiedene Faktoren, die erklären könnten, warum die ASS-Diagnoseraten bei Mädchen ab einem Alter von über zehn Jahren ansteigen und auch insgesamt höher sind als bisher berichtet. Beispielsweise wird der jüngste Anstieg der Diagnoserate bei Mädchen mit einer Ausweitung der klinischen Diagnosekriterien in Verbindung gebracht. Auch geschlechtsspezifische Unterschiede bei der Ausprägung für die Spektrum-Störung typischer Merkmale sind insbesondere in der Kindheit wahrscheinlich, was Verzerrungen in der Diagnoserate – insbesondere im frühen Kindesalter – bedingen könnte. 

Vorurteile erschweren die Diagnose bei Mädchen

„Gerade bei Mädchen mit hochfunktionalen ASS kann die Diagnostik schwieriger sein, wenn kein deutlich sozial-störendes Verhalten in der Kindheit auftritt. Schüchternheit, zurückgezogenes und sozial unbeholfenes Auftreten wird bei Mädchen häufig noch als ‚typisch weiblich‘ interpretiert, kann aber ein Hinweis auf eine ASS sein“, erklärte Prof. Regina Taurines,
stellvertretende Direktorin der Kinder- und Jugendpsychiatrie und Leiterin der Spezialambulanz Autismus/ Entwicklungsstörungen am Universitätsklinikum Würzburg, mit Blick auf die Studienergebnisse. 

„Dass Mädchen sich zunehmend häufiger mit ASS-Symptomen zur kinder- und jugendpsychiatrischen Diagnostik vorstellen, wird auch aus Deutschland berichtet. Allerdings existieren hier bislang noch keine publizierten systematischen Studien dazu“, erklärte Prof. Christine Freitag, Direktorin der Klinik für Psychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie des Kindes- und Jugendalters, Universitätsklinikum Frankfurt.

Einfluss sozialer Medien denkbar

Allerdings sei die Differenzialdiagnose zur Sozialen Phobie und Zwangsstörung, gegebenenfalls kombiniert mit einer depressiven Episode, im Jugendalter oft schwierig. Zudem wünschten sich die weiblichen Jugendlichen oder auch Eltern die ASS-Diagnose oft zur eigenen Entlastung, berichtet die Expertin. In der schwedischen Studie fehle die Angabe, wer die Diagnosen gestellt hat und ob dies ausgebildetes Fachpersonal war, das regelmäßig mit Kindern und Jugendlichen mit anderen psychischen Störungen, insbesondere Angst- und Zwangsstörungen, arbeitet. 

Und noch eine Möglichkeit zur Verzerrung der Studienergebnisse sieht Freitag: „Ein wesentlicher Aspekt wird in der Studie nicht diskutiert: Der zunehmende Medienkonsum, die Propagierung der Neurodiversitätsbewegung über die sozialen Medien, der insbesondere jugendliche Mädchen stark beeinflusst. Der Einfluss sozialer Medien hat nachweisbar zu einem Anstieg von Ess- und Angststörungen insbesondere bei jugendlichen Mädchen geführt. (…) Es kann also nicht ausgeschlossen werden, dass durch den Einfluss von sozialen Medien sowohl die Jugendlichen vermehrt um eine Diagnose nachsuchen als auch Professionelle hierdurch ihren diagnostischen Blick verändern“, gibt die Psychiaterin zu bedenken.