Leberfibrose und Routineversorgung von Diabetikern: Fortgeschrittene Lebererkrankungen aufdecken

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Bei einer routinemäßige Beurteilung der Leberfibrose bei Menschen mit Typ-2-Diabetes (T2DM) lässt sich, laut einer Pilotstudie, die in zwei Praxen der Primärversorgung im Nordosten Englands durchgeführt wurde, eine große Anzahl bisher unentdeckter Fälle fortgeschrittener Lebererkrankungen identifizieren.

Die Studie, auf der diese Erkenntnis beruht, wurde auf dem Digital International Liver Congress 2020 vorgestellt. Darin untersuchten die Autoren eine zweistufige Beurteilung der Leberfibrose im Rahmen routinemäßiger diabetischer Untersuchungen und stellte fest, dass 4,8 Prozent der Patienten mit Diabetes auch an einer fortgeschrittenen Fibrose oder Leberzirrhose litten, wodurch sie einem erhöhten Risiko für Leberkrebs oder eine Lebertransplantation ausgesetzt waren.

Die nicht alkoholische Fettlebererkrankung (NAFLD) gilt als Manifestation des metabolischen Syndroms in der Leber und betrifft weltweit bis zu 25 Prozent der Erwachsenen. T2DM ist ein wichtiger Risikofaktor für eine NAFLD, bei einer Prävalenz von bis zu 50 Prozent in dieser Population, und kann auch das Fortschreiten einer nicht alkoholbedingten Steatohepatitis (NASH) und Leberzirrhose beschleunigen. Trotz einiger Leitlinien, die ein Screening auf NASH oder fortgeschrittene Fibrose in Risikopopulationen empfehlen, wird ein solches Vorgehen immer noch kritisch diskutiert.

In dieser Pilotstudie wurde eine zweistufige Beurteilung der Fibrose in die routinemäßige Überprüfung von Diabetikern für 477 aufeinanderfolgende Patienten mit T2DM (zwischen April 2018 und September 2019) einbezogen. Bei allen Patienten über 35 Jahre wurde der FIB-4-Score (ein Maß für die potenzielle Leberfibrose basierend auf Blutbiomarkern und Alter) berechnet. Insgesamt 84 Patienten hatten einen FIB-4-Score über dem altersbedingten Grenzwert, von denen 56 zur Beurteilung ihrer Fibrose mittels transienter Elastographie (FibroScan) geeignet waren. Patienten mit einer Lebersteifigkeitsmessung (LSM) 8 kPa oder weniger blieben in der Grundversorgung, wobei empfohlen wurde, das Staging nach Ablauf von 3 Jahren zu wiederholen. 24 Patienten hatten jedoch eine LSM über 8 kPa, was auf eine signifikante Fibrose hinweist, und wurden in die Sekundärversorgung überwiesen. Patienten, bei denen nach fachlicher Beurteilung eine fortgeschrittene Fibrose/Zirrhose vermutet wurde, nahm man in Überwachungsprogramme auf.

Die Gesamtrate von fortgeschrittenen Fibrosen/Zirrhosen betrug 4,8%, was einem siebenfachen Anstieg der Diagnose einer fortgeschrittenen Lebererkrankung/Zirrhose gegenüber dem entspricht, was zuvor bei Patienten mit Diabetes in diesem Zentrum beobachtet wurde. Darüber hinaus ergab die Studie, dass mehr als 50 Prozent der Patienten, bei denen eine signifikante Fibrose oder eine fortgeschrittene Lebererkrankung diagnostiziert wurde, normale Alanin-Aminotransferase(ALT)-Spiegel aufwiesen. Bei zwei asymptomatischen Patienten wurde zudem ein hepatozelluläres Karzinom diagnostiziert.

„Wir haben eine signifikante Anzahl von Patienten mit fortgeschrittener Lebererkrankung identifiziert, von denen mehr als die Hälfte eine normale ALT hatte, und die übersehen worden wären, wenn nur die nationalen Leitlinien befolgt worden wären“, erklärt Dr. Dina Mansour, vom Queen Elizabeth Hospital in Gateshead (Großbritannien). „Soweit wir wissen, ist dies der erste Weg, der die zweistufige Beurteilung der Leberfibrose in die routinemäßige Überprüfung von Diabetikern in der Grundversorgung einbezieht.“’

„Die NAFLD ist sehr verbreitet und ist auf dem Weg dazu, Hauptindikation für Lebertransplantationen zu werden. Es ist daher wichtig, eine schwere Lebererkrankung zu diagnostizieren, wenn sich die Patienten noch in der asymptomatischen Phase befinden, damit ein weiteres Fortschreiten der Krankheit verhindert werden kann“, betont Prof. Emmanuel Tsochatzis vom Royal Free Hospital und dem University College London (Großbritannien), Mitglied im Verwaltungsrat der European Association for the Study of the Liver (EASL). „Wir können uns hierfür nicht auf klinisches Urteilsvermögen oder abnorme Lebertests verlassen. Wir benötigen Staging-Pfade mit nicht invasiver Fibrosebewertung in der Grundversorgung oder in Diabeteskliniken. Diese Studie liefert den Proof of Concept, dass solche Wege machbar und hochwirksam sind.“