Leberkrebs: Forderung nach mehr Aufmerksamkeit in Bezug auf Hepatitis D

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Von allen Hepatitis-Viren weiß man über das Hepatitis-Virus D am wenigsten. Erwerben können es nur Menschen, die bereits mit Hepatitis B (HBV) infiziert sind. Hepatitis D (HDV) ist eine der gefährlichsten Formen der chronischen Virushepatitis, da sie unter Umständen zu irreversiblen Lebererkrankungen (insbesondere Krebs und Leberzirrhose) progrediert.

Wissenschaftler der Universität Genf (UNIGE) und der Universitätskliniken Genf (HUG) haben die schwerwiegendsten Folgen einer chronischen Hepatitis untersucht: das Hepatozelluläre Karzinom (HCC). Durch eine systematische Überprüfung der Literatur und eine Metaanalyse aller verfügbaren Daten konnten die Forscher zeigen, dass Menschen, die mit Hepatitis D infiziert sind ein bis zu dreimal so hohes HCC-Risiko haben wie Menschen, die nur mit Hepatitis B infiziert sind. Die Ergebnisse ihrer Studie, so die Autoren, sprächen für die Durchführung eines systematischen Hepatitis-D-Screenings bei HBV-Patienten. Es würde eine bessere Therapie ermöglichen und zum anderen die Kenntnisse über die tatsächliche Prävalenz der Krankheit verbessern.

„Die schwerwiegendste Folge von Hepatitis B und D ist das hepatozelluläre Karzinom“, erklärt Francesco Negro, Professor an der Abteilung für Pathologie und Immunologie der medizinischen Fakultät der UNIGE und Leiter der Abteilung für Viropathologie an der HUG. Es war bereits bekannt, dass eine Koinfektion mit Hepatitis B und D das Voranschreiten einer Zirrhose beschleunigt. Inwieweit führt eine Koinfektion von Hepatitis B und D zu einem rascheren Progress in Richtung dieser besonders aggressiven Form von Leberkrebs? Eine Bewertung dessen stand noch aus.“

„Um herauszufinden, ob Hepatitis D noch gefährlicher als Hepatitis B ist, haben wir eine systematische Überprüfung und Metaanalyse aller epidemiologischen Studien durchgeführt“, erklärt Dulce Alfaiate, Forscher an der Abteilung für Pathologie und Immunologie der UNIGE-Fakultät für Medizin sowie Erstautor der aktuellen Arbeit. „Zu diesem Zweck haben wir die in 93 Studien mit insgesamt mehr als 100.000 Patienten präsentierten Daten erneut untersucht. Obwohl nicht alle Studie von gleicher Qualität waren, ergab die Analyse derjenigen von höchster Qualität ein klares Bild: Patienten mit Hepatitis D haben ein fast dreimal so hohes HCC-Risiko wie Patienten mit Hepatitis B allein. Das ist enorm.“

Weltweit sind mindestens 15 Millionen Menschen infiziert

Nach Angaben der Weltgesundheitsorganisation sind Hunderte Millionen Menschen mit HBV infiziert. In einigen Regionen wie Polynesien und einigen afrikanischen Ländern sind mehr als sechs Prozent der erwachsenen Bevölkerung betroffen. Das Virus wird hauptsächlich von der Mutter auf das Kind übertragen. Darüber hinaus entwickeln bei der Geburt infizierte Kinder fast immer die chronische Form der Erkrankung.
Das Hepatitis-D-Virus infiziert wiederum einen signifikanten Anteil der Hepatitis-B-Träger, das Ausmaß des Problems ist jedoch unbekannt. „Einige Schätzungen gehen davon aus, dass mindestens 15 bis 20 Millionen Menschen mit Hepatitis D infiziert sind, während andere Schätzungen bis zu 60 Millionen gehen, was fast der doppelten Zahl von Menschen entspricht, die weltweit mit HIV leben“, sagt Alfaiate. In Ermangelung systematischer Tests jedoch es ist äußerst schwierig, in dieser Aussage genau zu sein.“

In der Schweiz leben schätzungsweise 25.000 Menschen mit Hepatitis B, davon 1500 mit einer gleichzeitigen HDV-Infektion – und das trotz eines verfügbaren und wirksamen Hepatitis-B-Impfstoffes.

Ein Aufruf zur Forschung

„Aus unserer Sicht wird der Progress hin zu Leberkrebs stark unterschätzt“, betont Francesco Negro. „Dabei betrifft diese Erkrankung junge Patienten, die bereits im Alter von 25 bis 30 Jahren an Zirrhose leiden.“ Derzeit werden verschiedene Möglichkeiten zur Bekämpfung der Krankheit untersucht: Negros Labor untersucht die durch das Virus induzierten epigenetischen Veränderungen und den Mechanismus der Entstehung von Lebertumoren. „Unsere Arbeit unterstreicht die Notwendigkeit, das Hepatitis-D-Screening bei Hepatitis-B-Patienten zu verbessern, sowie die dringende Notwendigkeit wirksamer antiviraler Therapien wie die gegen Hepatitis C, die seit 2011 Millionen Menschen das Leben gerettet hat“, unterstreichen die Autoren.