Leipziger Tierärztekongress war wie die Stadt selbst – Am Puls der Zeit

Die meisten Vorträge auf dem 13. Leipziger Tierärztekongress waren ausnehmend gut besucht. Fotos: © Sigrun Grombacher

Der 13. Leipziger Tierärztekongress, der vom 15.-17. Januar stattfand, übertraf mit 7400 Veterinärmedizinern, Tiermedizinischen Fachangestellten und Studenten sowie 580 Referenten alle Erwartungen. In den Vortragssälen und auf der vetexpo europe wurden die dichtgedrängten Besucher auf den neuesten Stand gebracht in Sachen Tiermedizin.

Als ehemalige Studentin der Leipziger Veterinärmedizinischen Fakultät ist es für mich immer wieder eine große Freude zurückzukehren. Als ich 1993 für das Tiermedizinstudium nach Leipzig kam, herrschte eine Stimmung des Aufbruchs und der Zuversicht, die sich die Stadt bis heute bewahren konnte. Auf meiner „Studentenkutsche“, einem Fiat Uno, klebte der damals gebräuchliche, etwas provokante Slogan „Leipzig kommt“. Und das ist Fakultät, Stadt und nicht zuletzt dem Leipziger Tierärztekongress wie keinem anderen gelungen.

Den vielen Kommilitonen, die ich auf dem Kongress getroffen habe, geht es ähnlich. Einerseits besucht man den Kongress wegen des hervorragenden Vortragsprogramms, andererseits auch wegen der pulsierenden Stadt und der intensiven Erinnerungen.

Mein Leipzig lob ich mir – das sagte schon Goethe

Die Kongressbesucher reisten sowohl aus dem gesamten Bundesgebiet als auch aus dem Ausland an. Insgesamt kamen Gäste aus 40 Ländern in die Messestadt, vor allem aus der Schweiz und aus Österreich. Und 93 Prozent gaben in einer Teilnehmerbefragung an, dass sie den Kongress weiterempfehlen würden.

Neben den mehr als 500 Vorträgen war auch in puncto Medizinprodukte und Innovationen viel geboten. So präsentierten 352 Aussteller aus 20 Ländern in der ausverkauften vetexpo europe ihre Waren, Dienstleistungen und Technologien für den tierärztlichen Alltag.

Drei Tage lang bespielte das Fachprogramm Themen wie Zahngesundheit und Fütterung bei Sportpferden, internistische und neurologische Erkrankungen bei Hunden und Katzen oder Aufzuchtfehler in der Papageienzucht bis hin zu übergeordneten Fragestellungen. Dazu zählten auch Gewaltprävention in der Tierarztpraxis und aktuelle Tierschutzvorhaben in Deutschland und der EU. Aber auch ethisch schwierige Fragen, denen Tierärzte im Praxisalltag nicht selten begegnen, fanden Berücksichtigung im Kongressprogramm.

Tierärztin Dr. Karen Lührs Foto: © SG

Und das kam gut an. So hat Dr. Karen Lührs, als praktische Tierärztin in der Tierarztpraxis Petra Morlock in Stuttgart-Degerloch tätig, besonders die philosophische Beleuchtung tierärztlicher Fragestellungen im Vortrag „Lebensverlängerung für das Tier oder macht man das doch alles nur für den Menschen?“ von PD Dr. Werner Moskopp, Universität Koblenz, sehr gut gefallen. „Ich empfinde es als sinnvoll, wenn wir Tierärzte aus dieser Fachrichtung Unterstützung erhalten. Im Praxisalltag treten quasi täglich ethisch komplexe Fragestellungen auf. Und gerade beim nahenden Lebensende des Tieres kommt es gelegentlich zu schwierigen Situationen oder auch Diskussionen, für die es nicht die eine passende Lösung gibt. Da hilft jede neue Perspektive, um den eigenen Blickwinkel zu erweitern.“

Ebenfalls gut gefallen hat ihr der Vortrag von Prof. Wess von der LMU München, der über neue Innovationen in der Kardiologie referierte. Auch Karen Lührs freut sich immer wieder, nach Leipzig zurückzukommen und alte Studienkollegen zu treffen.

Weitblick für die Lehre: Internationale Perspektiven auf Ausbildung

Erstmals war die European Conference on Veterinary and Medical Education zu Gast in Leipzig. Expertinnen und Experten aus neun Ländern, darunter Brasilien, Großbritannien, Irland, Israel, Italien, Slowenien und Ungarn, beleuchteten aktuelle Herausforderungen der veterinärmedizinischen Ausbildung. Im Fokus standen der internationale Vergleich von Ausbildungsmodellen, der Einsatz von Künstlicher Intelligenz in Lehr- und Lernprozessen sowie die Frage, inwieweit Tiere in der Ausbildung notwendig sind. Ziel der Konferenz war es, neue didaktische Ansätze zu diskutieren, erprobte Konzepte weiterzuentwickeln und den internationalen Dialog zu stärken, auch im Sinne einer engeren Vernetzung europäischer Ausbildungsstandorte.

Fachmesse war Dreh- und Angelpunkt im Messegeschehen

Auf der Industrieausstellung herrschte an allen drei Tagen reger Publikumsverkehr. So wurde an den Ständen nicht nur intensiv über die neuesten Produkte informiert, sondern auch jede Menge „Schälchen Heeßn“ ausgegeben, wie die Kaffee liebenden Sachsen das Heißgetränk früher gerne nannten. Nicht zu übersehen war unterdes, dass Künstliche Intelligenz und Virtual-Reality-Technologien immer stärker ihren Weg in die Tierarztpraxen finden. Julius Laux, Geschäftsführer der Vetpal GmbH, Berlin, die mit der KI-Telefonassistentin Emma auf der vetexpo vertreten war, sagte: „… Das war 100 Prozent State of the Art, von Drohnen bis Röntgentechnik. Wir kommen definitiv wieder, denn der Leipziger Tierärztekongress ist das Flaggschiff in unserem Bereich.“

Foto: © SG

Lange Schlangen bildeten sich am Stand der Serumwerk Bernburg AG, die mit dem Reitsimulator und Manja Gille einen Nerv getroffen haben. „Sir George“, wie das geduldige Lehrtier heißt, ist ein Reitsimulator der Firma Racewood, der die natürlichen Bewegungen eines echten Pferdes nachahmt. So können unerfahrene Reiter unterschiedliche Gangarten von der ruhigen Schrittphase bis hin zu Galopp- und Trab üben, ohne dass ein „echtes“ Pferd unter allzu groben Anfängerfehlern leiden muss. Aber auch Fortgeschrittene nutzen Sir George’s Dienste gerne, um an ihrem Reitstil zu arbeiten und korrekte Seitengänge bis zur hohen Klasse zu erlernen oder zu verfeinern. Dabei ist es egal, ob jemand zu stark im Maul reißt oder mit den Knien kneift, Sir George detektiert sie alle. Und wo der tierische Lehrmeister nicht ansetzen kann, korrigiert Manja Gille die Haltung wie etwa die häufig eingezogene Schulterpartie.

Gille ist Pferdewirtschaftsmeisterin, Mentalcoach und Neuro-Rider-Trainerin mit einer großen Leidenschaft für Pferde. Letzteres verbindet sie mit Cornelia Jahn, die als Tierärztin und Osteopathin in eigener Praxis in Leipzig tätig ist und, wie Gille, seit ihrer Jugend reitet. „Nach kurzer Eingewöhnungszeit, in der man sich in den Rhythmus einfinden muss, stellt sich ein echtes Reitgefühl ein,“ sagt die Tierärztin. Durch die starke Fokussierung gelingt es nach und nach, sich ganz auf das Pferd einzulassen und schließlich loszulassen, worin eines der Ziele von Gille’s Arbeit besteht: Die völlige Einheit von Reiterin und Pferd. Im normalen Leben ist Sir George in Essen zuhause.

Authentisch bis ins Detail

Dr. Alexandra Molzahn, Geschäftsführerin der Virbac Tierarzneimittel GmbH, Bad Oldesloe sagte: „Eine volle Halle sowie ein spannendes Programm mit einem gelungenen Mix aus medizinischen, berufs- und standespolitischen Themen bis hin zu Digitalisierung, KI und Praxismanagement: Der Leipziger Tierärztekongress hat seine Rekordserie fortgesetzt und den Nerv der Branche exakt getroffen. An unserem Stand zeigte sich das in durchgehend hohem Andrang, intensiven Gesprächen und einer hervorragenden Stimmung. Besonders gefragt war unsere Neuheit, das erste 2-in-1-Arzneifuttermittel für Katzen. Für uns steht fest: Wir sind beim nächsten Mal wieder dabei.“

Und wie sie sahen das viele Aussteller und Besucher. Unter anderem auch, weil die Leipziger Messe logistisch einfach unschlagbar ist. „Da gibt es keine langen Warteschlangen beim Auf- und Abbau. Man kann direkt bis ans Tor fahren und sein Equipment ohne Gedränge ganz gemütlich ein- bzw. auspacken. Es ist genug Platz für alle da. Das reduziert den Stress ganz erheblich“, gab eine der kleineren Ausstellerfirmen zu Protokoll.

Ich lass mich doch nicht veräppeln. Foto: © SG

Doch auch die großen zeigten sich mehr als zufrieden. „Der Leipziger Tierärztekongress hat unsere Erwartungen übertroffen. Er ist das zentrale Forum unserer Branche – ein Ort, an dem Leidenschaft für Tiergesundheit sichtbar wird. In diesem Jahr wurde deutlich: Tiergesundheit lebt von einem starken Ökosystem – getragen von der veterinärmedizinischen Community, Wissenschaft, Politik und Industrie. Nur gemeinsam können wir Herausforderungen wirklich gestalten“, betonte Sandra Quintero, Geschäftsführerin der Boehringer Ingelheim Vetmedica GmbH.

Leipziger Spirit beflügelte die Branche

Prof. Alexander Starke, Direktor der Klinik für Klauentiere an der Veterinärmedizinischen Fakultät der Universität Leipzig: „Der Leipziger Spirit hat den Leipziger Tierärztekongress auch in diesem Jahr spürbar getragen. Fachliche Tiefe, lebendige Debatten und eine erstklassige Industrieausstellung entfalteten starke Anziehungskraft. Die gefüllten Vortragssäle bei unserem Wiederkäuerprogramm sprechen dafür, dass die Themen die Branche bewegen, die Referenten diese gut rüberbringen und die Tierärztinnen und Tierärzte Fort- und Weiterbildung suchen … Mich freut auch, dass das mittlerweile zum sechsten Mal stattfindende ‚Klauengesundheitssymposium‘ sich zu einer festen Größe in der Branche entwickelt hat. Alles in allem: ein voller Erfolg für Wissenschaft, Praxis, Innovation und Nachwuchsförderung. Wir freuen uns schon jetzt auf den nächsten Kongress.“

Genauso geht es Dr. Hannah Bender, Fachtierärztin für Innere Medizin der Kleintiere. Sie arbeitet parallel in der Kleintierklinik der Uni Gießen und in der Kleintierpraxis Dr. Andrea Vollmar in NRW. Bender’s Hauptinteressengebiet ist die Internistik und hier besonders die Endokrinologie. Insofern verwundert es wenig, dass ihr die Vorträge von Prof. Iwan Burgener und PD Dr. Florian Zeugswetter, beide von der Vetmeduni Wien, die sich am Freitagvormittag im fliegenden Vortragswechsel gegenseitig anspornten, ausgesprochen gut gefielen. „Besonders hilfreich fand ich Dr. Zeugswetter’s Ausführungen zur Diabetestherapie bei der Katze. Er hat die in der Praxis häufig auftretenden Komplikationen direkt angesprochen und ausführlich erläutert, welche Maßnahmen wann indiziert sind. Auch die Vorträge zu Nierenerkrankungen fand ich sehr praxisnah. Und was sich immer wieder als praktisch erweist hier in Leipzig ist die Aufteilung in einzelne Themenblöcke, das erspart einem viele Wege.“

Beim Themenblock Onkologie hat ihr der Vortrag von Dr. Martin Kessler zur Beachtung der Resektionsränder sehr gefallen. „Ein Chirurg hat eine andere Perspektive als ein Pathologe. Das hat Dr. Kessler gut vermittelt. Vielleicht trägt das zum Verständnis der Fachbereiche füreinander bei.“ Insgesamt fand Hannah Bender den Leipziger Tierärztekongress sehr schön. Und sie hat viele „Luchse“ getroffen, wie sich ihr Matrikel nennt.

Das Bergfest: Eine liebevoll gepflegte Tradition

Die Bezeichnung einzelner Jahrgänge der Veterinärmedizinischen Fakultät Leipzig, wie etwa die „Luchse“, nimmt ihren Ursprung durch die mit viel Leidenschaft und Feierlaune aufrecht erhaltene Tradition des „Bergfests“. So sucht sich jeder Jahrgang ein Motto, ein Banner und ein Maskottchen aus, nach dem dann auch die Studenten des Jahrgangs benannt werden. Der Matrikel ’22, der stimmgewaltig den musikalischen Teil des studentischen Programms auf dem Leipziger Tierärztekongress bestritt, hat als Maskottchen einen Oktopus. Das Bergfest stellt einen festen Bestandteil des studentischen Lebens in der veterinärmedizinischen Ausbildung in Leipzig dar, wie das auch bei manch anderen Fachschaften der Fall ist. Im 6. Fachsemester, wenn die Hälfte des Studiums hinter einem liegt, man also auf dem Berg angekommen ist, machen die Studenten nahezu eine Woche lang das Fakultätsgelände zur Feierzone. Wer mehr über diesen schönen Brauch wissen möchte, findet hier

Universität Leipzig: Bergfeste der Matrikel der Veterinärmedizin nähere Informationen.

Der Matrikel ’22 gab mit seinem Maskottchen, einem Oktopus (orange), mehrere Kostenproben seines gesanglichen Könnens, was auf große Resonanz beim Publikum stieß. Da auch die großen Hits vergangener Matrikel zum Besten gegeben wurden, grölte die halbe Messehalle mit, so etwa beim All-Time-Klassiker „Leipzig, Leipzig“ vom Matrikel ’96. Foto: © SG

PAUL – eine sinnvolle Lehreinrichtung

Dass die Studierenden nicht nur richtig engagiert im Party machen sind, bewiesen sie unter anderem mit der Präsentation des PAUL (Praktisches Ausbildungs- und Lernzentrum) der Veterinärmedizinischen Fakultät Leipzig. Drei Studentinnen berichteten, dass die Einrichtung ihnen sehr nütze in ihrer Ausbildung, da man sich in Ruhe mit der Abfolge bestimmter Handgriffe vetraut machen könne, ohne ein Tier mit der eigenen Unsicherheit zu konfrontieren. Sobald man die einzelnen notwendigen Handlungsschritte verinnerlicht habe, ginge man mit mehr Zuversicht ans Tier und dies sei für Student und Proband von Vorteil. Bei der Vorbereitung auf mögliche Gefahren oder Hindernisse werden die Studierenden von zwei Lehrtierärztinnen unterstützt. Mehr dazu:

Universität Leipzig: Praktisches Ausbildungs- und Lernzentrum

Die drei Studentinnen, die sich gerade im dritten Staatsexamen befinden – und dafür waren sie erstaunlich gelassen – wollen in verschiedene Richtungen gehen: Eine will sich auf Pferde spezialisieren, eine in der Kleintierpraxis tätig werden und die dritte in der Nutztierpraxis arbeiten. Eines ist ziemlich sicher: An Stellenangeboten wird es ihnen nicht mangeln.

Vom Suchen und Finden: Personalsuche mal anders

Nicht zuletzt aus diesem Grund war die vetjobs24 CAREER CORNER eine der Hauptattraktionen der Fachmesse. Der immer deutlicher zutage tretende Tierärztemangel, der auch in einer zentralen Veranstaltung auf dem Kongress thematisiert wurde, macht der Branche Kopfzerbrechen. Tierärzte fehlen an allen Ecken und Enden. Im Prinzip gibt es kaum eine Praxis, eine Klinik, eine Behörde oder ein Labor, das keine Mitarbeiter sucht.  

Am Stand der Kleintierklinik Ettlingen, Baden-Württemberg, fanden sich gleich mehrere interessierte junge Tierärzte und Tierärztinnen ein, die sich neugierig über den potenziellen Arbeitgeber informieren wollten. Ettlingen hat knapp 39 000 Einwohner und liegt südlich von Karlsruhe. Die Kleintierklinik Ettlingen sucht mehrere Tierärzte und TFAs. Wie in einer Tierklinik üblich, sollte die Bereitschaft zur Teilnahme an Nacht- und Wochenenddiensten vorhanden sein.

Auch Tierarzt Dr. Karsten Stief sucht händeringend nach Tierärzten für das Kleintierzentrum Heidenheim. Mit seiner originellen Idee als wandelnde Litfaßsäule über den Leipziger Tierärztekongress zu laufen, hat er zumindest Kontakt zu möglichen Jobkandidaten gefunden – und zu leidgeprüften anderen Arbeitgebern, die ebenfalls intensiv nach Angestellten suchen. Auch Stief sieht im Tierärztemangel ein großes, alle Fachbereiche betreffendes Problem.

Felix Hamke, Inhaber der BlueVet Tierarztpraxis GmbH sagte: „Unser erster Leipziger Tierärztekongress hat uns überzeugt. Die Präsentation in der CAREER CORNER auf der vetexpo europe erwies sich als interessante Möglichkeit, frühzeitig Nachwuchs für unsere Praxis zu gewinnen: Viele Studierende interessierten sich für unsere Praktika und auch der ein oder andere erfahrene Kollege ist auf uns aufmerksam geworden. In zwei Jahren sind wir wieder dabei – die Mischung aus großen Unternehmen und kleineren Anbietern, verbunden mit tollen Networking-Möglichkeiten, ist ein starkes Konzept.“

TFA-Programm erfreute sich großen Zuspruchs

Auch für die Tiermedizinischen Fachangestellten gab es mehrere Vorträge im Kongressprogramm, die sehr gut besucht waren.

Renée Corley, Auszubildende im ersten Lehrjahr in einer Tierarztpraxis, nimmt viele starke Eindrücke vom Kongress mit nach Hause. Die Auszubildende empfindet ihren Beruf als sehr sinnvoll, weil sie mit ihrer Arbeit etwas bewirken kann. Außerdem arbeitet sie schon lange in der Wildtierhilfe für Igel und Eichhörnchen mit. Bei Igeln holt man sich sehr leicht Hautpilze, sagt sie. Auf dem Leipziger Tierärztekongress hat sie das Programm für TFAs besucht. Den Vortrag „Wenn die Laborwerte nicht zum Patienten passen: Was muss ich bei der Analyse von Blutproben beachten?“ von Dr. Eva Reith vom Mitteldeutschen Kompetenzzentrum für Kleintiere fand sie besonders praxisnah. Aber auch die Ausführungen von Dr. Josephine Dietzel (Universität Leipzig, Klinik für Kleintiere) zum Schädel-Hirntrauma bei Hund und Katze fand die Auszubildende spannend.

Foto: © SG

Heimtiere: eine feste Größe im Kongressprogramm

Großer Beliebtheit erfreuten sich die HNO-Vorträge. Und auch bei den Heimtieren konnten die Referentinnen mit mehreren sich am Thema „Was alles schiefgehen kann“ orientierenden Vorträgen stark punkten. Ein noch immer beliebter Fehler sei die Infusion glukosehaltiger Lösungen bei Kleinsäugern ohne Kenntnis der Blutglukosekonzentration. Dies ist insbesondere bei Kaninchen mit einer Magendilatation oder einem Ileus kontraproduktiv, da bei diesen Tieren ohnehin nicht selten eine Hyperglykämie vorliegt. Durch Magendilatation/Ileus bedingte Hyperglykämien ließen sich jedoch durch eine adäquate Infusion und vor allem Schmerztherapie in relativ kurzer Zeit normalisieren. Bei Kaninchen können Frakturversorgungen aufgrund häufig vorliegender Splitterfrakturen sehr herausfordernd sein. Da es postoperativ auch öfter zu Wundinfektionen kommt, sollten die Tierbesitzer vor einem Eingriff gut über potenzielle Komplikationen aufgeklärt werden.

Besonders gemütlich und entspannt war es mal wieder in der Session der Dermatologen, die sich am Samstagnachmittag mit der caninen atopischen Dermatitis (cAD) und der Otitis befassten. Bei der abschließenden Gesprächsrunde standen die Experten geduldig Rede und Antwort, etwa auf die Frage warum die allergische Otitis eigentlich einseitig auftreten könne, ob das nicht per se ein Widerspruch sei. Prof. Ralf Müller von der LMU München meinte darauf, wenn einer im Saal das beantworten könnte, wäre er oder sie „genial“. Müller hatte zuvor vor proppenvollem Saal einen Vortrag über Ohr-Operationen bei chronischen Otitiden beim Hund gehalten und wann diese „als Ende der Fahnenstange“ im Einzelnen indiziert sind. Dabei hat er eher ungeübten Chirurgen dringend von der totalen Gehörgansablation mit lateraler Bullaosteotomie (TECA-BO) abgeraten (O-Ton: Wenn Sie zu der Kategorie Tierärzte gehören, für die ein Skalpell nur für ein Hautgeschabsel taugt, dann versuchen Sie sich bitte nicht an dieser schwierigen OP …).

Zupfen oder nicht zupfen – das ist hier die Frage

Einhellig gaben die Experten auf Nachfrage an, dass sie bei einer reinen Malassezien-Otits keine Präparate anwenden, die Antibiotika enthalten. Prof. Wolfgang Bäumer von der FU Berlin, wies darauf hin, dass bei Zubereitung von selbst gebrauten Ohrenpräparaten genau begründet werden müsse, warum dies notwendig sei. Außerdem sei unklar, inwieweit solche selbst zubereiteten Mixturen galenisch stabil seien, dessen solle man sich bewusst sein. Dr. Nina Thom, Justus-Liebig-Universität Gießen, hatte es bereits in ihren Vortrag über Prädispositionen für Otitis beim Hund einfließen lassen – und wiederholte die Antwort auf eine Frage, die seit vielen Jahren immer wieder Diskussionsgegenstand beim Thema Otitis ist, gerne noch einmal: Haare sollten im gesunden Hundeohr nicht gezupft werden, da dies zu Irritationen führe, auch wenn viele Züchter das anders sähen. Im kranken, eitrigen Hundeohr hingegen sei es hilfreich die verklebten Haare zu zupfen. Die Antwort der Fachleute hierzu fällt übrigens seit Jahr und Tag gleich aus. Den Abschluss der Derma-Session bildete dann ein Vortrag von Dr. Daniela Fux (Elanco) über Behandlungsansätze der cAD und zum neuen JAK-Inhibitor Ilunocitinib.

Technologien zum Anfassen

Wie zukunftsgerichtet Tiermedizin und Agrartechnologie zusammenspielen können, machte die Sonderschau in Halle 2 erfahrbar. Blickfang war der LKW der Veterinärmedizinischen Fakultät der Universität Leipzig, der als mobile Großtierklinik dient. Zahlreiche Kongressbesucher informierten sich vor Ort über Ausstattung und Einsatzmöglichkeiten. Mit an Bord: unter anderem telemedizinische Technik, die tiermedizinische Daten in Echtzeit über eine VR-Brille direkt aus dem Fahrzeug in die Klinik überträgt.

Virtual reality auf dem Leipziger Tierärztekongress mit Dr. Ahmed Abd El Wahed Foto: © SG

Mit der „Mobilen Scheune“ brachte die Universität Leipzig einen innovativen Showroom für smarte Technologien in der Landwirtschaft und Nutztierhaltung auf die Messe. Wer hier durch die Tür trat, konnte eine Prototyp-VR-Brille testen, die Gesundheitsdaten von Tieren direkt im Stall visualisiert. Ergänzt wurde das Konzept durch autonome Drohnentechnik: eine Streu- und Sprühdrohne für den Weinbau sowie eine Thermaldrohne, die Wärmedaten erfasst, um etwa Weidetiere aufzuspüren oder Unkraut zu erkennen.

Begegnung im DACH-Raum

Ein besonderes Zeichen internationaler Verbundenheit setzte der Empfang für Tierärztinnen und Tierärzte aus dem deutschsprachigen Ausland am 16. Januar. In einer offenen und kollegialen Atmosphäre wurde die Gelegenheit genutzt, Kontakte zu pflegen, Erfahrungen auszutauschen und gemeinsame Themen über Landesgrenzen hinweg zu diskutieren. Unter den Gästen waren unter anderem Mag. Kurt Frühwirth, Präsident der Österreichischen Tierärztekammer und Roberto Mossi, Präsident der Gesellschaft Schweizer Tierärztinnen und Tierärzte, der ein begeistertes Resümee zog, in dem er deutlich machte, warum auch er immer wieder gerne den Leipziger Tierärztekongress besucht.

Ab nächstem Jahr wird es mit den VetMed-Tiermedizintagen Baden-Württemberg zukünftig eine Art „Ableger“ des Leipziger Tierärztekongresses in Stuttgart geben. Die Veranstaltung wird im jährlichen Wechsel mit dem Leipziger Kongress durchgeführt und findet erstmals am 5. und 6. Februar 2027 statt.

Zurück bleiben viele schöne Erinnerungen

„Die vergangenen drei Tage haben eindrucksvoll gezeigt, wie innovativ, lebendig und facettenreich die Tiermedizin ist. Die große Beteiligung, die hohe Qualität der Beiträge und die intensiven Diskussionen haben den Leipziger Tierärztekongress erneut zu einem Ort gemacht, an dem Wissen vermittelt und gemeinsam weitergedacht wird. Mein besonderer Dank gilt allen Referenten und Vorsitzenden, die diesen Kongress mit ihrem Fachwissen und Engagement geprägt und maßgeblich getragen haben“, sagte Prof. Uwe Truyen, Kongresspräsident und Direktor des Instituts für Tierhygiene und Öffentliches Veterinärwesen an der Universität Leipzig, abschließend.

Foto: © SG

Der 14. Leipziger Tierärztekongress wird vom 20.-22. Januar 2028 zeitgleich mit der Partner Pferd in der Leipziger Messe stattfinden. (sg)