Magersucht als lebensbedrohliche psychische Erkrankung13. Februar 2026 Magersucht ist nicht nur ein verändertes Essverhalten, sondern eine komplexe psychische Erkrankung, bei der das Körperbild gestört ist. (Bild: © RioPatuca Images/stock.adobe.com) Wie Magersucht den Körper an seine Grenzen bringt und warum die Krankheit weit mehr ist als eine Frage des Essverhaltens, ist eines der zentralen Themen der Pressekonferenz zum Psychosomatik-Kongress der Deutschen Gesellschaft für Psychosomatische Medizin und Ärztliche Psychotherapie e. V. (DGPM) und des Deutschen Kollegiums für Psychosomatische Medizin und Psychotherapie e.V. (DKPM) am 18. Februar 2026. „Anorexie ist keine Frage von Ernährungsverhalten oder Essgewohnheiten. Es handelt sich um eine komplexe Erkrankung, bei der Körper und Psyche in ein gefährliches Ungleichgewicht geraten“, erklärt Prof. Hans-Christoph Friederich, Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Psychosomatische Medizin und ärztliche Psychotherapie (DGPM), Ärztlicher Direktor der Klinik für Allgemeine Innere Medizin und Psychosomatik, Universitätsklinikum Heidelberg. Ein zentrales Merkmal der Erkrankung ist die veränderte Hungerwahrnehmung. Bei Betroffenen ist die Fähigkeit, Hunger zu empfinden und darauf zu reagieren, stark beeinträchtigt. Der Hypothalamus, der normalerweise Hunger- und Sättigungssignale steuert, arbeitet bei Menschen mit Magersucht nicht mehr zuverlässig. Trotz eines erheblichen Energiemangels bleibt das Essverlangen aus. Diese Störung der Hunger- und Sättigungsregulation trägt wesentlich dazu bei, dass sich die Erkrankung verselbstständigt. Der Körper im Notbetrieb „Der Körper signalisiert zwar Energiemangel, doch das Gehirn reagiert nicht mehr angemessen darauf. Der Essantrieb ist selbst dann vermindert, wenn das Untergewicht bereits lebensbedrohlich ist“, so Friederich. Diese Dysregulation hat schwerwiegende körperliche Folgen. Sinkt das Körpergewicht drastisch, schaltet der Organismus in einen Energiesparmodus. Der Stoffwechsel wird gedrosselt, um das Überleben zu sichern – eine kurzfristige Anpassungsreaktion, die langfristig jedoch gravierende gesundheitliche Risiken birgt. Zu den medizinischen Warnzeichen eines kritischen Zustands zählen eine Körpertemperatur unter 34,5 Grad Celsius, ein Ruhepuls unter 40 Schlägen pro Minute und ein systolischer Blutdruck unter 80 mmHg. In dieser Phase sind lebenswichtige Funktionen massiv gefährdet. „Wenn der Körper auf Sparflamme läuft, geraten Herz, Kreislauf und Immunsystem an ihre Grenzen. Das Risiko für Herz-Kreislauf-Versagen und schwere Infektionen steigt deutlich“, warnt Friederich. Der Darm als unterschätzter Faktor Neben diesen unmittelbaren körperlichen Folgen rückt zunehmend ein weiterer Faktor in den Fokus der Forschung: das Mikrobiom. Die Gesamtheit der Darmbakterien spielt eine zentrale Rolle für Stoffwechsel, Verhalten und Wohlbefinden. Studien zeigen, dass eine chronisch verminderte Nahrungsaufnahme die Zusammensetzung des Mikrobioms deutlich verändert. Tierversuche belegen, dass die Übertragung des Mikrobioms von Patientinnen mit Magersucht auf keimfreie Mäuse zu auffälligen Veränderungen führt – darunter erhöhtes Angstverhalten und eine geringere Gewichtszunahme. „Diese Ergebnisse legen nahe, dass Darmbakterien nicht nur den Stoffwechsel, sondern auch Verhalten und Emotionen beeinflussen können und damit möglicherweise zur Aufrechterhaltung der Erkrankung beitragen“, erläutert Friederich. Das neue wissenschaftlich fundierte Verständnis von Magersucht macht deutlich, dass Magersucht nicht ausschließlich psychisch erklärbar ist. Vielmehr handelt es sich um eine Erkrankung, die durch ein komplexes Zusammenspiel von körperlichen Anpassungen und psychischem Leid aufrechterhalten wird. Konsequenzen für Therapie und Behandlung „Magersucht ist keine Willensschwäche. Die biologischen Veränderungen im Körper verstärken Ängste und starre Denkmuster – und machen die Erkrankung so hartnäckig“, betont Friederich. Für die therapeutische Praxis bedeutet dies ein Umdenken. „Wir müssen Magersucht ganzheitlich betrachten. Neben psychischen Aspekten müssen auch biochemische und metabolische Prozesse stärker in Diagnostik und Therapie einbezogen werden“, so Friederich. Langfristig könnten individuell angepasste Therapiekonzepte, die sowohl körperliche als auch psychische Faktoren berücksichtigen, die Behandlungsergebnisse deutlich verbessern. „Essstörungen sind schwere Erkrankungen und keine Frage von Essgewohnheiten oder persönlichem Versagen. Nur wenn wir diese Stigmatisierung überwinden, können Betroffene frühzeitig Hilfe annehmen und angemessen behandelt werden“, erläutert Prof. Kerstin Weidner, Kongresspräsidentin, stellvertretende Vorsitzende der DGPM, Direktorin der Klinik und Poliklinik für Psychotherapie und Psychosomatik am Universitätsklinikum C. G. Carus Dresden. Außerdem interessant zum Thema Magersucht: Nur ein Apfelschnitz am Tag: Mehr Ess-Störungen bei Mädchen
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