Mangelernährung: Ernährungsscreening und -therapie reduzieren nachhaltig gesundheitliche Folgen

Krankenhausessen
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Mangelernährung ist ein hochrelevanter unabhängiger klinischer Risiko- und Kostenfaktor mit vielschichtigen signifikanten Folgen für den Patienten in Bezug auf seine Immunfunktion, Komplikationsrate, Rekonvaleszenz, Krankenhausverweildauer, Prognose und vor allen Dingen auch hinsichtlich Lebensqualität und Sterblichkeit. Und Mangelernährung ist sehr häufig: Gut 25 Prozent aller stationär in Deutschland in ein Krankenhaus aufgenommenen Patienten weisen relevante Zeichen einer Mangelernährung auf. Besonders gefährdet sind Krebspatienten: Jeder zweite Krebspatient hat bereits bei Diagnosestellung einen relevanten Gewichtsverlust. Jährlich sterben allein 20 bis 30 Prozent aller Krebspatienten nicht an ihrer Grunderkrankung, sondern an den Folgen ihrer Mangelernährung.

Vor dem Hintergrund der komplexen, wissenschaftlich gut belegten oben genannten gesundheitlichen Folgen einer Mangelernährung ist es nicht überraschend, dass Studien überzeugend belegen, dass Mangelernährung auch ein hochrelevanter Kostenfaktor ist, der zu beträchtlichen unnötigen Mehrkosten für unser Gesundheitssystem führt und unter anderem den bestehenden Pflegenotstand weiter intensiviert. Aktuelle Untersuchungen gehen davon aus, dass sich in der EU die jährlich anfallenden unmittelbaren Kosten für eine Mangelernährung auf 170.000.000.000 Euro belaufen.

Bereits 2003 hat der Europarat in seiner wegweisenden Resolution klar formuliert, dass die hohe Anzahl von mangelernährten Patienten in europäischen Krankenhäusern für einen so reichen Kontinent völlig inakzeptabel sei und hat auf die gravierenden medizinischen, sozialen und gesundheitsökonomischen Folgen und Kosten verwiesen. Die EU hat vor diesem Hintergrund ein großes Aktionsprogramm „Stop Malnutrition“ inauguriert, das im Gegensatz zu anderen europäischen Staaten (Frankreich, Niederlande, Skandinavien) in Deutschland nur zögerlich realisiert wird.

In Anbetracht der bekannten enormen klinischen und ökonomischen Folgen von Mangelernährung ist es eine zentrale ärztliche Aufgabe, Patienten mit Risiko für Mangelernährung frühzeitig zu erkennen und individuell gezielt einer etablierten Ernährungstherapie zuzuführen. Für die Behandlung einer Mangelernährung steht in der klinischen Praxis eine Vielzahl von etablierten Maßnahmen (Ernährungsberatung/-modifikation, Anreicherung der Nahrung mit z.B. hochwertigen Eiweißkonzentraten, gezielter Einsatz von Trink- und Zusatznahrung als Zwischenmahlzeit etc.) zur Verfügung, deren Effektivität und Nutzen in klinisch-wissenschaftlichen Studien überzeugend belegt worden sind.

Das hat unter anderem dazu geführt, dass die moderne Ernährungsmedizin einen radikalen Paradigmenwechsel vollzogen hat: Ernährung im Krankenhaus ist heute nicht mehr Teil einer Grundpflege oder die Stillung eines Grundbedürfnisses, sondern aufgrund unserer modernen wissenschaftlichen Erkenntnisse hocheffizienter, integraler Bestandteil ärztlicher Therapie und Prävention. Dies („Ernährung ist Therapie und Prävention“) ist auch das zentrale Thema des diesjährigen Kongresses „Ernährung 2018“ in Kassel. Vor dem Hintergrund unserer aktuellen wissenschaftlichen Erkenntnisse sind die standardisiert frühzeitige Erfassung einer Mangelernährung sowie die individuell gezielte Behandlung mit den etablierten Therapiemaßnahmen eine zentrale ärztliche Aufgabe, die den weiteren klinischen Verlauf der Erkrankung deutlich verbessern kann und darüber hinaus auch nicht nur wegen der signifikant verkürzten Krankenhausverweildauer ein erhebliches Kostensparpotential aufweist. Insofern ist die gezielte Ernährungsintervention im medizinischen Alltag bei vielen Erkrankungen von ähnlicher Wichtigkeit wie die Verordnung krankheitsspezifischer Medikamente.

Die gesundheitspolitische Zielsetzung muss daher lauten: Stärkung der Prävention und der sektorübergreifenden Versorgungsqualität durch die regulatorische Verankerung eines verpflichtenden, flächendeckenden Ernährungsscreenings als Qualitätsmerkmal einer patientenorientierten Gesundheitsversorgung. Es gibt genügend etablierte Modelle, wie z.B. das „Kasseler Modell“, die überzeugend belegen, wie dies im klinischen Alltag einfach, unkompliziert und effektiv umgesetzt werden kann. Insbesondere in Krankenhäusern, Pflege- und Betreuungseinrichtungen müssen gesunde Ernährung und gezielte Ernährungsintervention als essentieller, hocheffektiver Bestandteil ärztlicher Therapie und Prävention gezielt gefördert und auch gesundheitspolitisch eingefordert werden. Dies muss nachhaltig in der Ausbildung, den Anforderungen und den Strukturen verankert werden.

Auch wenn in der öffentlichen Wahrnehmung und Diskussion zu Recht das quantitativ dominierende Problem der Überernährung im Vordergrund steht, haben wir in der reichen Bundesrepublik Deutschland und in Europa generell ein großes klinisch wie ökonomisch hochrelevantes Mangelernährungsproblem. Im Gegensatz zum Übergewichtsproblem ist dies aber bei rechtzeitigem Erkennen schnell und effizient behandelbar, und zwar mit wissenschaftlich überzeugend belegten signifikanten klinischen Verbesserungen für die betroffenen Patienten und einem enormen Einsparpotential unserer Ressourcen im Gesundheitswesen. Am Ende würden alle (Patient, Arzt, Krankenhaus, Gesundheits-/Sozialsystem) erheblich davon profitieren, wenn wir – wie die EU fordert – unsere modernen wissenschaftlichen Erkenntnisse auch in Deutschland konsequent umsetzen würden.

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Quelle: Pressekonferenz im Rahmen des Kongresses ERNÄHRUNG 2018, Donnerstag, 21. Juni 2018, Kongress Palais Kassel (Professor Dr. med. Christian Löser, Kongresspräsident DGEM, Chefarzt der Medizinischen Klinik der DRK-Kliniken Nordhessen, Kassel)