Mechanismus für Statin-assoziierte Muskelbeschwerden entdeckt

Viele Menschen profitieren von der Einnahme von Statinen. Manchmal kann es auch darunter aber zur Statin-assoziierten Muskelbeschwerden kommen. (Foto: ©Jelena Stanojkovic/stock.adobe.com)

Warum verursachen Statine Muskelbeschwerden? Eine neue Studie aus Kanada liefert erstmals eine biologische Erklärung für die Statin-assoziierte Myopathie – und eröffnet damit neue Ansätze für potenziell wirksamere, besser verträgliche Therapien.

Leichte Muskelbeschwerden bis hin zu schwerwiegenden Muskelerkrankungen sind eine bekannte Nebenwirkung von Statinen. Die Statin-assoziierten Muskelbeschwerden sind zwar insgesamt weitaus seltener, als allgemein vermutet (wir berichteten), können aber zur Dosisreduktion oder Beendigung der Statintherapie führen.

Nun haben Forschende der McMaster University (Kanada) einen biologischen Mechanismus für diese Nebenwirkung entdeckt. Die in der Fachzeitschrift „Science Advances“ veröffentlichte Studie identifiziert einen immunologischen und metabolischen Prozess, der für statinbedingte Muskelschäden verantwortlich ist. Die präsentierten Ergebnisse eröffnen Möglichkeiten für künftige Therapien, die Statine verträglicher machen könnten, ohne deren positive Wirkung auf das Herz-Kreislauf-System zu beeinträchtigen.

Der neue Mechanismus hinter der Statin-assoziierten Myopathie

Zwar ist schon lange bekannt, dass Statine gelegentlich Muskelprobleme verursachen können, doch die zugrundeliegenden biologischen Mechanismen waren bislang unklar. Unter Leitung von Jonathan Schertzer, Professor am Institut für Biochemie und Biomedizinische Wissenschaften der McMaster University, stellten die Forschenden nun fest, dass Statine Muskelsymptome nicht nur indirekt über die Cholesterinsenkung, sondern auch direkt in Muskelzellen auslösen können.

Konkret stören die Statine demnach innerhalb der Myozyten die Isoprenylierung. Dabei handelt es sich um eine posttranslationale Proteinmodifikation, durch die Proteine in der Zellmembran verankert werden. Die Störung der Isoprenylierung wiederum aktiviert das NLRP3-Inflammasom und schwächt zugleich einen schützenden Signalweg rund um den Regulator YAP, der den Muskelaufbau und das Zellüberleben unterstützt. Zusammen führt dieser Mechanismus zu Muskelabbau und Myopathie. In Experimenten mit Muskelzellen und Mausmodellen gelang es dem Team um die Erstautorinnen Nazli Robin und Nicole Barra, einen Großteil dieser Schäden zu verhindern, indem sie YAP aktivierten, die Isoprenoide wiederherstellten oder die Immunreaktion blockierten.

Unterschiedliche Mechanismen für Wirkung und Nebenwirkung

„Eine der spannendsten Erkenntnisse dieser Forschung ist, dass sich der Mechanismus, der die muskulären Nebenwirkungen verursacht, offenbar von jenem Mechanismus unterscheidet, der den Cholesterinspiegel senkt“, sagt Schertzer. „Dies deutet darauf hin, dass es eines Tages möglich sein könnte, gezielt gegen die Nebenwirkungen vorzugehen, ohne die positiven Auswirkungen auf das Herz-Kreislauf-System zu beeinträchtigen, die Statine so wertvoll machen.“

Zudem deckte die Studie einen unerwarteten Zusammenhang zwischen Stoffwechsel und Immunsystem auf. Dies liefert neue Erkenntnisse darüber, wie Entzündungsprozesse zu medikamentenbedingten Nebenwirkungen beitragen können. Auch wenn weitere Forschung erforderlich ist, bevor die Ergebnisse in Therapien für Patienten umgesetzt werden können, identifiziert die Entdeckung mehrere potenzielle Ansatzpunkte für die künftige Medikamentenentwicklung, die darauf abzielt, Statin-Unverträglichkeiten zu verhindern.

„Diese Ergebnisse vermitteln uns ein klareres Verständnis dafür, warum manche Patienten unter Muskelsymptomen leiden, und weisen vielversprechende Wege auf, um diese wichtigen Medikamente künftig sicherer und wirksamer zu machen“, meint Schertzer.

(ah/BIERMANN)

Das könnte Sie auch interessieren:

Neuer Risikorechner für schwerwiegende Statin-assoziierte Muskelerkrankungen

Angaben zu Statin-Nebenwirkungen oft ohne Evidenz