Mehr Autismus-Fälle bei Kindern – Was steckt dahinter?

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Einer Studie in „Pediatrics“ zufolge sind die Fälle von Autismus-Spektrum-Störungen (ASD) in der Metropolregion New York-New Jersey zwischen 2000 und 2016 um bis zu 500 Prozent gestiegen. Der höchste Anstieg war demnach bei autistischen Kindern ohne geistige Behinderung zu verzeichnen.

In vier Stadtbezirken identifizierten die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler 4661 Kinder im Alter von acht Jahren mit Autismus-Spektrum-Störungen. Von diesen hatten 1505 (32,3 %) eine geistige Behinderung, 2764 (59,3 %) hatten keine. In neun Prozent der Fälle (n=398) war der intellektuelle Status nicht bekannt. Die Rate von ASD bei gleichzeitiger geistiger Behinderung hat sich zwischen 2000 und 2016 mehr als verdoppelt – von 2,9 pro 1000 Kinder auf 7,3. Die Rate von ASD ohne geistige Behinderung verfünffachte sich – von 3,8 auf 18,9 pro 1000 Kinder.

ASD trat eher bei Jungen als bei Mädchen auf und betraf alle ethnischen Zugehörigkeiten. Wobei der größte Anstieg bei afroamerikanischen und hispanischen Kindern mit ASD ohne geistige Behinderung zu verzeichnen war. Je höher das Einkommen der Eltern war, desto eher wurde bei Kindern ASD ohne kognitive Einschränkung diagnostiziert. Autistische Kinder mit kognitiven Einschränkungen lebten dagegen eher in unterversorgten, armen Gemeinden. Den Grad der kognitiven Einschränkung bestimmten die Forschenden anhand des Intelligenzquotienten. Als Datengrundlage diente das Autism and Developmental Disabilities Monitoring Network (ADDM) der US-Gesundheitsbehörde CDC.

Wie häufig Autismus-Spektrum-Störungen vorkommen, ist global nicht eindeutig beschrieben. Der US-Gesundheitsbehörde CDC zufolge lag die Prävalenz in den USA im Jahr 2018 bei 23 pro 1000 Kindern (ein Fall pro 44 Kinder). Im Jahr 2000 betrug die Rate noch 6,7.

Dass weltweit immer mehr Autismus-Spektrum-Störungen gemeldet werden, ist offenkundig. Über die Gründe wird in der Wissenschaft jedoch kontrovers diskutiert. In erster Linie dürften die erhöhte Aufmerksamkeit, verbesserte Diagnoseverfahren und genauere Definitionen für die steigenden Zahlen verantwortlich sein.

Die genaue Ursache für Autismus ist bislang nicht erforscht, genetische Faktoren spielen aber eine entscheidende Rolle. Als widerlegt gelten heute Vermutungen, Autismus entstehe durch lieblose Erziehung („Kühlschrankmutter“) oder durch Impfstoffe. Der Einfluss der Umwelt ist dagegen noch nicht ausreichend untersucht. Ob es also tatsächlich immer mehr Autismus-Fälle gibt oder diese lediglich durch den technischen und gesellschaftlichen Wandel schneller, früher und öfter auffallen, ist nicht endgültig geklärt.

Auch die Autorinnen und Autoren der „Pediatrics“-Studie haben keine Antwort darauf. In einer Pressemitteilung der für die Studie zuständigen Rutgers University heißt es, dass der 500-prozentige Anstieg von Autismus bei Kindern ohne geistige Behinderungen nicht allein durch erhöhte Aufmerksamkeit und bessere Tests zu erklären sei, sondern „auch etwas anderes“ Teil der Ursache sein könnte. Weitere Forschung sei nötig.

Studie basiert auf Aktenvermerken

„Um diese Daten einordnen und interpretieren zu können, muss man (…) wissen, wie sie zustande kommen. Die Daten der vorliegenden Studie beruhen auf dem ADDM-Netzwerk (Autism and Developmental Disabilities Monitoring Network). Dieses Netzwerk ist durch die CDC (Centers for Disease Control and Prevention), eine nationale Behörde des Gesundheitsministeriums, ins Leben gerufen worden, um Daten zur Prävalenz, aber auch deren Veränderung sowie die nationale Verteilung zu erfassen. Zu diesem Zweck sammelt das ADDM alle zwei Jahre verfügbare Informationen aus Krankenakten, Schulakten und sonstigen Dokumenten. Die betreffenden Individuen werden nicht klinisch untersucht. Die verfügbaren Akten werden oberflächlich durchgeschaut (,screening‘) und alle Individuen als ,Fälle‘ klassifiziert, deren Akten den Vermerk einer Diagnose oder eines besonderen Förderbedarfs oder Beschreibungen von Verhaltensweisen, die den diagnostischen Kriterien der Klassifikationssysteme (DSM-IV) entsprechen, enthalten”, erklärte Dr. Sanna Stroth, wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie, Psychosomatik und Psychotherapie, Philipps-Universität Marburg.

“Auf diese Weise fallen auch solche Individuen in die Kategorie ,Autismus-Fall‘, die keine Diagnose oder aber eine andere Diagnose haben, oder bei denen nach einem Verdacht auf Autismus die Diagnose sogar ausgeschlossen wurde. Klinische Validierungsstudien haben gezeigt, dass mehr als 20 Prozent der aus der Aktenlage erfassten Fälle gar keinen Autismus (beziehungsweise die Diagnose) haben.“

Eine weitere Verzerrung der Studienergebnisse sieht die Wissenschaftlerin durch den Erhebungszeitpunkt: Das Screening der Akten findet im Alter von acht Jahren statt – mit der Begründung, dass in diesem Alter Auffälligkeiten im Sinne des Autismus vorhanden sein sollten. Dies berücksichtige nicht, dass autistische Auffälligkeiten in der frühen Entwicklungsphase bereits vorhanden sein müssen, um die Diagnose zu rechtfertigen. “Im Alter von acht Jahren treten außerdem im Schulalltag viele andere sozial-emotionale Probleme auf, die auf andere psychopathologische oder psycho-soziale Bedingungen zurückgeführt werden können und nun fälschlich einer Autismus-Diagnose zugerechnet werden”, sagte Stroth.

„Die Ursache für den Anstieg der Prävalenzzahlen ist vielfältig und nicht auf einen einzelnen Faktor zurückzuführen. Insbesondere eine Sensibilisierung und Aufklärung über das Störungsbild sowie eine zunehmende Präsenz in den Medien – beispielsweise durch die Einführung einer autistischen Puppe in der amerikanischen Sesamstraße – spielen eine Rolle. Das zunehmende Wissen um die Symptomatik der Autismus-Spektrum-Störung führt zu einer früheren Diagnostik und einer entsprechend früheren Förderung und Behandlung – was im Laufe der Zeit die Prävalenzraten steigen lässt. Außerdem hat die zunehmende Sensibilisierung einen Einfluss auf die Inanspruchnahme von Hilfsangeboten seitens der Bevölkerung (besorgte Eltern). Gleichzeitig haben sich die diagnostischen Kriterien erweitert, sodass vor allem mildere Formen von Autismus ohne Intelligenzminderung häufiger diagnostiziert werden”, erklärte Stroth.