Mehr Jugendliche suchen Hilfe bei Transidentität5. März 2026 Immer mehr Kinder und Jugendliche machen sich Gedanken über ihre Geschlechtsidentität. (Foto: © Praewphan – stock.adobe.com) Eine steigende Zahl Jugendlicher fühlt sich nicht mehr wohl im eigenen Körper. Ist das mehr als ein vorübergehendes Gefühl? Die Kinder- und Jugendpsychiatrie hat mit einer wachsenden Zahl an Fällen zu tun, bei denen Betroffene mit ihrem Geschlecht hadern. Das Thema Transidentität habe – auch wegen der Debatte um das Selbstbestimmungsgesetz – in den vergangenen Jahren mehr Aufmerksamkeit erhalten, sagte der Dresdner Kinder- und Jugendpsychiater Veit Roessner der Deutschen Presse-Agentur. Das habe dazu beigetragen, dass sich mehr junge Leute – vor allem in der Pubertät – mit Fragen zum eigenen Geschlecht beschäftigten. „Wenn sich Körper und Selbstbild stark verändern, suchen viele Orientierung – im Freundeskreis und in sozialen Medien.“ Spielen Einflüsse aus sozialen Medien eine Rolle? „Es ist gut, wenn eine Gesellschaft offener wird und man solche Gefühle ohne Scham und Angst vor Konsequenzen äußern kann“, erklärte Roessner, der die Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie am Universitätsklinikum Dresden leitet. Das führe dazu, dass Jugendliche eher Beratung und Hilfe suchten. Zugleich könne die starke Präsenz des Themas im Umfeld und online beeinflussen, wie Körperunsicherheit, Pubertätsstress oder Außenseitergefühle gedeutet werden. Selbstbeschreibungen könnten sich dadurch verstärken, etwa das Gefühl, nicht im „richtigen Körper“ zu leben. Sorgfältige Abklärung und Beratung dringend erforderlich Allerdings führt nicht jedes geschlechtsbezogene Unwohlsein zu einem anhaltendem, medizinisch bedeutsamem Leidensdruck, der die Diagnose Geschlechtsdysphorie rechtfertige, betonte der Klinikchef. Gerade im Jugendalter sei zudem oft schwer verlässlich einzuschätzen, wie stabil ein solches Erleben und der Leidensdruck über die Zeit bleiben, so Roessner. Umso wichtiger seien sorgfältige Abklärung und Beratung, um Fälle mit erheblichem Leidensdruck von anderen Entwicklungs- und Belastungsproblemen abzugrenzen. Orientierung für eine fachlich informierte Versorgung auf dem aktuellen Stand der medizinischen Erkenntnis gibt seit September 2024 die S2k-Leitlinie zur Diagnostik und Behandlung von Geschlechtsinkongruenz und Geschlechtsdysphorie im Kindes- und Jugendalter. Operative Eingriffe können irreversible Folgen haben „Mit der wachsenden Zahl an Hilfesuchenden steigt auch der Anteil Minderjähriger, die medizinische Maßnahmen zur Angleichung ihres Körpers an das empfundene Geschlecht wünschten – etwa Pubertätsblocker oder Hormone, in einzelnen Fällen auch operative Eingriffe. Solche Maßnahmen können weitreichende, teils irreversible Folgen haben. Zugleich kann auch Abwarten Risiken und zusätzliche Belastungen bedeuten“, erklärte Roessner. Mehr Forschung zu langfristigen Verläufen notwendig Wie groß der Nutzen solcher Interventionen bei Minderjährigen ist und wie hoch mögliche Risiken ausfallen, lasse sich allerdings bislang nur begrenzt belastbar beziffern, so Roessner. In der öffentlichen Debatte werde ein abwartendes, psychosozial begleitendes Vorgehen ohne solche Interventionen teils als besonders riskant dargestellt – nicht selten in Zusammenhang mit drastischen Suizidrisiken. „Neuere Studien und Übersichtsarbeiten zeigen jedoch, dass solche Schlussfolgerungen nicht haltbar sind. Umso wichtiger sind eine transparente Aufklärung über die begrenzte Datenlage und mehr hochwertige Forschung, besonders zu langfristigen Verläufen.“ Experten sehen auch juristisches Problem Laut Roessner berührt das Thema zudem rechtliche Fragen: In der „Zeitschrift für Internationale Strafrechtswissenschaft“ seien 2025 Juristen zu dem Schluss gelangt, dass bei Minderjährigen das Sterilisationsverbot verletzt wird, wenn bei ihnen medizinische Maßnahmen zur Geschlechtsangleichung vorgenommen werden – mit möglichen strafrechtlichen Folgen.
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