Mit einfachen Mitteln schwere Lebererkrankungen vorhersagen5. September 2023 Abbildung: © natali_mis/stock.adobe.com Ein Europäisches Konsortium unter Beteiligung der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH) entwickelt ein neues Instrument, mit dem sich das individuelle Risiko für Leberfibrose und Leberkrebs bestimmen lässt. Die Forschenden haben einen Index entwickelt, mit dem sich das Risiko für eine Zirrhose oder eine andere schwere Lebererkrankung vorherbestimmen lässt. Die Studie entstand im Rahmen des Projektes „LiverScreen“, das von der Europäischen Union mit sechs Millionen Euro unterstützt wird. In den deutschen Teilprojekten erforschen Wissenschaftler die Einführung des Verfahrens in die Versorgungspraxis. Geleitet werden sie dabei von Prof. Frank Lammert, Vizepräsident der MHH und einer der Autoren der Studie, die gerade in „The Lancet“ veröffentlicht wurde. Frühe Risikoeinschätzung möglich Zwar ist die durch Hepatitisviren verursachte Zirrhose der Leber rückläufig – dank neuer Behandlungsverfahren, die in den vergangenen Jahrzehnten entwickelt wurden. Aber gleichzeitig nimmt die Häufigkeit von Fettlebererkrankungen infolge von Diabetes, Übergewicht und Alkoholkonsum zu. „Die Zirrhose entwickelt sich schleichend und bleibt zunächst häufig unentdeckt“, warnt Lammert. Zum Zeitpunkt der Diagnose befindet sie sich daher oft in einem fortgeschrittenen Stadium und die Behandlungsmöglichkeiten sind begrenzt. Es bestehe Bedarf an einfachen, auf klinischen oder Laborparametern basierenden Instrumenten, um Risikopatienten frühzeitig zu identifizieren, betont der Mediziner. Das ermöglicht künftig der neu entwickelte LiverRisk Score. Er errechnet sich aus Alter, Geschlecht und sechs Standardwerten wie Blutzucker, Cholesterin, Anzahl der Thrombozyten und Leberwerten, die in jedem Labor einfach bestimmt werden können. Auch das Risiko für spätere Komplikationen lässt sich mit dem Index abschätzen. „So können wir vorhersehen, ob ein Mensch an einer Zirrhose erkrankt und schließlich Leberkrebs entwickelt und an der Krankheit stirbt“, sagt Prof. Michael Manns, MHH-Präsident und Co-Autor der Studie. „Mithilfe der frühen Berechnung des Risikos können Präventionsmaßnahmen wie Bewegung und gesunde Ernährung dazu beitragen, die Entwicklung der Zirrhose und Krankenhausaufenthalte zu verhindern”, ergänzt Lammert. Ähnlich aussagekräftig wie Risikovorhersage für Herzinfarkt Für die Entwicklung des LiverRisk Score verwendeten die Forschenden Daten von 6400 Personen, bei denen keine Lebererkrankung bekannt war. Wie viele von ihnen tatsächlich bereits eine Leberfibrose hatten, ergab eine Leberelastographie. Der Risikoindex wurde anschließend bei mehr als 8000 Menschen überprüft, und der Vorhersagewert schließlich an einer Kohorte in Großbritannien mit mehr als 416.000 Teilnehmenden ohne Lebererkrankung und einer Nachbeobachtungszeit von zwölf Jahren berechnet. „Die Aussagekraft des LiverRisk Score ist ähnlich wie bei den kardiovaskulären Risikofaktoren, mit denen sich bereits seit vielen Jahren vorhersagen lässt, ob ein Mensch ein Herzinfarktrisiko hat“, betont Leberexperte Manns. Langfristig soll der Risikoindex helfen, die Zahl der Zirrhosefälle zu senken. Die durchschnittliche Lebenserwartung von Betroffenen ist zehn bis 20 Jahre niedriger als die der Gesamtbevölkerung. Das LiverScreen-Projekt Das LiverScreen-Projekt wird von der Universitätsklinik Barcelona (Spanien) geleitet. Es baut auf der SEAL-Studie auf, die mit Förderung des Innovationsfonds des Gemeinsamen Bundesausschusses in deutschen Hausarztpraxen lief und im vergangenen Jahr veröffentlicht wurde. Ziel ist es, das Potenzial der nichtinvasiven Leberelastographie für das Screening auf chronische Lebererkrankungen in der Allgemeinbevölkerung zu bewerten. An diesem Projekt sind 43 Kliniken und Forschungszentren in Spanien, Dänemark, Deutschland, Frankreich, Italien, Kroatien, den Niederlanden und dem Vereinigten Königreich beteiligt. Daran arbeitet ein multiprofessionelles Team mit Mitarbeitenden aus allen Gesundheitsberufen sowie Experten aus den Bereichen Statistik, Ökonomie und Qualitätsmanagement sowie Patientenselbsthilfegruppen. Lammert koordiniert in dem europäischen Konsortium die Projekte, welche die Einführung des Verfahrens in Klinik und Praxis erforschen.
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