MS: So entstehen Schäden an der grauen Substanz12. März 2019 Beta-Synuclein-erkennende T-Zellen stürmen die graue Hirnsubstanz. Zu sehen ist eine mikroskopische Aufnahme in der Hirnrinde einer Ratte. (Bild: Institut für Neuroimmunologie und Multiple-Sklerose-Forschung Göttingen) Wissenschaftler der Universitätsmedizin Göttingen haben herausgefunden, wie Immunzellen die graue Hirnsubstanz angreifen und zerstören. Diese Entdeckung ist für das Verständnis vor allem der Multiplen Sklerose und auch anderer neurologischer Erkrankungen von Bedeutung. Unser Immunsystem schützt uns gegen schädliche Eindringlinge wie pathogene Bakterien oder Viren. Manchmal aber greifen Immunzellen fälschlicherweise das eigene Gewebe an. Ein solches „Missverständnis“ scheint auch bei Multipler Sklerose (MS) vorzuliegen. Diese Erkenntnis hat die Forschung aus Studien an Tiermodellen gewonnen: Hier sehen T-Zellen das Hirngewebe als Feind an und bekämpfen es mit den bekannten fatalen Folgen. „Eigenartigerweise konnte aber in solchen Studien nie ein gezielter Immunangriff auf die graue Hirnsubstanz gefunden werden, sondern es ist stets die weiße Substanz entzündet“, sagte Prof. Alexander Flügel, Direktor des Instituts für Neuroimmunologie der Universitätsmedizin Göttingen. „Ein zentrales Merkmal der Multiplen Sklerose blieb daher rätselhaft. Schädigungsmechanismen in der grauen Hirnsubstanz konnten nicht systematisch erforscht werden und somit sind auch die Ursachen der Schädigungen im menschlichen Gehirn bislang weitgehend unbekannt“, so Flügel. Tatsächlich ist es so, dass bei MS regelmäßig die graue Hirnsubstanz von Entzündungsreaktionen betroffen ist. Neuere Forschungsergebnisse weisen darauf hin, dass es gerade diese Läsionen sind, die für die unumkehrbare Zerstörung des Hirngewebes und das stete Fortschreiten der Krankheitssymptomatik verantwortlich sind. Warum wird die graue Hirnsubstanz bei MS angegriffen? Die Göttinger Forscher haben nun herausgefunden, wann das Immunsystem doch die graue Hirnsubstanz angreift. Üblicherweise werden im Modell zur Auslösung der MS-artigen Erkrankung Zellen herangezogen, die gegen Bestandteile der Myelinscheide gerichtet sind. Diese Zellen lösen eine mit Lähmungen einhergehende Erkrankung aus. Die Göttinger Forscher wichen von dem altbekannten Schema ab und arbeiteten mit T-Zellen, die gegen beta-Synuklein gerichtet sind. „Unerwartet traten bei den Tieren neuartige neurologische Krankheitszeichen auf. Die Schädigungen sahen auch anders aus, die pathogenen Zellen drangen praktisch ausschließlich in die graue Hirnsubstanz ein“, sagte Dr. Francesca Odoardi. Diese Entzündungsreaktionen verursachten, vor allem bei mehrfachen Schüben, irreversible Zerstörungen und ein Schrumpfen der grauen Hirnsubstanz, ähnlich wie es von der MS beim Menschen bekannt ist. In der Tat konnten die Forscher im Blut von MS-Betroffenen auch eine Vermehrung dieser speziellen T-Zellen finden. Diese waren besonders bei Patienten mit fortschreitendem Krankheitsverlauf erhöht. Die Beobachtungen des Göttinger Forscherteams könnten für die Behandlung der MS von Bedeutung sein. Die Möglichkeit, im Modell die autoimmune Zerstörung der grauen Hirnsubstanz nachzuvollziehen und damit systematisch untersuchen zu können, kann möglicherweise zur Entwicklung geeigneter therapeutischer Gegenstrategien genutzt werden. Zudem könnte die Erforschung der pathogenen T-Zellen im menschlichen Blut dazu führen, Patienten mit MS besser über die möglichen Risiken ihrer Krankheit und geeignete Therapieoptionen aufzuklären. Originalveröffentlichung: Lodygin D. et al.: Beta-synuclein reactive T cells induce autoimmune CNS grey matter degeneration. Nature 2019;566:503–508.
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