Multimodale rheumatologische Komplexbehandlung: Stabil im Knochen, beweglich im Alltag9. September 2026 Diagnostik und Verlaufskontrolle orientieren sich auch an Funktion und Belastbarkeit. Jan Holger Holtschmit bei der Untersuchung einer Patientin. Foto: Holtschmit Unser Autor liefert einen Überblick zum Thema Bewegung als zentraler Baustein in der rheumatologischen Versorgung und geht dabei auch auf die multimodale rheumatologische Komplexbehandlung und das ANOA-Konzept ein. „Alter schützt vor Bewegung nicht – Rheuma auch nicht.“ – Das Motto der Session 41 auf dem Deutschen Rheumatologiekongress 2026 bringt auf den Punkt, worum es in der Versorgung von Patientinnen und Patienten mit Erkrankungen des Bewegungssystems zunehmend geht: Regelmäßige Bewegung ist nicht nur sinnvoll, sie ist therapeutisch höchst relevant. Dies gilt in besonderer Weise für rheumatische Erkrankungen, bei denen Schmerzen, Funktionseinbußen, Entzündung, Schonverhalten und Chronifizierung sehr häufig eng miteinander verwoben sind. Gleichzeitig spielt die Knochengesundheit eine wichtige Rolle, denn gerade bei rheumatischen Erkrankungen steigt das Risiko für Osteoporose und Frakturen deutlich an. Bewegung ist deshalb weit mehr als ein allgemeiner Gesundheitstipp für Patientinnen und Patienten. Sie ist ein fundamentaler Bestandteil jeder modernen Behandlung des Bewegungssystems. Sie wirkt auf mehreren Ebenen: Bewegung kann die Muskelkraft verbessern, die Koordination fördern, Stürze verhindern helfen und die mechanischen Reize setzen, die der Knochen für seine Stabilität braucht. Leitlinien zur Osteoporoseprävention und -behandlung betonen entsprechend die Bedeutung regelmäßiger, individuell angepasster körperlicher Aktivität als festen Bestandteil der Versorgung. Bewegung bewirkt mehr als einfach nur Knochenschutz Im rheumatologischen Kontext geht es jedoch um mehr als um die Frage, wie Knochen stärker werden. Entscheidend ist die Wirkung auf das gesamte Bewegungssystem. Bei vielen Betroffenen steht nicht ein einzelner Befund im Vordergrund, sondern ein komplexes Beschwerdebild aus Schmerz, Einschränkung, Verunsicherung und nachlassender Belastbarkeit. Genau hier setzt ein strukturierter, multimodaler Ansatz an. Bewegung kann in diesem Zusammenhang helfen, die Funktion zu erhalten oder zurückzugewinnen, Aktivität aufzubauen und die Teilhabe der Patientin oder des Patienten am Alltag zu verbessern. Gerade bei chronischen muskuloskelettalen Beschwerden ist der Blick auf die biologischen, psychischen und sozialen Einflussfaktoren entscheidend. Schmerzen entwickeln sich häufig nicht isoliert, sondern im engen Zusammenspiel mit Stress, Bewegungsangst, Schlafproblemen, familiären oder beruflichen Belastungen und einer zunehmenden Schonhaltung. Ein rein symptomorientierter Zugang greift dann zu kurz. Aus diesem Grund ist an dieser Stelle eine ganzheitliche Perspektive im Versorgungskontext so wichtig. ANOA: Ganzheitlich und multimodal Genau hier liegt die Stärke des Konzeptes der Arbeitsgemeinschaft nicht operativer orthopädischer manualmedizinischer Akutkliniken (ANOA). Es folgt einem ganzheitlichen Behandlungsmodell und richtet den Blick nicht nur auf die körperlichen Ursachen der Beschwerden am Bewegungssystem, sondern ebenso auf die Faktoren, die zur Chronifizierung und Komplexität beitragen. Dazu zählen neben funktionellen und strukturellen Aspekten auch psychische Belastungen, soziale Einflüsse und individuelle Verhaltensmuster. Erst wenn diese umfassende Perspektive in den multiprofessionellen Teams der ANOA-Kliniken zusammengeführt wird, lässt sich für die betroffene Patientin beziehungsweise den Patienten eine individuelle und nachhaltig wirksame Behandlungsstrategie entwickeln. Das ANOA-Konzept ist seit nunmehr fast 25 Jahren darauf ausgerichtet, komplexe Schmerz- und Funktionserkrankungen des Bewegungssystems stationär (und seit Kurzem auch teilstationär), interdisziplinär und mit hoher Behandlungsdichte zu versorgen. Im Mittelpunkt steht dabei nicht die isolierte Einzeldisziplin, sondern das koordinierte Zusammenwirken verschiedener therapeutischer Disziplinen. In anderen Worten: In ANOA-Kliniken arbeiten spezialisierte Fachärztinnen und Fachärzte eng zusammen mit Physiotherapeuten, klinischen Psychologen, Masseuren, Sozialarbeitern und speziell geschultem Pflegepersonal. Genau darin liegt der Mehrwert für Patientinnen und Patienten mit hoher Krankheitsintensität. Multimodale rheumatologische Komplexbehandlung Innerhalb des ANOA-Konzeptes bildet die multimodale rheumatologische Komplexbehandlung nach OPS 8-983 einen von vier definierten Behandlungspfaden. Sie ist für Patientinnen und Patienten mit rheumatologischer Grunderkrankung vorgesehen und verbindet ärztliche, physiotherapeutische, bewegungstherapeutische, schmerztherapeutische und psychologische Elemente zu einem abgestimmten Behandlungsprozess. Die Diagnostik und Verlaufskontrolle erfolgen dabei interdisziplinär und orientieren sich nicht nur an Symptomen, sondern auch an Funktion, Belastbarkeit und individueller Zielsetzung. Dass dieses Vorgehen sinnvoll ist, zeigt sich auch daran, dass Bewegungstherapie bei rheumatischen Erkrankungen nachweislich positive Effekte auf Schmerz und Funktion haben kann. Systematische Übersichten und Empfehlungen aus dem rheumatologischen Umfeld sprechen dafür, körperliche Aktivität als festen Bestandteil der Therapie zu betrachten. Besonders wichtig ist dabei, Bewegung nicht als pauschale Belastung zu verstehen, sondern als gezielt dosierten therapeutischen Reiz, der an die jeweilige Situation angepasst wird. Osteoporoseprävention und -therapie als Teil des Ganzen In diesem größeren Zusammenhang sind auch die Osteoporoseprävention und die Osteoporosetherapie zentrale Themen. Rheumatische Erkrankungen gehen häufig mit einem erhöhten Frakturrisiko einher, etwa durch Entzündung, reduzierte körperliche Aktivität oder den Einsatz von Glucocorticoiden. Umso wichtiger ist es, Knochenstabilität frühzeitig mitzudenken. Bewegung kann hier einen doppelten Beitrag leisten: Sie wirkt direkt auf den Knochen und indirekt über Muskelaufbau, Haltungssicherheit und Sturzprophylaxe. Gerade dieser doppelte Effekt macht Bewegung so wertvoll. Sie stärkt nicht nur den Knochen, sondern unterstützt den gesamten Funktionskreis des Bewegungssystems. Für die rheumatologische Versorgung bedeutet das: Osteoporoseprävention ist wichtig, aber sie steht nicht isoliert. Sie ist eingebettet in ein Behandlungskonzept, das Schmerz, Funktion, Aktivität und Lebensqualität gemeinsam in den Blick nimmt. Ein Therapieansatz mit Perspektive Die Erfahrungen aus der multimodalen rheumatologischen Komplexbehandlung beziehungsweise aus der stationären Versorgung komplexer Beschwerden des Bewegungssystems zeigen, dass eine nachhaltige Therapie dann am ehesten gelingt, wenn verschiedene Ebenen zusammengeführt werden. Bewegung, Schmerztherapie, funktionelle Diagnostik und psychosoziale Mitbehandlung entfalten ihre Wirkung besonders dann, wenn sie eng verzahnt und konsequent aufeinander abgestimmt sind. Genau das ist der Kern des ANOA-Gedankens. So wird auch das Motto unseres Kongressthemas inhaltlich greifbar: Alter schützt vor Bewegung nicht – und Rheuma auch nicht. Vielmehr kann Bewegung, richtig eingesetzt, zu einem entscheidenden Teil einer zeitgemäßen und modernen rheumatologischen Therapie werden. Sie stärkt Knochen, erhält Funktion, reduziert Risiken und hilft dabei, die komplexen Beschwerden am Bewegungssystem nicht einzeln, sondern im Zusammenhang zu behandeln. Autor/Autorin: Dr. Jan Holger HoltschmitNatascha KompatzkiMuskuloskelettales Zentrum für Konservative Orthopädie, Schmerztherapie, Rheumatologie und OsteologieMarienhaus Klinikum St. Wendel-OttweilerAm Hirschberg 166606 St. Wendel
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