Musik zur Linderung von Schmerzen: Review liefert Hinweise auf Mechanismen4. September 2026 Abbildung: triocean/stock.adobe.com Zahlreiche Studien haben gezeigt, dass Interventionen mit Musik dazu beitragen können, Schmerzen bei verschiedenen Erkrankungen wie Krebs oder Arthrose zu lindern. Warum dies so ist und wie es geschieht, war bislang noch nicht vollständig geklärt. In einer neuen Übersichtsarbeit unter der Leitung von Dr. Joke Bradt, Professorin am College of Nursing and Health Professions der Drexel University (USA), untersuchten Wissenschaftler biologische, psychologische und soziale Mechanismen, die die schmerzlindernde Wirkung von Musik erklären könnten. In der kürzlich in „PAIN Reports“ veröffentlichten Studie identifizierten deren Autoren wichtige Forschungslücken, die bei künftigen Untersuchungen zu musikbasierten Interventionen zur Schmerzlinderung berücksichtigt werden sollten. Drei mögliche Mechanismen identifiziert, über die Musik gegen Schmerz wirken kann „In der klinischen Versorgung reichen musikbasierte Interventionen von Musik, die vom Patienten selbst ausgewählt oder von medizinischem Fachpersonal – etwa Ärzten oder Pflegekräften – empfohlen wird, bis hin zu musikalischen Erlebnissen, die von ausgebildeten Musiktherapeuten angeleitet werden“, erläutert Bradt. Sie leitet das Music4Pain Research Network, ein multidisziplinäres und vom National Center for Complementary and Integrative Health gefördertes Netzwerk, das die Erforschung der Wirkmechanismen von Musik bei Schmerzen vorantreibt. „Die Ergebnisse unserer Studie helfen zu erklären, warum Musik ein wirksamer und risikoarmer Ansatz zur Schmerzbewältigung sein kann und wie wir ihre Wirksamkeit maximieren können.“ Bradt und ihr Forschungsteam fanden übereinstimmende Hinweise auf drei Mechanismen, die möglicherweise zur Wirksamkeit musikbasierter Interventionen beitragen: eine mit der Musik verbundene positive emotionale Valenz (positive emotionale Tönung), ein Gefühl der Kontrolle oder Selbstwirksamkeit, etwa durch die eigene Musikauswahl sowie die Synchronisation von Bewegungen mit der Musik, beispielsweise durch Mitklopfen oder Trommeln im Takt. Diese Erkenntnisse legen laut Bradt nahe, dass es für Betroffene wichtig ist, Musik auszuwählen, die ihnen gefällt – anstatt Musik zu hören, die von medizinischem Personal vorgegeben wird –, und sich aktiv einzubringen, indem sie zur Musik mitklopfen, musizieren oder sich dazu bewegen. Aktive Beteiligung an der Musik ist besser als bloßes Zuhören „Eine Studie zeigte zudem, dass Mitsingen wirksamer ist als reines Musikhören“, berichtet Bradt von den Ergebnissen der Übersichtsarbeit. „Zudem zeigten bildgebende Verfahren des Gehirns, dass Musik sowohl die frühe Schmerzverarbeitung im Gehirn als auch höhergelegene kognitive und emotionale Reaktionen auf Schmerz beeinflussen kann.“ Das Forschungsteam sichtete mehr als 600 Datensätze auf der Suche nach Studien, die Mediatoren, Moderatoren oder Prädiktoren der schmerzlindernden Wirkung von Musik untersuchten. Schließlich wurden 57 Studien für die Analyse ausgewählt. Durch ein besseres Verständnis der Mechanismen, über die Musik Schmerzen beeinflusst, könnten Kliniker und Forscher gezieltere, personalisierte und wirksamere musikbasierte Interventionen für Menschen mit akuten oder chronischen Schmerzen entwickeln, erklärte Bradt. Die Übersichtsstudie trug zwar dazu bei, zu erklären, warum musikbasierte Interventionen ein wirksamer Ansatz zur Schmerzbewältigung sein können, zeigt aber, dass eine fundiertere Erforschung der Mechanismen, die diese Interventionen wirksam machen, weiterhin nötig ist. „Die Erforschung der Wirkung von Musik auf Schmerzen mag einfach klingen, ist aber aufgrund der Komplexität von Musik und Schmerz tatsächlich eine große Herausforderung“, betont Bradt. Laut der Forscherin ist mehr Forschung zu den zugrundeliegenden Mechanismen bei Menschen mit chronischen Schmerzen nötig. Auch gebe es noch nicht ausreichend Studien, die sich mit aktivem Musizieren und Musiktherapie befassen – und nicht nur mit dem bloßen Musikhören. „In meiner klinischen Arbeit setze ich vorwiegend auf aktives Musizieren, wie etwa Singen, stimmliche Improvisationen und das Spielen von Instrumenten, da ich festgestellt habe, dass dies bei chronischen Schmerzen weitaus wirksamer ist als reines Musikhören“, erläutert Bradt. „Die Erforschung der Mechanismen, die dem aktiven Musizieren zugrunde liegen, ist jedoch deutlich schwieriger als bei der Untersuchung des Musikhörens. So lassen sich beispielsweise bildgebende Verfahren des Gehirns beim Musikhören viel einfacher durchführen als beim aktiven Musizieren, da man die Teilnehmenden beim Musikhören bitten kann, stillzusitzen, den Musikreiz zu standardisieren – sodass alle dasselbe Musikstück hören – und so weiter.“ Da Musiktherapeuten in der klinischen Praxis vorwiegend aktives Musizieren einsetzen, ist es nach Ansicht der Wissenschaftlerin wichtig, dass die Forschung auf diesem Gebiet anknüpft, um besser zu verstehen, wie aktives Musizieren zur Schmerzlinderung beiträgt. Zudem gibt es nur wenige Studien zu den Wirkmechanismen musikbasierter Interventionen bei Menschen mit chronischen Schmerzen. Bradt schlägt daher vor, als nächsten wichtigen Schritt zu untersuchen, ob sich Erkenntnisse aus Studien mit gesunden Erwachsenen auf Menschen mit chronischen Schmerzen übertragen lassen – insbesondere deshalb, weil sich die Schmerzverarbeitung bei Betroffenen mit chronischen Schmerzen unterscheidet. (ac/BIERMANN)
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