Würzburger Schmerzforscherin gehört nun der Leopoldina an2. September 2026 Heike Rittner (Bild: Daniel Peter/UKW) Prof. Heike Rittner, Inhaberin des Lehrstuhls für Schmerzmedizin an der Universitätsmedizin Würzburg, wurde in die Nationale Akademie der Wissenschaften aufgenommen. Die Aufnahme in die Nationale Akademie der Wissenschaften Leopoldina habe sie unendlich gefreut, sagt Rittner. „Eine Mitgliedschaft in der ehrwürdigen und renommierten Gelehrtenakademie ist die größte Anerkennung und wichtigste Auszeichnung für meine wissenschaftliche Leistung, die es hierzulande gibt. Darüber hinaus gibt sie meinem Forschungsgebiet, dem Schmerz, mehr Sichtbarkeit.“ Heike Rittner gründete 2017 das Zentrum für interdisziplinäre Schmerzmedizin (ZiS) und leitet seit 2023 Deutschlands ersten Lehrstuhl für Schmerzmedizin. Meilenstein war die Bewilligung der DFG-geförderten Klinischen Forschungsgruppe KFO5001 „ResolvePAIN“, in der die Mechanismen der Schmerzauflösung erforscht werden. Schmerzmedizin braucht mehr politische Aufmerksamkeit und bessere Rahmenbedingungen Als Fachärztin für Anästhesiologie, Schmerztherapeutin und Wissenschaftlerin am Universitätsklinikum Würzburg (UKW) hofft sie, mit ihrer Mitgliedschaft, neue Impulse für die Schmerzmedizin zu setzen und dazu beizutragen, das Thema chronischer Schmerz in Wissenschaft, Gesundheitspolitik und Gesellschaft stärker zu verankern. Angesichts der wachsenden Bedeutung chronischer Schmerzen, insbesondere bei Erkrankungen des Bewegungsapparats und im Zusammenhang mit psychischer Belastung sieht Rittner großen Handlungsbedarf. Denn trotz der hohen Zahl chronisch schmerzkranker Menschen sei die Versorgung vielerorts unzureichend und durch die Krankenhausreform mehr denn je gefährdet. „Evidenzbasierte, interdisziplinäre Schmerztherapien werden im derzeitigen Vergütungssystem oft benachteiligt, während invasive Eingriffe mit teils begrenztem Nutzen häufig attraktiver vergütet werden“, sagt Rittner. Ganzheitlicher Blick: Molekül, Mechanismen, Mensch und Miteinander Ihr zufolge befindet sich die Schmerzforschung derzeit in einer besonders dynamischen Phase. Denn erste Erkenntnisse aus der Grundlagenforschung der vergangenen zwei Jahrzehnte gelangen nun in die klinische Anwendung. Neue Wirkstoffe und molekular zielgerichtete Therapien eröffnen vielversprechende Perspektiven. Fortschritte sind jedoch nur möglich, wenn moderne Medikamente mit einem ganzheitlichen Behandlungsansatz verbunden werden, der auch psychische Faktoren, Behandlungserwartungen sowie die Lebenssituation der Patientinnen und Patienten berücksichtigt. Genau dieser ganzheitliche Ansatz macht das Fachgebiet Schmerz so besonders. „Er zwingt uns, klein und gleichzeitig groß zu denken: von Molekülen und biologischen Mechanismen bis hin zum Menschen mit seiner psychischen, sozialen und beruflichen Lebenssituation, also dem Miteinander“, erklärt Rittner. Gerade chronischer Schmerz ist das Ergebnis eines engen Zusammenspiels von körperlichen Prozessen, Gehirn, Psyche und sozialem Umfeld. Deshalb müssen Forschung und Therapie all diese Ebenen gemeinsam berücksichtigen. Schmerz ist ein gesellschaftliches Phänomen Zwar ist Rittner der Fachsektion „Chirurgie, Orthopädie und Anästhesiologie“ zugeordnet, doch der fachübergreifende Austausch zwischen den 28 Fachsektionen und den vier Klassen Mathematik, Natur- und Technikwissenschaften, Lebenswissenschaften und Medizin sowie Geistes-, Sozial- und Verhaltenswissenschaften zählt zu den zentralen Aufgaben der Nationalen Akademie der Wissenschaften. Gerade für ihre interdisziplinäre Schmerzforschung eröffne sich dadurch eine Vielzahl von Möglichkeiten zur Vernetzung und zum wissenschaftlichen Dialog. „Schmerz ist kein rein medizinisches Thema, sondern ein gesellschaftliches Phänomen. Deshalb brauchen seine Erforschung und Behandlung unterschiedliche wissenschaftliche Perspektiven“, betont Rittner. Vita von Heike RittnerRittner wurde 1968 in Berlin geboren und wuchs in Oldenburg in Niedersachsen auf. Nach ihrem Medizinstudium in Wien und Würzburg und weiteren Ausbildungsstationen, unter anderem an den Universitäten Yale und Basel, führte ihr wissenschaftlicher Weg sie zunächst an die Mayo Clinic in Rochester (USA). Über die Charité – Universitätsmedizin Berlin, wo sie den Grundstein für ihre Karriere in der Schmerzforschung legte, wechselte sie im Jahr 2008 an die Klinik und Poliklinik für Anästhesiologie, Intensivmedizin, Notfallmedizin und Schmerztherapie das Universitätsklinikum Würzburg (UKW). Zu diesem Zeitpunkt verfügte das UKW bereits über eine der ersten Schmerzambulanzen in Deutschland sowie eine universitäre Schmerztagesklinik. Die Fachärztin für Anästhesiologie baute diesen Schwerpunkt sukzessive zum Zentrum für interdisziplinäre Schmerzmedizin (ZiS) aus, welches sie seit 2017 leitet. Im Jahr 2020 bewilligte die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) die von ihr und Prof. Dr. Claudia Sommer geleitete Klinische Forschungsgruppe KFO 5001 ResolvePAIN, in der sie die molekularen Mechanismen der Schmerzauflösung besser verstehen wollen, um personalisierte und passgenaue Therapien zu entwickeln. 2021 wurde Heike Rittner auf die W2 Professur für klinische und experimentelle Schmerztherapie berufen und 2023 übernahm sie den neu eingerichteten und in Deutschland einzigartigen Lehrstuhl für Schmerzmedizin. Ihre Spezialgebiete sind entzündlicher und neuropathischer Schmerz, Barrieren als Schutz für das Nervensystem, sowie persistierende Schmerzen nach Operationen und das komplexe, regionale Schmerzsyndrom. Seit 2025 ist sie Prodekanin und gehört dem Fakultätsvorstand an. Heike Rittner ist verheiratet, Mutter von drei Kindern und lebt mit der Familie in Würzburg.
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