Muttersprache prägt die Verschaltung im Gehirn27. März 2023 Die Wissenschaftler analysierten das strukturelle Sprachnetzwerk im Gehirn bei deutschen und arabischen Muttersprachlern. (Foto: © MPI CBS) Wissenschaftler des Max-Planck-Instituts für Kognitions- und Neurowissenschaften in Leipzig haben Beweise dafür gefunden, dass die Muttersprache eines Menschen die Verschaltung im Gehirn prägt und damit das Denken beeinflussen könnte. Xuehu Wei, Doktorandin im Team um Alfred Anwander und Angela Friederici, verglich die Gehirnscans von 94 Muttersprachlern zweier sehr unterschiedlicher Sprachen und zeigte, dass die Sprache, mit der wir aufwachsen, die Stärke der Verdrahtung im Gehirn beeinflusst. Zwei Gruppen von deutschen und arabischen Muttersprachlern wurden im Magnetresonanztomographen (MRT) gescannt. Die hochauflösenden Bilder zeigen nicht nur die Anatomie des Gehirns, sondern ermöglichen auch die Berechnung der Verdrahtung zwischen den Hirnarealen mithilfe diffusionsgewichteter Bildgebung. Die Daten zeigten, dass sich die axonalen Verbindungen der weißen Substanz des Sprachnetzwerks an die Anforderungen und Schwierigkeiten der Muttersprache anpassen. “Arabische Muttersprachler zeigten eine stärkere Vernetzung zwischen linker und rechter Gehirnhälfte als deutsche Muttersprachler”, erklärte Anwander. “Diese Verstärkung wurde auch zwischen semantischen Sprachregionen festgestellt und könnte mit der relativ komplexen semantischen und phonologischen Verarbeitung im Arabischen zusammenhängen.” Wie die Forscher feststellten, zeigten deutsche Muttersprachler eine stärkere Konnektivität im Sprachnetzwerk der linken Hemisphäre. Sie argumentieren, dass ihre Ergebnisse mit der komplexen syntaktischen Verarbeitung im Deutschen zusammenhängen könnten, die durch die freie Wortstellung und den größeren Abstand zwischen den abhängigen Satzelementen bedingt ist. “Die Konnektivität des Gehirns wird in der Kindheit durch das Lernen und die Umwelt beeinflusst, was sich auf die kognitive Verarbeitung, also das Denken, im erwachsenen Gehirn auswirkt. Unsere Studie liefert neue Erkenntnisse darüber, wie sich das Gehirn an kognitive Anforderungen anpasst – unser strukturelles Netzwerk der Sprache wird also durch die Muttersprache geprägt”, fasst Anwander zusammen. Die Studie sei eine der ersten, die klare Unterschiede zwischen den Gehirnen von Menschen dokumentiert, die mit verschiedenen Muttersprachen aufgewachsen sind. Damit könnte sie Wissenschaftlern einen Weg zum Verständnis kulturübergreifender Verarbeitungsunterschiede im Gehirn bieten. In einer nächsten Studie wird das Forscherteam die langfristigen strukturellen Veränderungen in den Gehirnen arabischsprachiger Erwachsener analysieren, während sie sechs Monate lang Deutsch lernen.
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