Myopie bei Kindern: Neue Wirkstoffe am Horizont

Augenarzt untersucht das Sehvermögen eines kleinen Jungen in der Praxis.(Symbolbild.)Foto:©New Africa-stock.adobe.com

Die medikamentöse Behandlung der Myopie entwickelt sich zunehmend über niedrig dosiertes Atropin hinaus. Ein Review im Fachjournal „Eye Discovery“ gibt einen Überblick über etablierte Wirkstoffe, neue molekulare Angriffspunkte und Kombinationsstrategien, die künftig weitere Möglichkeiten zur Kontrolle der Kurzsichtigkeit eröffnen könnten.

„Bei der Erforschung von Medikamenten gegen Myopie geht es längst nicht mehr nur um die Frage, ob Atropin wirkt“, erklärt Dr. Meiyan Li von der Abteilung für Ophthalmologie am Eye & ENT Hospital der Fudan-Universität in Shanghai, China. „Das Forschungsfeld beschäftigt sich zunehmend mit den molekularen Prozessen, die der axialen Verlängerung des Auges zugrunde liegen.“

Atropin bleibe zwar eine der wichtigsten pharmakologischen Optionen. Neuere Studien deuteten jedoch darauf hin, dass auch der Umbau der Sklera, die choroidale Perfusion und oxidativer Stress wichtige Ansatzpunkte für die künftige Arzneimittelentwicklung sein könnten.

Effekt von Atropin beruht möglicherweise auf mehreren Mechanismen

Eine zentrale Stellung in dem Review nimmt dennoch die etablierte Myopietherapie mit Atropin ein. Der Wirkstoff ist ein nicht selektiver Antagonist muskarinischer Acetylcholinrezeptoren. Seine Wirkung auf die Myopie könnte jedoch über die Blockade dieser Rezeptoren hinausgehen. Diskutiert werden unter anderem Effekte auf die Dopaminfreisetzung in der Netzhaut, adrenerge Rezeptoren und die choroidale Durchblutung sowie auf Hypoxie und Umbauprozesse der Sklera. Auch intrazelluläre Signalwege wie Wnt/β-Catenin, HIF und mTOR könnten beteiligt sein.

Die Daten sprechen den Autoren zufolge dafür, dass die Myopiekontrolle durch Atropin nicht über einen einzelnen Angriffspunkt, sondern über ein Netzwerk verschiedener okulärer Gewebe und molekularer Signalwege vermittelt wird.

Kombinationsstrategien könnten Kontrolle der Myopie verbessern

Eine bereits klinisch eingesetzte Strategie ist die Kombination von niedrig dosiertem Atropin mit optischen Interventionen. In einigen Studien wurden additive Effekte beobachtet, wenn Atropin mit Orthokeratologie, DIMS-Brillengläsern (Defocus Incorporated Multiple Segments) oder Dual-Focus-Kontaktlinsen kombiniert wurde.

Im Vergleich zu Atropin plus Einstärkenbrille verringerte die Kombination aus Atropin und Orthokeratologie die axiale Verlängerung zusätzlich um 0,19 mm. Mit Atropin plus DIMS-Gläsern betrug die zusätzliche Reduktion nach 12 Monaten 0,24 mm. Insbesondere bei Kindern mit rasch fortschreitender Myopie könnten sich medikamentöse und optische Verfahren daher ergänzen.

Neue pharmakologische Ansätze für die Behandlung von Myopie

Neben Atropin diskutieren die Autoren weitere pharmakologische Ansätze. Pirenzepin, ein selektiver Antagonist muskarinischer Rezeptoren, verlangsamte in placebokontrollierten Studien die Myopieprogression bei Kindern um etwa 50 Prozent. Eine Phase-II-Studie in den USA wurde jedoch aufgrund einer geringen Erfolgsrate und gastrointestinaler Komplikationen abgebrochen.

Auch der oral einzunehmende Adenosinrezeptor-Antagonist 7-Methylxanthin (7-MX) verlangsamte in einer Studie bei dänischen Kindern die Myopieprogression und wurde dort zur klinischen Anwendung zugelassen. Darüber hinaus werden Augeninnendruck-senkende Wirkstoffe wie Brimonidin und Latanoprost untersucht. Ihre möglichen Effekte auf die Myopie könnten unter anderem über die choroidale Perfusion und Umbauprozesse der Sklera vermittelt werden.

Neue Targets für die gezielte Myopie-Kontrolle auf molekularer Ebene

Noch weiter am Anfang steht die Entwicklung von Wirkstoffen, die gezielt in molekulare Mechanismen der Myopieentstehung eingreifen. Zu den untersuchten Ansatzpunkten gehören Stress des endoplasmatischen Retikulums (ER-Stress), die Ferroptose, oxidativer Stress und Signalwege, die den Umbau der Sklera beeinflussen. In Tiermodellen zeigten unter anderem 4-Phenylbuttersäure, Quercetin, Everolimus, Doxycyclin und α-Ketoglutarat Effekte auf die Myopieprogression. Auch eine Blockade des epidermalen Wachstumsfaktorrezeptors (EGFR) wird als möglicher Ansatz untersucht.

Für die meisten dieser Ansätze stammt die Evidenz bislang jedoch überwiegend aus Zellkulturstudien, Tiermodellen oder frühen Beobachtungsstudien. Bevor sie klinisch eingesetzt werden können, müssen Wirksamkeit und Sicherheit daher in kontrollierten Studien untersucht werden.

„Atropin bleibt eine der wichtigsten pharmakologischen Optionen. Neuere Studien deuten jedoch darauf hin, dass auch der Umbau der Sklera, die choroidale Perfusion und oxidativer Stress wichtige Ansatzpunkte für die künftige Arzneimittelentwicklung werden könnten. Wir hoffen, dass dieser Review den Leserinnen und Lesern verdeutlicht, wie sich die medikamentöse Myopietherapie von der klinischen Anwendung hin zur Suche nach mechanistisch begründeten Angriffspunkten entwickelt“, so Li. (nec/BIERMANN)