Nach primärer Biopsie beim Nichtkleinzelligen Lungenkarzinom: Analyse bestätigt die Wertigkeit einer erneuten Gewebeentnahme

ESSEN (Biermann) – Mit der Wertigkeit erneuter Gewebeentnahmen nach einer primären Biopsie bei Patienten mit Nichtkleinzelligem Lungenkrebs (NSCLC) hat sich eine deutsche Arbeitsgruppe befasst. Solche Re-Biopsien würden v. a. durchgeführt, um einerseits die Entwicklung potenziell zugäng­licher Resistenzmechanismen gegen eine zielgerichtete Therapie zu erkennen und andererseits, um neue therapeutische Ziele zu identifizieren, die bei der 1. diagnostischen Biopsie nicht erkannt wurden.

Welchen Nutzen diese erneuten Gewebeentnahmen haben, sei aber bislang noch nicht Gegenstand umfassender systematischer Analysen gewesen.

Die Forschenden fragten kli­nische Datenbanken zweier großer Netzwerke von Krebszentren ab, um prospektiv erfasste NSCLC-Fälle zu identifizieren, bei denen im Falle einer Progression ≥1 Re-Biopsie durchgeführt wurde. Klinisch-pathologische Befunde und Untersuchungsergebnisse zu Biomarkern, einschließlich Multigen-Sequenzierung, wurden mit den klinischen Ergebnissen korreliert.

Unter insgesamt 17.477 NSCLC-Patienten mit einer Erkrankung des Stadiums IV ermittelten die Studien­autoren eine Kohorte von 403 für die Auswertung zur Verfügung stehenden Patienten, die sich ≥1 Re-Biopsie eines Primärtumors oder einer Metastasierung unterzogen.

Veränderungen der Biomarkerprofile im Vergleich zum Ausgangswert wurden bei 48,9 % beobachtet. In 31,3 % der Fälle erhoben die Untersucher Befunde von potenzieller therapeutischer Relevanz: So wurde bei 18 Patienten (4,4 %) ein für die zielgerichtete Therapie relevanter Marker erst bei der erneuten Gewebeentnahme entdeckt.

Neue Befunde waren häufiger (>50 %) bei NSCLC mit EGFR/ALK/ROS1-Veränderungen, einschließlich Mutationen des dominanten Onkogens, TP53-Mutationen und MET- oder ERBB2-Amplifikationen. Patienten, die sich einer erneuten Biopsie unterzogen, zeigten im Vergleich zu einer Kontrollgruppe ein überlegenes OS, unabhängig vom Vorhandensein (HR 0,28) oder Fehlen (HR 0,20; beide p<0,001) einer therapeutisch beeinflussbaren Aberration.

Die Forschenden um Erstautor PD Dr. Matthias Scheffler von der Lung Cancer Group Cologne kommen zu dem Schluss, dass der Nutzen von Re-Biopsien bei Patienten, die eine Progression eines fortgeschrittenen NSCLC zeigen, durch eine hohe Rate an klinisch relevanten Befunden in hohem Maße bestätigt wird. (ac)

Autoren: Scheffler M et al.
Korrespondenz: Martin Schuler; [email protected]
Studie: Rebiopsy in advanced non-small cell lung cancer, clinical relevance and prognostic implications
Quelle: Lung Cancer 2022;168:10–20.
doi: 10.1016/j.lungcan.2022.04.006