NAION: GLP-1-Medikamente könnten zu schnellerem Sehverlust im zweiten Auge führen

Symbolbild KI-generiert mit ChatGPT.

Eine aktuelle Arbeit zeigt, dass bei Patienten mit seltener beidseitiger nicht-arteriitischer anteriorer ischämischer Optikusneuropathie (NAION) die Erkrankung am zweiten Auge unter Einnahme von GLP-1-Medikamenten früher auftreten kann.

Eine auf der 130. Jahrestagung der American Academy of Ophthalmology vorgestellte Studie untersuchte Patienten mit beidseitiger NAION. Dabei zeigte sich, dass bei Anwendern von GLP-1-Rezeptoragonisten das zweite Auge deutlich häufiger innerhalb von sechs Monaten nach dem ersten erkrankte als bei Patienten ohne GLP-1-Therapie.

Bei 15 Prozent der Erkrankten ist das zweite Auge ebenfalls betroffen

NAION tritt auf, wenn der Sehnerv nicht ausreichend durchblutet wird. Es kommt dann zu einem plötzlichen, schmerzlosen Sehverlust in einem Auge. In der Regel ist nur ein Auge betroffen. Jedoch kann das andere Auge ebenfalls erkranken. „Etwa 15 Prozent der Patienten entwickeln innerhalb von fünf Jahren nach der Diagnose am ersten Auge eine NAION auch am anderen Auge“, erklärte Ashley Tin, Mitautorin der Studie. Sie ist Medizinstudentin am Carle Illinois College of Medicine. „Eine schnelle, kurz darauffolgende Beteiligung des zweiten Auges ist in der Regel seltener.“

Die Studie begann mit einer klinischen Vermutung. Augenarzt Dr. Matthew D. Kay, einer der Mitautoren, bemerkte eine Häufung von Patienten, die innerhalb kurzer Zeit mit NAION in beiden Augen vorstellig wurden. Bei diesen Patienten trat die Erkrankung innerhalb kurzer Zeit nacheinander an beiden Augen auf, gelegentlich sogar gleichzeitig. Alle betroffenen Patienten nahmen GLP-1-Agonisten ein.

„Die offensichtliche Zunahme schnell aufeinanderfolgender Fälle erschien uns ungewöhnlich. Das veranlasste uns zu untersuchen, ob dieses Muster auch in einer großen nationalen Datenbank zu beobachten war“, berichtete Tin.

Bei 56,8 Prozent der GLP1-Anwender trat NAION am zweiten Auge innerhalb von sechs Monaten auf

Um dies herauszufinden, griffen die Forscher auf Epic Cosmos zurück, eine umfangreiche Datenbank mit Gesundheitsdaten. Sie untersuchten NAION-Fälle am zweiten Auge, die zwischen 2015 und 2025 erfasst wurden. Es wurden etwa 1440 GLP-1-Anwender mit rund 20.700 Personen verglichen, die keine Inkretinmimetika einnahmen. Die Wissenschaftler verfolgten über einen Zeitraum von einem Monat bis zu fünf Jahren wie schnell nach dem ersten Vorfall das zweite Auge betroffen war.

Die Untersuchungen ergaben einen auffälligen Unterschied. Bei GLP-1-Anwendern traten 56,8 Prozent der NAION-Fälle am zweiten Auge innerhalb von sechs Monaten auf, verglichen mit 40,6 Prozent bei denjenigen, die das Medikament nicht einnahmen. Im statistischen Modell der Forscher war die Verschiebung hin zu frühen statt späten Ereignissen in der GLP-1-Gruppe etwa 1,98-mal so stark. Dieses Muster zeigte sich sowohl vor als auch nach der weit verbreiteten Einführung der GLP1-Medikamente.

„Wir waren von den Ergebnissen nicht besonders überrascht, da die Analyse der großen Datenbank mit der klinischen Beobachtung übereinstimmte, die Anlass für die Studie war“, so Tin. „Dennoch war es beeindruckend, den klinischen Eindruck in einem sehr großen Datensatz bestätigt zu sehen. Und dies unterstrich die Notwendigkeit, den Zusammenhang weiter zu untersuchen.“

Studie weist keinen kausalen Zusammenhang nach

Die Forscher weisen ausdrücklich darauf hin, dass die Studie keinen kausalen Zusammenhang nachweisen kann, da die Daten aggregiert und nicht aus individuellen Patientenakten stammen. Zudem merken die Wissenschaftler an, dass die GLP-1-Anwender in der Studie um 1,0 bis 1,4 Prozentpunkte höhere durchschnittliche Hämoglobin-A1C-Werte aufwiesen. Dies lässt vermuten, dass eher ein schwerer verlaufender Diabetes als die Medikamente selbst für einen Teil oder die gesamte Differenz verantwortlich ist.

Für Augenärzte, so Tin, sei die Botschaft eher Wachsamkeit als Alarm. „Die GLP-1-Einnahme sollte ein wichtiger Bestandteil der Medikamentenanamnese bei Patienten mit NAION sein, insbesondere bei der Beratung von Patienten nach einem ersten Augenereignis“, sagte sie und fügte hinzu, dass bei Behandlungsentscheidungen „die erheblichen systemischen Vorteile dieser Medikamente weiterhin berücksichtigt werden sollten.“

Ihre Botschaft an die Patienten ist ebenso klar: Setzen Sie die Medikamente nicht aufgrund dieser Studie ab. „Diese Medikamente haben wichtige Vorteile bei Diabetes, Adipositas und für die kardiovaskuläre Gesundheit. Unsere Studie stellt lediglich einen Zusammenhang fest, anstatt zu beweisen, dass die Medikamente NAION verursachen“, betonte Tin. Wer einen plötzlichen, schmerzlosen Sehverlust oder einen neu auftretenden blinden Fleck bemerkt, sollte sich umgehend von einem Augenarzt untersuchen lassen. Etwaige Bedenken sollten mit dem Arzt besprochen werden, der das Medikament verschrieben hat.

Weitere Studien zur Klärung der Ursache notwendig

Die American Academy of Ophthalmology und die North American Neuro-Ophthalmology Society haben im vergangenen Monat eine Stellungnahme veröffentlicht, die sowohl Augenärzten als auch der Öffentlichkeit zusätzliche Informationen und Ratschläge bietet.

Der nächste Schritt bestehe den Forschern zufolge darin, zu klären, ob die Medikamente selbst oder der zugrunde liegende Gesundheitszustand der Menschen für dieses Muster verantwortlich ist. Dazu seien Studien mit detaillierten Patientendaten erforderlich, die den Schweregrad von Diabetes und andere Gefäßerkrankungen berücksichtigen und untersuchen können Zudem müssten sie erfassen, welches Medikament ein Patient in welcher Dosis und über welchen Zeitraum eingenommen hat und wann die Behandlung im Verhältnis zum Auftreten der Symptome am jeweiligen Auge begann. Letztendlich, so Frau Tin, seien prospektive Studien notwendig, um festzustellen, ob ein kausaler Zusammenhang besteht. (sas/BIERMANN)