Nebennierenkarzinome bei Kindern: Herausforderungen in Forschung und Diagnostik

Nebennierenkarzinome bei Kindern erfordern eine besondere Expertise. Symbolbild: Prince/stock.adobe.com

Nebennierenkarzinome bei Kindern sind zwar selten, aber mit besonderen Herausforderungen verbunden. Die Tumoren unterscheiden sich biologisch und klinisch deutlich von denen bei Erwachsenen. Das wirkt sich erheblich auf Diagnostik und Behandlungsstrategien aus.

In Deutschland erkranken nur acht Kinder pro Jahr an einem Nebennierenrindenkarzinom bzw. adrenokortikalen Karzinom (ACC). Etwa 90 Prozent der Tumoren produzieren selbst Hormone und sind oft assoziiert mit Krebsprädispositionssyndromen. Ein großer Teil der Tumoren ist aggressiv, wächst schnell und streut früh in andere Organe. Daher ist eine komplette operative Entfernung des Tumors essenziell für die Prognose. Dennoch liegt die 5-Jahres-Überlebensrate bei fortgeschrittenen pädiatrischen Nebennierenkarzinomen bei unter 40 Prozent.

Die klassische systemische Erstlinientherapie besteht aus einer platinhaltigen Chemotherapie sowie einem selektiven Zytostatika (Mitotane). Dadurch kommt es zur (vorübergehenden) Nebenniereninsuffizienz, so dass die Kinder zusätzlich Hormone nehmen müssen. Diese Kombination macht pädiatrische Nebennierentumoren besonders anspruchsvoll und erfordert hochspezialisierte Expertise – sowohl in der Kinderonkologie als auch in der Kinderpathologie.

Nebennierenkarzinome bei Kindern – selten, aber tückisch

Prof. Verena Wiegering ist Fachärztin für Kinder- und Jugendmedizin mit Schwerpunkt pädiatrische Hämatologie und Onkologie sowie Zusatzbezeichnung Palliativmedizin an der Universitätsmedizin Frankfurt. Im Interview mit der Deutschen Gesellschaft für Pathologie (DGP) klärt sie über die besonderen Herausforderungen bei der Behandlung von ACC bei Kindern auf.

Was ist die Besonderheit bei Nebennierenkarzinomen bei Kindern?

Wiegering: Da gibt es einige Punkte. Nebennierenkarzinome bei Kindern verhalten sich im Vergleich zu Tumoren bei Erwachsenen deutlich anders: Sie haben häufig andere molekulargenetische Eigenschaften und andere Signalwege. Ein weiterer ganz wichtiger Punkt ist, dass diese Tumoren bei Kindern fast immer hormonaktiv sind, also selbst Hormone produzieren, insbesondere Cortisol und Androgene. Die Tumoren schaffen sich dadurch gewissermaßen eine schützende Umgebung, die die Immunantwort abschwächt und Therapien weniger wirksam bzw. den Tumor resistent gegen viele Therapien macht.

Dazu kommt, dass bei Kindern deutlich häufiger genetische Veranlagungen eine Rolle spielen. Genau diese Unterschiede führen dazu, dass Therapien, die bei Erwachsenen funktionieren, nicht einfach übertragbar sind. Gleichzeitig sind die Tumoren extrem selten, mit nur wenigen Fällen pro Jahr. All das macht sie zu einer sehr komplexen und herausfordernden Erkrankung, die eine eigene spezialisierte Betrachtung und Forschung erforderlich macht.

Wie ist der Stand der Forschung?

Wiegering: Die Forschung zu Nebennierenkrebs im Kindesalter ist bisher noch sehr begrenzt. Wir sind auf internationale Zusammenarbeit angewiesen, um überhaupt genügend Daten und Proben zu sammeln – aber diese Zusammenarbeit wächst seit etwa zehn Jahren, zum Beispiel im European Network for the Study of Adrenal Tumors (ENSAT). Dort gibt es ENSAT Kids, den Verbund von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern, die länderübergreifend untersuchen, welche Gene, Signale und Mechanismen Nebennierenkarzinome bei Kindern antreiben. Aktuell liegt der Forschungsschwerpunkt noch stark auf präklinischer Forschung, also auf Arbeiten mit Zelllinien und patienteneigenen Zellmodellen, um Resistenzmechanismen zu untersuchen und Therapieansätze zunächst im Labor zu testen. Wir haben inzwischen aber ein viel besseres biologisches Verständnis dieser Entität als noch vor zehn Jahren.

Sie haben sich neben Ihrer klinischen Tätigkeit der Erforschung dieser Karzinome verschrieben. Was möchten Sie persönlich erreichen?

Wiegering: Ich möchte dazu beitragen, dass wir diese sehr seltenen Tumoren besser verstehen, um die Behandlung gezielter und individueller zu gestalten. Ich wünsche mir, dass wir bald in der Lage sind, Risikogruppen genauer zu definieren und personalisierte Therapien zu entwickeln, damit vor allem die Kinder mit ungünstiger Prognose eine bessere Chance auf Heilung haben.

Warum ist eine Spezialisierung auf Kinderpathologie wichtig?

Wiegering: Tumoren im Kindesalter hängen oft mit genetischen Veranlagungen oder speziellen Syndromen zusammen. Zudem ist der Ursprung der Tumoren häufig ein anderer als bei Erwachsenen, bei denen zum Beispiel Umweltgifte eine Rolle spielen. Um dieses Wissen in die Diagnosefindung einzubringen, braucht es speziell geschulte Pathologinnen und Pathologen. Sie müssen einen Überblick über die Besonderheiten und Erkrankungen des Kindesalters haben.

In Frankfurt profitiere ich davon, dass wir in einem zertifizierten Kinderonkologischen Zentrum sowie einem gut vernetzten Umfeld arbeiten und auf spezialisierte pathologische Expertise zurückgreifen können. Gerade bei Kindern und so seltenen Tumoren ist es entscheidend, dass die Diagnostik in erfahrenen Händen liegt. Wir brauchen dringend ausreichend spezialisierte Kinderpathologinnen und -pathologen und entsprechende geschützte Strukturen in Deutschland.

Redigiert von Milo Klesse.