NEJM-Studie: Neue Perspektive für die Therapie von Autoimmunerkrankungen

Wirkprinzip: Ein bispezifischer Antikörper (Blinatumomab, rot) verbindet eine T-Zelle (oben) über CD3 mit einer CD19-positiven B-Zelle (unten). Diese räumliche Kopplung führt zur Aktivierung der T-Zelle und zur gezielten Zerstörung der Zielzelle. Quelle: Marion Subklewe/© Genzentrum der LMU

Münchner Forscher haben erstmals gezeigt, dass bei der Kombination aus Immunthrombozytopenie (ITP) und Antiphospholipidsyndrom (APS) bispezifische Antikörper die zugrunde liegende Autoimmunreaktion gezielt ausschalten können.

Bei einer Immunthrombozytopenie (ITP) richtet sich das Immunsystem gegen die eigenen Blutplättchen – die Folge sind spontane Blutungen. Das Antiphospholipidsyndrom (APS) führt dagegen zu einer krankhaften Gerinnungsaktivierung und lebensgefährlichen Thrombosen. Treffen beide Erkrankungen zusammen, entsteht ein gefährlicher Widerspruch: Der Körper droht gleichzeitig zu verbluten und Blutgerinnsel zu bilden. „Solche Patienten stellen uns vor extreme medizinische Herausforderungen“, erklärt Prof. Karsten Spiekermann, Hämostaseologe am LMU Klinikum.

Neuartige Immuntherapie aktiviert körpereigene T-Zellen

In den vergangenen Jahren hat die CAR-T-Zelltherapie bereits beeindruckende Erfolge bei Autoimmunerkrankungen gezeigt. Diese Therapie ist jedoch aufwändig, individuell herzustellen und erfordert eine Chemotherapie, die Unfruchtbarkeit und neue Krebserkrankungen verursachen kann.

Das Münchner Team um Prof. Marion Subklewe, Dr. Adrian Gottschlich, Prof. Karsten Spiekermann und Prof. Michael von Bergwelt nutzte seine Expertise in T-Zell-rekrutierenden Immuntherapien, um eine alternative, schonendere Methode zu erproben: den bispezifischen Antikörper Blinatumomab.

„Bispezifische Antikörper wirken wie ein molekulares Bindeglied zwischen T-Zellen und krankheits-verursachenden B-Zellen“, erläutert Subklewe, Leiterin des Schwerpunktbereiches Immuntherapie am LMU Klinikum. „Dadurch können wir gezielt die Zellen ausschalten, die schädliche Autoantikörper produzieren – ganz ohne Chemotherapie.“

Verschwinden der Autoantikörper – stabile Blutplättchen

Im Rahmen eines compassionate-use-Programms erhielt eine junge Patientin mit therapieresistenter ITP und APS zwei Zyklen der Behandlung mit Blinatumomab. Bereits kurz nach Therapiebeginn stiegen die Blutplättchen an, und die zuvor krankheitsauslösenden Antikörper verschwanden vollständig. „Nach unzähligen erfolglosen Therapieversuchen konnten wir erstmals die blutbildenden Medikamente ausschleichen – die Blutplättchen blieben trotzdem stabil“, berichtet Gottschlich, Erstautor der Studie. „Gleichzeitig verschwanden die Autoantikörper, die sowohl für die Blutungsneigung als auch für die Thrombosen verantwortlich waren.“

Begleitende Laboranalysen, durchgeführt in Kooperation mit PD Dr. Rainer Kaiser (Medizinische Klinik I), zeigten außerdem, dass sich die Bildung von gerinnungsfördernden Blutplättchen nach der Therapie vollständig normalisierte.

Bedeutung für die Zukunft

Seit der Behandlung hat die Patientin normale Plättchenzahlen und ist frei von Schmerzen, Blutungen und Thrombosen – und konnte erstmals seit Jahren wieder eine orale blutverdünnende Therapie beginnen und auf tägliche subkutane Spritzen verzichten. Dies bedeutet einen enormen Gewinn an Lebensqualität und die Rückkehr in ein normales Leben. „Die Daten zeigen das enorme Potenzial zielgerichteter Immuntherapien bei Autoimmunerkrankungen“, betont von Bergwelt. „Gerade bispezifische Antikörper eröffnen neue, sichere Therapieoptionen – insbesondere für junge Patientinnen und Patienten.“