Neue Arbeitshilfe für Arztpraxen zur Antibiotika-Verordnung18. November 2021 Foto: pixelfokus – stock.adobe.com Zum Europäischen Antibiotikatag am 18. November veröffentlichte die AOK eine neue Arbeitshilfe für niedergelassene Ärztinnen und Ärzte zur rationalen Verordnung von Antibiotika. Sie ist Bestandteil des Qualitätsindikatoren-Systems für die ambulante Versorgung (QISA). Der neue QISA-Band “Rationaler Antibiotikaeinsatz” soll besonders Hausärztinnen und Hausärzten dabei helfen, den Einsatz von Antibiotika auf ein sinnvolles Maß zurückzufahren. Ziel ist eine umsichtige Verordnung dieser Medikamente, um der zunehmenden Bedrohung der öffentlichen Gesundheit durch Antibiotika-Resistenzen zu begegnen. Problembewusstsein bei Ärztinnen und Ärzten weiter erhöhen Die kostenfrei downloadbare Arbeitshilfe umfasst insgesamt zwölf Qualitätsindikatoren, mit denen Ärztinnen und Ärzte den rationalen Einsatz von Antibiotika in ihrer Praxis messen und bewerten können. Ein Indikator ist zum Beispiel ein zu hoher Anteil von Patientinnen und Patienten mit bestimmten “unkomplizierten” Infektionen, bei denen ein Antibiotikum verordnet wird. Der QISA-Band richtet sich insbesondere an Arztnetze, die mithilfe der Indikatoren die Qualität innerhalb des Netzes oder im Vergleich zu anderen Netzen ermitteln können. “Unser Ziel ist es, das Problembewusstsein bei den Ärztinnen und Ärzten weiter zu erhöhen. Wir müssen verhindern, dass unsere stärksten Waffen im Kampf gegen komplizierte Infektionen immer stumpfer werden”, erläutert Dr. Gerhard Schillinger, Leiter des Stabs Medizin im AOK-Bundesverband. Dabei geht es auch um die Verordnung besonders risikoreicher Antibiotika wie der Fluorchinolone. Eine aktuelle Auswertung auf Basis der GKV-Abrechnungsdaten zeigt, dass es hier – auch infolge der insgesamt zurückgegangenen Antibiotika-Verordnungen während der Pandemie – einen positiven Trend gibt: Während 2018 noch etwa fünf Prozent der GKV-Versicherten ein Fluorchinolon-Antibiotikum verordnet bekamen, waren es 2019 noch 3,1 Prozent und im “Pandemie-Jahr” 2020 2,3 Prozent. “Trotz dieser deutlichen Reduktion gehören die Fluorchinolone aber mit knapp 1,7 Millionen Verordnungen im vergangenen Jahr immer noch zu den häufig verordneten Antibiotika, obwohl sie ein erhöhtes Risiko für schwerwiegende Nebenwirkungen haben und zu den Reserve-Antibiotika zählen”, so Schillinger. Die Anwendung des QISA-Indikators “Anteil der Verordnungen von Fluorchinolonen” soll dazu beitragen, dass diese Medikamente nur bei schwerwiegenden oder lebensbedrohlichen Infektionen verordnet werden, wenn es keine Alternativen gibt oder sie als Mittel der ersten Wahl gelten. Erfahrungen aus der praktischen Anwendung sind eingeflossen Der neue QISA-Band ist ein Produkt des 2017 gestarteten Projektes “Antibiotika-Resistenzentwicklung nachhaltig abwenden” (ARena), an dem sich unter der Konsortialführung des aQua-Instituts der AOK-Bundesverband, die AOK Bayern, die AOK Rheinland/Hamburg, die KV Bayerns (KVB), die Agentur deutscher Arztnetze sowie knapp 200 Arztpraxen aus 14 Arztnetzen in Bayern und Nordrhein-Westfalen mit knapp 90.000 Behandlungsfällen beteiligt haben. Finanziert wurde das Projekt ARena mit Mitteln aus dem Innovationsfonds (Förderkennzeichen 01NVF16008). “Für die Erstellung des QISA-Bandes konnten wir auf die vielfältigen praktischen Erfahrungen aus dem ARena-Projekt bei der Berechnung der Indikatoren und ihrer konkreten Anwendung in Qualitätszirkeln zurückgreifen”, betont Prof. Joachim Szecsenyi, Geschäftsführer des aQua-Instituts und Seniorprofessor an der Universität Heidelberg. “Wir freuen uns, dass wir das Ergebnis dieser Arbeit jetzt allen interessierten Medizinerinnen und Medizinern in kompakter Form zur Verfügung stellen können.” Die Ergebnisse des ARena-Projektes und der neue QISA-Band werden am Europäischen Antibiotikatag im Rahmen eines Experten-Workshops des Bundesministeriums für Gesundheit zum Thema “Rationaler Antibiotikaeinsatz im ambulanten Bereich” der Fachöffentlichkeit vorgestellt. Die 13 bisher erschienenen QISA-Themenbände stehen zum kostenlosen Download unter http://www.QISA.de zur Verfügung. Die QISA-Qualitätsindikatoren kommen bereits in zahlreichen Projekten zur Messung und Verbesserung der ambulanten medizinischen Versorgung zur praktischen Anwendung. So werden sie im bundesweiten AOK-Projekt “Qualität in Arztnetzen – Transparenz mit Routinedaten” (QuATRo) verwendet, um die Versorgungsqualität der beteiligten Netze zu messen und zu vergleichen. Aktuell beteiligen sich insgesamt 43 Arztnetze in neun Bundesländern am QuATRo-Projekt, das seit dem Start 2013 ständig gewachsen ist. Sie erhalten datenbasiertes Feedback zu den Ergebnissen des Arztnetzes und der einzelnen Praxen, die sie für ihre Qualitätsarbeit nutzen können. “Auch ein neuer Indikator zur Antibiotika-Verordnung fließt schon in diese Arbeit ein”, berichtet Gerhard Schillinger. Die QISA-Indikatoren würden außerdem in der Versorgungsforschung oder zur Evaluation von Versorgungsmodellen genutzt, so Schillinger. QISA: Über 170 sorgfältig begründete Qualitätsindikatoren Das Qualitätsindikatorensystem QISA ist das Produkt einer langjährigen Zusammenarbeit zwischen dem AOK-Bundesverband und dem aQua-Institut. Seit 2009 sind über 170 sorgfältig begründete Qualitätsindikatoren veröffentlicht worden, die Qualität in der Arztpraxis messbar machen und die Bewertung der ambulanten Versorgung in ihrer ganzen Breite ermöglichen. QISA beleuchtet in erster Linie Aspekte der hausärztlichen Grundversorgung, aber auch Themen der Spezialversorgung durch Fachärzte.
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