Neue Erkenntnisse zur Gentherapie bei Hämophilie A14. März 2023 Dreidimensionale Darstellung des Gerinnungsfaktors VIII. (Quelle: © Dr_Microbe – stock.adobe.com) Bislang erfolgt die Behandlung der Hämophilie A durch regelmäßige intravenöse oder subkutane Substitution des fehlenden Gerinnungsfaktors. Seit August 2022 ist eine Gentherapie für die schwere Form der Erkrankung zugelassen. Aktuell publizierte Zwei-Jahres-Daten der Phase-III-Studie sind vielversprechend und könnten den Autoren zufolge das Leben von Hämophilie-Patienten verändern. Bei Patienten mit einer Hämophilie A fehlt der Gerinnungsfaktor VIII und muss von außen zugeführt werden, damit das Blut gerinnt und die Patienten nicht bluten. Da die Faktorenkonzentrate in der Vergangenheit aus Plasma hergestellt wurden, infizierten sich in den 1970er- und 1980er-Jahren viele Betroffene mit Hepatitis und HIV. Zudem leiden viele Patienten unter schweren Gelenkschäden. Entsprechend ist die Lebensqualität vieler Betroffener durch diese Begleiterkrankungen stark eingeschränkt. Im “New England Journal of Medicine” wurden nun die Zweijahresdaten zur Gentherapie bei schwerer Hämophilie A veröffentlicht. Die Patienten wiesen anschließend im Median eine Faktor-VIII-Aktivität von etwa zwölf Prozent auf und lagen damit nur noch im Bereich einer leichten Hämophilie A. Die jährliche Blutungsrate sank um 84,5 Prozent. Das Gentherapeutikum Valoctocogen-Roxaparvovec steht seit Mitte 2022 für schwere Fälle von Hämophile A zur Verfügung. Es schleust mithilfe eines viralen Vektors funktionsfähige Kopien des Faktor-VIII-Gens in Leberzellen der Patienten ein. Im Juli 2019 schloss das Bonner Hämophiliezentrum am UKB den ersten deutschen Patienten in die Phase-III-Studie ein. Dieser weist jetzt, inzwischen mehr als dreieinhalb Jahre nach erfolgreicher Gentherapie, immer noch eine fast normwertige Faktor-VIII-Aktivität von 60 Prozent auf, also deutlich besser als der Median der Patienten in der Studie. Ein Grund dafür könnte das vergleichsweise frühe Umstellen von einem systemischen (Prednisolon) auf ein mehr lokal wirkendes Corticosteroid (Budenosid) sein, das über weitere sechs Monate zur Immunsuppression gegeben wurde. Eine systemische hochdosierte Cortisontherapie über längere Zeiträume hat im Gegensatz zu der mehr lokal wirkenden erhebliche Nebenwirkungen wie Gewichtszunahme, Osteoporose oder Diabetes. Die Therapieänderung wurde gemeinsam mit Experten der Medizinischen Klinik I (Prof. Christian Strassburg, Prof. Ulrich Spengler) beschlossen, die große Erfahrung in der Behandlung von Autoimmunhepatitiden haben. Da der Gentherapievektor in die Leber geht und dort der Gerinnungsfaktor VIII produziert wird, könnte hier ein analoger Zusammenhang zu einer Immunhepatitis bestehen. Der Patient ist sehr froh über diesen guten Verlauf der Gentherapie. Er hat seit dreieinhalb Jahren keine Hämophilie A mehr. Selbst eine unfallbedingte Fraktur im Hüftgelenk ist ohne Blutung und ohne Komplikationen ausgeheilt. Besuche beim Zahnarzt sind seit der Gentherapie für den Patienten ohne vorbereitende Maßnahmen möglich. Prof. Johannes Oldenburg, Direktor des Instituts für Experimentelle Hämatologie und Transfusionsmedizin am UKB, zu dem auch das Hämophiliezentrum gehört, stellt dazu fest: „Der Patient und das gesamte Studienteam freuen sich sehr über den guten Verlauf dieser Gentherapie der Hämophilie A. Die Immunsuppression, die bei 80 bis 90 Prozent der Patienten notwendig ist, kann sicher noch weiter verbessert werden. Unsere Erfahrungen sind ein erster Schritt in diese Richtung.“ Das Hämophilie-Zentrum am Universitätsklinikum Bonn (UKB) ist nach eigenen Angaben eines der größten in Europa. Etwa 15 Prozent der Hämophilie-Patienten in Deutschland werden dort behandelt.
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