ESC 2026 Neue ESC-Leitlinie stärkt gemeinsame Behandlung von Herz-Kreislauf- und Nierenerkrankungen28. August 2026 Bildquelle: Chanita/stock.adobe.com Erstmals hat die European Society of Cardiology (ESC) eine eigene Leitlinie zur gemeinsamen Versorgung von kardiovaskulären Erkrankungen und chronischer Nierenerkrankung (CKD) veröffentlicht. Die Leitlinie setzt auf eine frühere Erkennung der CKD, eine konsequente Risikobewertung und den gezielten Einsatz wirksamer Therapien. Die European Society of Cardiology (ESC) hat gemeinsam mit der European Renal Association (ERA) erstmals eine Leitlinie zum Management von kardiovaskulären Erkrankungen bei gleichzeitig bestehender chronischer Nierenerkrankung erstellt. Die neuen Empfehlungen wurde heute online im „European Heart Journal“ veröffentlicht. Außerdem wird die Leitlinie am 29. August auf dem ESC Congress 2026 in München vorgestellt. Herz und Nieren sind eng miteinander verbunden Eine chronische Nierenerkrankung (CKD) ist definiert als eine mindestens drei Monate bestehende Abnormalität der Nierenstruktur oder -funktion, die gesundheitliche Auswirkungen hat. Schätzungen zufolge leben in Europa rund 100 Millionen Menschen mit einer CKD. Bei ihnen besteht aufgrund der eingeschränkten Nierenfunktion ein erhöhtes Risiko für zahlreiche kardiovaskuläre Erkrankungen (CVD). „Die durch beide Erkrankungen verursachte Einschränkung der Lebensqualität und verlorene Lebenszeit sind erheblich. Gleichzeitig kann eine CKD kardiovaskuläre Erkrankungen beschleunigen – und umgekehrt. Dadurch können kardiovaskuläre Ereignisse auftreten und eine Dialyse deutlich früher im Leben erforderlich werden“, erklärt Associate Professor Kevin Damman vom University Medical Centre Groningen (Niederlanden), einer der Vorsitzenden der Leitlinien-Taskforce. Die gute Nachricht sei, dass es in den vergangenen Jahren erhebliche Fortschritte gegeben habe. Inzwischen stünden mehrere einfach anzuwendende Therapien zur Verfügung, die das Risiko sowohl für kardiovaskuläre als auch für renale Komplikationen deutlich reduzieren könnten. Nierenfunktion bei Herzpatienten konsequenter überprüfen Prof. William Herrington von der University of Oxford (Großbritannien), ebenfalls Vorsitzender der Taskforce, verwies darauf, dass viele Menschen mit CKD von Kardiologinnen und Kardiologen behandelt werden. „Die neuen ESC-Empfehlungen sollen deshalb dazu beitragen, bei Patienten mit kardiovaskulären Erkrankungen häufiger die Nierenfunktion und die Albuminausscheidung im Urin zu bestimmen. Durch ein systematischeres Screening könnten mehr gefährdete Patienten erkannt und anschließend gezielt gegen CKD und kardiovaskuläre Erkrankungen behandelt werden“, so Herrington. „STAMP on CKD“ als Leitfaden Die Taskforce hat für die zentralen Schritte der Versorgung das Akronym „STAMP on CKD“ entwickelt: S – Screen T – Triage A – Address CKD Risk M – Modify CVD management P – Plan health services Am Anfang steht das Screening: Alle Patienten mit einer CVD sollten bei der Diagnose auch auf eine CKD untersucht werden. Dazu sollen Blut- und Urintests zum Einsatz kommen – insbesondere die geschätzte glomeruläre Filtrationsrate (eGFR), die anhand des Serumkreatinins bestimmt wird, sowie das Albumin-Kreatinin-Verhältnis im Urin. Bei der anschließenden Risikoeinschätzung sollen sowohl das Risiko für ein Fortschreiten bis zum Nierenversagen als auch das kardiovaskuläre Risiko möglichst präzise bestimmt werden. Hierfür empfehlen die Leitlinien validierte Risikoscores, die die Nierenfunktion berücksichtigen. Therapien frühzeitig einsetzen und anpassen Bei der Behandlung des CKD-Risikos kommt es nach Ansicht der Experten darauf an, bewährte und kosteneffektive Therapien möglichst früh einzusetzen. Diese können das Fortschreiten der Nierenerkrankung verlangsamen und das Risiko für kardiovaskuläre Ereignisse reduzieren. „Besonders wichtig und wirksam ist der frühzeitige Einsatz von Medikamenten wie RAS-Inhibitoren und SGLT2-Inhibitoren zusätzlich zu einer statinbasierten Therapie“, erläutert Damman. Die Leitlinie beschreibt zudem zahlreiche Situationen, in denen die Behandlung einer CVD bei bestehender CKD angepasst werden muss. Ein wichtiger Aspekt ist dabei die Auswahl und Dosierung von Medikamenten. Aufgrund der eingeschränkten Nierenfunktion können manche Wirkstoffe oder ihre Abbauprodukte schlechter aus dem Körper ausgeschieden werden. Die Empfehlungen geben deshalb Hinweise darauf, welche Medikamente auch bei eingeschränkter Nierenfunktion eingesetzt werden können und wie die Therapie entsprechend angepasst werden sollte. Patienten in Versorgungsstrukturen einbinden Auch die Versorgungsstrukturen spielen eine zentrale Rolle. Sie sollten so organisiert sein, dass Hochrisikopatienten frühzeitig erkannt werden und zeitnah Zugang zu kardiologischer und nephrologischer Betreuung erhalten. „Aufgrund der Komplexität der CKD ist häufig eine aktive und effiziente Kommunikation zwischen den verschiedenen Fachdisziplinen erforderlich“, betont Herrington. Dabei sollten Patienten sowie Angehörige und betreuende Personen Herrington zufolge in die multidisziplinäre Versorgung einbezogen werden. Dies könne dazu beitragen, die individuellen Prioritäten der Betroffenen besser zu berücksichtigen, ihre Behandlungserfahrung zu verbessern und eine stärker patientenzentrierte Versorgung zu fördern. Ergänzend wurde eine Version der neuen Leitlinie speziell für Patienten entwickelt. Sie soll Betroffenen das notwendige Wissen und mehr Sicherheit vermitteln, um sich aktiv an gemeinsamen Therapieentscheidungen mit ihren behandelnden Ärztinnen und Ärzten zu beteiligen. Ziel: Herz- und Nierenrisiken früher erkennen Die Vorsitzenden der Taskforce betonten abschließend die große Belastung, die CVD und CKD für Betroffene, Gesundheitssysteme und Gesellschaft darstellen. Die zentralen Empfehlungen der neuen Leitlinie sollten deshalb von allen relevanten Akteuren im Gesundheitswesen und von politischen Entscheidungsträgern berücksichtigt werden. Gleichzeitig seien weitere Forschungsarbeiten notwendig, um bestehende Evidenzlücken zu schließen. Ein größeres Bewusstsein für die enge Verbindung zwischen Herz- und Nierenerkrankungen könne dazu beitragen, die Versorgung von Menschen mit bestehender oder drohender CVD beziehungsweise CKD nachhaltig zu verbessern. (mkl/BIERMANN)
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