Neue Leitlinie zur infektiologischen Versorgung von jungen Flüchtlingen

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Um geflüchteten Kindern eine kompetente medizinische Unterstützung geben zu können, ist eine strukturierte Versorgung unverzichtbar. Für die sinnvolle und notwendige Infektionsprävention und -diagnostik haben die pädiatrischen Gesellschaften und Verbände nun spezielle Fachempfehlungen vorgelegt.

Ob geflohen vor Kriegen, Naturkatastrophen oder Armut – geflüchtete Kinder haben eine oft extrem belastende Zeit hinter sich, lange, strapaziöse Reisen, traumatische Erlebnisse. Je nach Herkunftsland war ihre medizinische Versorgung auch schon vor der Flucht mangelhaft und die Gesundheitsbelastung groß. Diese Kinder und Jugendlichen müssten hier in einer speziell geschulten medizinischen Betreuung aufgefangen werden, um ihre besonderen Gesundheitsrisiken und -bedürfnisse erkennen und kompetent versorgen zu können, heißt es in einer Stellungnahme der Deutschen Gesellschaft für Pädiatrische Infektiologie (DGPI e.V.), der Gesellschaft für Tropenpädiatrie und Internationale Kindergesundheit (GTP e.V.), dem Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte (BVKJ e.V.) und der Deutschen Gesellschaft für Kinder- und Jugendmedizin (DGKJ e.V.), die die Empfehlungen zusammen mit weiteren Fachgesellschaften und Organisationen erarbeitet haben.

In die Empfehlungen flossen Erfahrungen zum medizinischen Bedarf von Flüchtlingen und insbesondere auch über die Prävalenz von spezifischen Infektionserkrankungen ein, die Mitarbeiter des Gesundheitssystems seit 2015 sammeln konnten. Zwischen 40.000 und 200.000 minderjährige Flüchtlinge im Jahr suchen seither Schutz in Deutschland. Auch für die kommenden Jahre ist eine hohe Zahl an Flüchtlingen zu erwarten, aktuell insbesondere aus dem Kriegsgebiet in der Ukraine.

Die jetzt vorgelegten Empfehlungen, die als AWMF-Leitlinie der Stufe 1 angelegt wurden, zielen darauf, einen unvollständigen Impfschutz frühzeitig zu erkennen und rasch zu vervollständigen (z. B. Poliomyelitis, Masern, COVID-19), übliche Infektionskrankheiten im Kindes- und Jugendalter, auch vor dem Hintergrund von Sammelunterkünften, Sprachbarrieren und unterschiedlichen kulturellen Auffassungen, zu diagnostizieren und zu behandeln sowie
in Deutschland seltene Infektionskrankheiten frühzeitig zu erkennen und zu therapieren (z. B. Tuberkulose, Dengue-Fieber).

Den Autoren sei sehr bewusst, dass Kindergesundheit weit mehr brauche als einen guten infektiologischen Schutz: Psychische Gesundheit und ein sicheres und fürsorgliches Umfeld, Integration und Bildungschancen seien zentrale Aspekte für das gesunde Aufwachsen von Kindern und Jugendlichen mit Fluchterlebnissen, erklärten die Beteiligten.

“Eine strukturierte und adäquate medizinische Versorgung ist ein unverzichtbarer Beitrag, der aber politisch auch abgesichert werden muss: Noch gibt es weder im ambulanten noch im stationären Bereich ausreichend Personal und finanzielle Mittel hierfür – angesichts der auch in Zukunft zu erwartenden hohen Zahl an minderjährigen Flüchtlingen eine akute Herausforderung, die eine vordringliche Aufgabe der Politik sein muss”, heißt es in einer Mitteilung der DGKJ.