Neue Nervenzellen durch direkte Umprogrammierung6. September 2019 Neuprogrammierte Neuronen in verschiedenen Grauschattierungen. (© Dr. Riccardo Bocchi, Institut für Stammzellforschung, Helmholtz Zentrum München) Forschende des Helmholtz Zentrums München und des Biomedizinischen Zentrums der Ludwig-Maximilians-Universität München haben eine Methode entwickelt, mit der Astrozyten zu Neuronen umprogrammiert werden und damit degenerierte Nervenzellen ersetzen können. Die neuronale Regeneration ist sowohl im Bereich akuter Hirnverletzungen als auch bei neurodegenerativen Erkrankungen ein wichtiger Forschungsbereich: Das Gehirn erwachsener Säugetiere hat nur sehr begrenzte Möglichkeiten, neue Neuronen zu produzieren. Bisher gängige Therapien wie Zelltransplantation erforderten eine Injektion ins Gehirn des Patienten sowie die Reduktion der körpereigenen Immunabwehr – Folge hierbei ist eine erhöhte Anfälligkeit für Infektionen und anderen Krankheiten. Die Forschergruppe um Prof. Magdalena Götz vom Helmholtz Zentrum München und vom Biomedizinischen Zentrum der Ludwig-Maximilians-Universität (LMU) verfolgte deshalb einen neuen in vivo-Ansatz: die direkte Umprogrammierung von Zellen vor Ort. Das Team zeigte, dass Gliazellen mit Faktoren, die während der Nervenzellbildung in der Entwicklung identifiziert wurden, in Neuronen umprogrammiert werden können. Dieser Ansatz wurde 2002 zunächst in der Kulturschale und dann im Gehirn von Mäusen in vivo entwickelt und 2015 von der Gruppe in Bezug auf die Effizienz weiter optimiert. Die große, bis dahin nicht gelöste Herausforderung war, adäquate neuronale Subtypen zu generieren, die mit anderen Gehirnregionen verbunden sind. „In der aktuellen Studie gelang es uns, Astrozyten, die sich in verschiedenen Schichten befinden, nach einer Hirnverletzung in verschiedene neuronale Subtypen umzuprogrammieren. Dieser Erfolg ist neu und ein großartiger Schritt für die Regeneration von Nervenzellen, da in dieser Studie erstmals Nervenzellen verschiedener Schichten mit Verbindungen zu den gewünschten Hirnregionen wieder gebildet werden konnten“, sagte Götz. Dieser Ansatz bietet die langfristige Perspektive, Neuronen zu ersetzen, die bei neurodegenerativen Erkrankungen oder nach akuten Verletzungen wie Traumata oder Schlaganfall verloren gegangen sind. Die Ergebnisse dieser Studie können auf andere Gehirnregionen ausgedehnt werden, die von anderen Krankheitsbildern betroffen sind. „Wir sind überzeugt, dass unsere Erfolge auch die Stammzellforschung und Entwicklungsneurobiologie entscheidend voranbringt, weil wir herausgefunden haben, dass die Ursprungszellen einen sehr großen und spezifischen Einfluss auf die Umprogrammierung in verschiedene Nervenzellen haben. Außerdem können unsere Erkenntnisse zu völlig neuen Ansätzen in der medizinischen Anwendung führen“, sagte Dr. Riccardo Bocchi aus Götzes Forschungsgruppe Neurale Stammzellen. Götz’ Team konzentriert sich nun darauf, diesen spannenden Ansatz in vielerlei Hinsicht weiterzuentwickeln. Es will die Wirkungsweise der Umprogrammierungsfaktoren verbessern und die funktionelle Integration der neuen Neuronen erforschen, um humane Gliazellen sicher in neue Neuronen zu verwandeln. Dem Ziel, Nervenzellen aus vorhandenem, eigenem neuronalen Gewebe zu ersetzen, ist das Team mit dieser Studie einen großen Schritt nähergekommen. Originalpublikation: Mattugini, Bocchi et al.: Inducing Different Neuronal Subtypes from Astrocytes in the Injured Mouse Cerebral Cortex. Neuron, 2. September 2019
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