Neue Studie scheint Platz der E-Zigarette in der Raucherentwöhnung zu bestätigen

Das Ziel, Raucher vom Rauchen herkömmlicher Zigaretten abzubringen, lässt sich laut einer neuen Studie mit E-Zigaretten besser erreichen als mit anderen Nikotinersatztherapien. (Foto: © Aleksej/Fotolia)

Laut einer klinischen Studie von Forschern der Queen Mary University of London sind E-Zigaretten fast doppelt so wirksam wie Nikotinersatztherapien mit Pflastern oder Kaugummi.

Die multizentrische Studie, an der fast 900 Raucher teilnahmen, die zusätzlich eine unterstützende Verhaltenstherapie erhielten, ergab, dass 18,0 Prozent der Konsumenten von E-Zigaretten nach einem Jahr rauchfrei waren, verglichen mit 9,9 Prozent der Teilnehmer, die Nikotinersatztherapien verwendeten .
Forschungsleiter Prof. Peter Hajek von der Queen Mary University in London sagt: “Dies ist die erste Studie, in der die Wirksamkeit moderner E-Zigaretten bei der Raucherentwöhnung getestet wurde. E-Zigaretten waren fast doppelt so effektiv wie die “Goldstandard”-Kombination aus Nikotinersatzprodukten.”

“Obwohl eine große Anzahl von Rauchern berichtet, dass sie mithilfe von E-Zigaretten das Rauchen erfolgreich aufgegeben haben, waren Ärzte bisher zurückhaltend dabei, deren Verwendung zu empfehlen, da keine eindeutigen Beweise aus randomisierten kontrollierten Studien vorliegen. Dies wird sich jetzt wahrscheinlich ändern”, so Hajek weiter.

In der einzigen Studie der Vergangenheit, in der E-Zigaretten mit Nikotinpflastern verglichen wurden, kamen frühe “cig-a-like”-E-Zigaretten mit sehr geringer Nikotinabgabe zum Einsatz. Diese Untersuchung beinhaltete zudem keinen persönlichen Kontakt und ergab für beide Behandlungen eine nur geringe Wirksamkeit, wie es seitens der Queen Mary University heißt. Die neue Studie wurde vom National Institute for Health Research finanziert von Cancer Research UK unterstützt und im “New England Journal of Medicine” veröffentlicht. Sie wurde initiiert, um die Langzeitwirkung neuerer, wiederbefüllbarer E-Zigaretten im Vergleich zu einer Reihe von Nikotinersatztherapien zu testen.

886 Raucher nahmen den Rauchstopp-Service des UK National Health Service in Anspruch und erhielten nach Randomisierung entweder eine Nikotinersatztherapie ihrer Wahl (Pflaster, Kaugummi, Dragees, Sprays, Inhalatoren oder eine Kombination von Produkten) für bis zu drei Monate oder eine E-Zigaretten-Starter-Packung mit einer oder zwei Flaschen E-Liquid. Letztere Probandengruppe wurde zudem ermutigt, weitere Utensilien zu kaufen, wobei sie Stärke und Geschmacksrichtung frei wählen konnten. 

Alle Studienteilnehmer erhielten über eine Zeitraum von vier Wochen wöchentlich in einem persönlichen Gespräch eine unterstützende Verhaltenstherapie. Zudem wurde regelmäßig die Kohlenmonoxidkonzentration in der ausgeatmeten Luft gemessen.

Die Forscher stellten nicht nur fest, dass die Entwöhnung mit E-Zigaretten doppelt so effektiv war, sondern auch, dass die Abstinenzraten in der Gruppe mit E-Zigaretten zu allen Zeitpunkten höher war als bei den Probanden unter Nikotinersatztherapie. Bei den Studienteilnehmern handelte es sich meistenteils um nikotinabhängige Raucher mittleren Alters, von denen 40 Prozent Anspruch auf kostenfreie Verschreibungen hatten. Dies sei ein Marker für sozioökonomische Benachteiligung oder einen schlechten Gesundheitszustand, so die Autoren.

Von denjenigen Probanden, die eine Abstinenz erreichten, verwendeten die E-Zigaretten-Nutzer in Woche 52 mit höherer Wahrscheinlichkeit die ihnen zugeteilten Produkte als die Probanden unter Nikotinersatztherapie (79,8 vs 9,1%)

Zudem beobachteten die Wissenschaftler, dass bei denjenigen Probanden, die keine Abstinenz erreichten, die Verwender von E-Zigaretten ihren Konsum immerhin um mindestens 50 Prozent verringern konnten.
Die Adhärenz erwies sich in beiden Studienarmen als ähnlich, wobei aber E-Zigaretten häufiger und länger verwendet wurden.

Ein weiteres Ergebnis: Während die Probanden mit E-Zigaretten häufiger Reizungen in Mund und Hals aufwiesen  (65,4 vs. 50,8%), klagten die Teilnehmer unter Nikotinersatztherapie öfter über Übelkeit (37,8 vs. 31,4%). In der E-Zigaretten-Gruppe berichteten Probanden nach 52 Wochen über eine stärkere Abnahme der Inzidenz von Husten und Schleimbildung.

Beide Interventionen wurden als weniger zufriedenstellend empfunden als Zigaretten, jedoch war die Zufriedenheit bei den Konsumenten von E-Zigaretten höher und wurden diese als hilfreicher bewertet als die Nikotinersatztherapie.

In Woche 1 und Woche 4 nach Beginn der Abstinenz berichteten die Teilnehmer von einem selteneren starken Drang zu rauchen. Sie gaben außerdem an, dass Reizbarkeit, Unruhe und Konzentrationsschwäche nach der ersten Abstinenzwoche weniger stark zunahmen als dies in der Gruppe mit Nikotinersatztherapie der Fall war.

Studienautorin Dunja Przulj von der Queen Mary University in London prophezeit: “Die UK Specialist Stop Smoking Services werden nun eher E-Zigaretten in ihre Behandlungsmöglichkeiten aufnehmen, und Mediziner werden sich wohler fühlen, wenn sie E-Zigaretten als Intervention zur Raucherentwöhnung empfehlen. Dies kann letztendlich rascher dazu führen, dass weniger geraucht wird und weniger mit dem Rauchen assoziierte Erkrankungen auftreten.”

Prof. Hywel Williams, Direktor des NIHR Health Technology Assessment Program, kommentiert die Ergebnisse so: “Diese bahnbrechende, von den NIHR finanzierte Studie liefert klare Beweise dafür, dass E-Zigaretten fast doppelt so effektiv sind wie die Nikotinersatztherapie, wenn es darum geht, Rauchern dabei zu helfen, das Rauchen aufzugeben. Zigarettenrauchen ist nach wie vor in Großbritannien eine der Hauptursachen für Gesundheitsprobleme und Tod. Daher liefert diese Studie die dringend benötigte Evidenz, um Menschen und politischen Entscheidungsträgern dabei zu helfen, fundierte Entscheidungen zu treffen.”

Martin Dockrell, Tobacco Control Lead, Public Health England, sagt: “Diese wegweisende Studie zeigt, dass der Umstieg auf eine E-Zigarette eine der effektivsten Möglichkeiten zur Raucherentwöhnung sein kann, insbesondere in Kombination mit einer persönlichen Unterstützung.”

Die Studie ergab laut ihren Autoren einen stärkeren Effekt von E-Zigaretten als ältere Untersuchungen. Nach Angaben der Forscher könnte dies daran liegen, dass darin Raucher eingeschlossen wurden, die eine Abstinenz anstrebten, dass eine persönliche Unterstützung angeboten wurde und dass die Raucher wiederbefüllbare E-Zigaretten mit Liquids ihrer Wahl nutzen konnten.

Die Forscher fügen hinzu, dass der Grund für die Wirksamkeit von E-Zigaretten im Vergleich zu anderen Nikotinersatztherapien in erster Linie darin begründet sein könnte, dass die Nikotindosis besser an die individuellen Bedürfnisse angepasst werden kann. Ein weiterer Grund sei, dass sie einige Verhaltensaspekte bieten, die auch beim Rauchen von Zigaretten zum Tragen kommen.

Die Studie weist mehrere Einschränkungen auf. Es fand keine Verblindung statt, was sich auf die Ergebnisse auswirken könnte, wenn Nikotinersatz als minderwertigere Option angesehen wurde und die Teilnehmer sich weniger darum bemühen, abstinent zu werden. Die Studienautoren hatten versucht, die Erwartungseffekte zu begrenzen, indem sie nur Teilnehmer ohne starke Produktpräferenz in die Untersuchung einschloss. Zudem waren die Ergebnisse im Arm mit Nikotinersatztherapie mindestens so gut wie in der routinemäßigen Praxis.
Die Ergebnisse könnten möglicherweise nicht auf Raucher angewendet werden, die weniger abhängig sind, oder auf Konsumenten der ersten Generation von E-Zigaretten des Typs “cig-a-like”, unterstreichen die Autoren zudem.