Neue Übersichtsarbeit enthüllt Verbindung zwischen Schmerz und Kreativität23. April 2026 Symbolfoto: ©hanahal/stock.adobe.com Von Vincent van Gogh über Franz Kafka bis zu Klaus Kinski und Hemingway – große Kunst, so denken viele, wird meist von leidenden Künstlern geschaffen. Doch bilden wir uns die Verbindung zwischen Kreativität und Schmerz bloß ein oder ist sie wissenschaftlich fundiert? Laut Dr. Radwa Khalil, Neurobiologin an der Constructor University, einer Privatuniversität in Bremen, teilen die Schmerz und Kreativität nicht nur dieselben zugrunde liegenden neurologischen Mechanismen, sondern diese Verbindung könnte auch therapeutisches Potenzial bergen, um durch Kreativität die Art und Weise zu verändern, wie unser Gehirn Schmerz verarbeitet. Zu dieser Schlussfolgerung gelangen Khalil und ihre beiden Coautoren von der Universität Zürich (Schweiz) und der Universität Bordeaux (Frankreich) in einem neu erschienen Übersichtsartikel in „Neuroscience & Biobehavioral Reviews“. Schmerz und Kreativität nutzen überlappende neuronale Netzwerke In dem Artikel schlagen Khalil und ihre Mitverfasser einen neuen Forschungsrahmen vor, der darauf abzielt, interdisziplinäre Herausforderungen zu überwinden und das Verständnis kreativen Ausdrucks und seiner Beziehung zum Schmerzmanagement voranzubringen. Dabei stellen die Forschenden fest, dass Kreativität und Schmerz keine isolierten Phänomene sind, sondern verbundene Erfahrungen, die auf überlappenden neuronalen Systemen beruhen, die mit Aufmerksamkeit, Emotion und kognitiver Kontrolle zusammenhängen. „Dieselben Mechanismen, die unsere Kreativität antreiben – vom Generieren neuer Ideen bis zum Wechsel unserer Perspektiven – sind auch daran beteiligt, wie wir Schmerz wahrnehmen und regulieren“, sagt Khalil. „Die Vertiefung unseres Verständnisses dieser Überschneidung kann uns helfen, über die Metapher hinauszugehen, hin zu einem empirischen Verständnis davon, wie kreative Aktivität tatsächlich Heilung fördern und Menschen helfen kann, ihre schmerzhaften Erfahrungen neu zu kontextualisieren.“ Neuronale Schmerzmodulation durch kreative Betätigung Der Artikel zitiert zahlreiche Studien, die kreativen Ausdruck wie bildende Kunst und Musik mit verringerter Schmerzwahrnehmung in Verbindung gebracht haben, was darauf hindeutet, dass therapeutische Ansätze, die beides integrieren, nicht nur möglich, sondern auch erforschenswert sind. „Schmerz stört typischerweise die kognitive Funktion und verengt unsere Aufmerksamkeit“, erklärt Khalil. „Wenn Menschen jedoch ihren Fokus bewusst durch kreatives Engagement umlenken, aktivieren sie alternative neuronale Bahnen, die die Schmerzwahrnehmung modulieren. Dies lenkt nicht nur bewusst die Aufmerksamkeit vom Schmerz weg, sondern aktiviert auch dopamingesteuerte Belohnungssysteme im Gehirn und hilft effektiv dabei, die Beziehung zum Leiden zu transformieren.“ Vereinheitlichung und mehr interdisziplinäre Forschung nötig Trotz wachsenden Interesses an beiden Bereichen beobachteten die Verfasser des Übersichtsartikels, dass Fragmentierung und Ungleichgewicht die Forschungslandschaft in diesem Themenbereich einschränken. So war Schmerz Gegenstand von etwa 65-mal mehr veröffentlichten Studien als Kreativität – und nur wenige Studien untersuchten die Verbindung zwischen beidem. Ferner würden oft unterschiedliche Methoden, Terminologien und theoretische Ansätze verwendet, was wiederum zu grundlegenden Lücken und Diskrepanzen führe, wie zentrale kognitive Funktionen – beispielsweise Aufmerksamkeit und Gedächtnis – über Disziplinen hinweg definiert und gemessen werden. Weitere Herausforderungen sehen die Autoren des Übersichtsartikels im Mangel an Tiermodellen in der Kreativitätsforschung im Vergleich zur Schmerzforschung sowie in der ungenügenden Entwicklung und Nutzung von Computermodellen zur Unterstützung der Forschung in beiden Bereichen. Khalil und Coautoren plädieren daher für eine größere interdisziplinäre Zusammenarbeit und Abstimmung zwischen Neurowissenschaftlern, Psychologen, Medizinern, Informatikern und anderen Disziplinen. „Wenn wir den therapeutischen Wert von Kreativität im Kontext von Schmerz effektiv untersuchen wollen, ist eine kollektive Neubewertung der Forschungsagenda erforderlich“, sagt Khalil. Dies umfasse die Entwicklung umfangreicher Datenbanken mit Fokus auf personalisierte Profile und die Etablierung der Schlüsselmechanismen, die Kreativität mit Schmerzmanagement verbinden. Rahmen für weitere Schnittstellenforschung Um dem zu begegnen, stellen Khalil und Kollegen einen Forschungsrahmen für weitere Forschung zum Zusammenhang zwischen Kreativität und Schmerz vor und geben Hinweise auf therapeutische Möglichkeiten zur Bewältigung chronischer Schmerzen durch kreative Aktivitäten. Sie plädieren jedoch auch dafür, den Forschungsrahmen nicht ausschließlich auf das Schmerzmanagement zu konzentrieren, sondern seine Implikationen für neurologische Entwicklungsstörungen wie ADHS und Autismus sowie die Auswirkungen des Alterns und seiner Beziehung zur Kreativität anzuerkennen. „Die breite Implementierung dieses Rahmens in unserem Feld eröffnet einen aufregenden neuen Forschungspfad, der genau an der Schnittstelle von Neurowissenschaft, Kreativität und Gesundheit liegt“, verdeutlicht Khalil. Auch interessant zum Thema: Fachgesellschaft: Musiktherapie stärker im ambulanten Setting einsetzen
Mehr erfahren zu: "DGS: Geplante GKV‑Sparmaßnahmen gefährden die Versorgung von Menschen mit chronischen Schmerzen" DGS: Geplante GKV‑Sparmaßnahmen gefährden die Versorgung von Menschen mit chronischen Schmerzen Die Deutsche Gesellschaft für Schmerzmedizin (DGS) äußert Kritik gegenüber den Sparmaßnahmen im Referentenentwurf zum GKV-Beitragssatzstabilisierungsgesetz, da sie nach Ansicht der DGS die ambulante Versorgung von Menschen mit chronischen Schmerzen auf […]
Mehr erfahren zu: "Klimawandel beeinträchtigt zunehmend menschliche Gesundheit" Klimawandel beeinträchtigt zunehmend menschliche Gesundheit Mehr Hitzetote sind nur eine von vielen Folgen des Klimawandels. Ein Bericht zieht für Europa Bilanz. So leiden etwa Pollen-Allergiker unter dem früheren Beginn der Saison. Auch das Verbrennen von […]
Mehr erfahren zu: "„Seriosität, wie wir sie von Hütchenspielern kennen“" „Seriosität, wie wir sie von Hütchenspielern kennen“ Bei einer kurzfristig anberaumten gemeinsamen Pressekonferenz in Berlin haben die Deutsche Krankenhausgesellschaft (DKG) und die Kassenärztliche Bundesvereinigung (KBV) scharfe Kritik an der Bundesregierung geübt. Sie bemängelten zum einen den Referentenentwurf […]