Neuer Risikorechner für schwerwiegende Statin-assoziierte Muskelerkrankungen6. Juli 2026 Symbolfoto: ©H_Ko/stock.adobe.com Statine können – wenn auch nur selten – schwerwiegende Muskelerkrankungen verursachen. Ein neu entwickelter Rechner gibt anhand von routinemäßig erhobenen Daten Auskunft über das individuelle Risiko einer solchen Nebenwirkung. Forschende der Universität Oxford (Großbritannien) haben auf Basis britischer Gesundheitsdaten einen neuen Rechner entwickelt, der das Risiko einer Person abschätzt, durch Statine schwerwiegende Muskelerkrankungen zu entwickeln. Das Tool namens StatinMD könnte Patienten und Ärzten helfen, fundiertere Entscheidungen über den Einsatz dieser häufig verschriebenen Medikamente zu treffen. Darüber berichtet die Forschergruppe in einer neuen Studie in „The Lancet Digital Health“. StatinMD ist im Software-Store von Oxford University Innovation zur akademischen Nutzung verfügbar. Rechner auf Basis von Routinedaten StatinMD basiert auf einem klinischen Vorhersagemodell, das anhand anonymisierter Gesundheitsdaten von mehr als 5,6 Millionen Menschen entwickelt und validiert wurde, die bei Hausarztpraxen in ganz England registriert sind. Die Forschenden nutzten Daten von mehr als 1,7 Millionen Menschen zur Entwicklung des Modells und von weiteren 3,9 Millionen Menschen, um dessen Genauigkeit zu testen. Das Modell schätzt das Risiko einer Person, über einen Zeitraum von einem, fünf und zehn Jahren eine schwere Muskelerkrankung mit Krankenhausaufenthalt oder Todesfolge zu entwickeln. Dazu nutzt es 22 routinemäßig erfasste Faktoren, darunter Alter, Geschlecht, ethnische Zugehörigkeit, Body-Mass-Index, Raucherstatus, bestehende Gesundheitsprobleme, frühere muskuläre Beschwerden, Vitamin-D-Mangel und Medikamenteneinnahme einschließlich Statinverordnungen. Risiko für schwere Muskelerkrankungen insgesamt selten Im Ergebnis erreichte das Modell für die Zehn-Jahres-Vorhersage einen C-Index von 0,782. Das bedeutet, dass das Modell in 78,2 Prozent der Fälle einer Person korrekt einen höheren Risikowert zuordnete. Für kürzere Zeiträume war die Diskriminierung mit einem C-Index von 0,840 für ein Jahr und 0,806 für fünf Jahre sogar noch etwas besser. Zusätzlich teilten die Forschenden die Population nach dem Median des für die Kohorte prognostizierten Zehn-Jahres-Risikos auf. Dabei zeigte sich, dass das Modell Personen mit höherem und niedrigerem Risiko gut voneinander unterscheiden konnte (D-Statistik von 2,176). Eine weitere Analyse ergab, dass die Verwendung des Modells zur Unterstützung klinischer Entscheidungen einen höheren Nettonutzen gegenüber Strategien bietet, die das Modell nicht nutzen. In konkreten Zahlen ausgedrückt prognostizierte der Rechner bei mehr als 98 Prozent der Patienten, die von ihren Hausärzten als geeignet für eine Statinbehandlung eingestuft wurden, ein geringes Risiko für schwere Muskelerkrankungen innerhalb der nächsten zehn Jahre. Unter den Personen, die eine klinisch dokumentierte Indikation für eine Statintherapie aufwiesen (QRISK2-Score >10 %), blieben 62,5 Prozent unbehandelt, obwohl einige ein hohes Herzinfarkt- oder Schlaganfallrisiko aufwiesen. Leichte Muskelbeschwerden nur selten auf Statine zurückzuführen Die Studie konzentrierte sich ausschließlich auf schwerwiegende Muskelerkrankungen, da viele leichte Muskelbeschwerden, die während einer Statinbehandlung berichtet werden, tatsächlich nicht durch Statine verursacht werden. Das konnte die Studiengruppe von der Universität Oxford bereits in der Vergangenheit zeigen (wir berichteten). Auch konnte bislang kein definitiver Zusammenhang mit Nebenwirkungen wie Müdigkeit, Kopfschmerzen, Depression oder Schlafstörungen nachgewiesen werden (wir berichteten). Die Studienautoren meinen daher, dass leichte Muskelsymptome die Patienten nicht davon abhalten sollten, eine Statinbehandlung zu beginnen. Schwerwiegende Muskelstörungen sind zwar viel seltener, doch das potenzielle Risiko und der Schweregrad bleiben ein wichtiger Gesichtspunkt bei der Abwägung von Nutzen und Schaden einer Statinbehandlung. Genau hier soll der Rechner zusammen mit Instrumenten zur Bewertung des kardiovaskulären Risikos zum Einsatz kommen. Nach Ansicht der Forschenden könnten Patienten und Ärzte somit bei der Erörterung von Behandlungsoptionen sowohl die Vorteile der Prävention von Herzinfarkten und Schlaganfällen als auch das potenzielle Risiko schwerwiegender Muskelerkrankungen berücksichtigen. Studienlimitationen Die Autoren weisen darauf hin, dass das Modell wichtige Einflussfaktoren wie genetische Risikovarianten (z.B. SLCO1B1-Polymorphismen) oder die körperliche Aktivität nicht berücksichtigt, da diese Informationen in den zugrunde liegenden Routinedaten meist nicht verfügbar waren. Zudem basiert der Rechner ausschließlich auf Daten aus der englischen Primärversorgung. Ob sich die Ergebnisse ohne Weiteres auf andere Gesundheitssysteme oder Patienten in der Sekundärversorgung übertragen lassen, muss daher noch untersucht werden. Darüber hinaus könnte das Modell das Risiko bei einer sehr kleinen Gruppe von Personen mit besonders hohem vorhergesagtem Risiko überschätzen. Die Autoren betonen außerdem, dass der optimale Risikoschwellenwert für den klinischen Einsatz noch festgelegt und der Rechner prospektiv validiert werden muss. Fundierte Abwägung von Nutzen und Risiken bei der Statinbehandlung Insgesamt halten Erstautor Dr. Ting Cai, wissenschaftlicher Mitarbeiter am Nuffield Department of Primary Care Health Sciences der Universität Oxford und Kollegen, ihren Rechner aber für ein wertvolles klinisches Tool: „Schwerwiegende Muskelerkrankungen gehören zu den am häufigsten diskutierten Bedenken im Zusammenhang mit Statinen, doch unsere Ergebnisse deuten darauf hin, dass das Risiko für die überwiegende Mehrheit der Menschen, die von einer Behandlung profitieren könnten, sehr gering ist“, erklärt Cai. Das Verständnis des individuellen Risikos könne dazu beitragen, diese Bedenken ins rechte Licht zu rücken, fundiertere Behandlungsentscheidungen zu unterstützen und Sicherheit zu vermitteln. „Für die kleine Zahl von Menschen mit erhöhtem Risiko bietet dies Ärzten eine klarere Grundlage für die Erörterung von Überwachungsmaßnahmen, Kontrolluntersuchungen oder alternativen Behandlungsoptionen.“ Experte sieht wissenschaftlichen Mehrwert – und offene Fragen für die Praxis Aus Sicht von Prof. Ulrich Laufs, Direktor der Klinik und Poliklinik für Kardiologie am Universitätsklinikum Leipzig, stellt die Studie aus wissenschaftlicher Sicht einen sehr wichtigen Beitrag dar. Gegenüber BIERMANN MEDIZIN betont der Experte für kardiovaskuläre Prävention und Lipidstoffwechselstörungen, dass die Unterversorgung von Hochrisikopatienten mit Statinen auch in Deutschland ein relevantes Problem darstellt. Laut einer aktuellen Versorgungsdatenanalyse erhält rund ein Drittel der Patienten mit atherosklerotischer kardiovaskulärer Erkrankung hierzulande keine lipidsenkende Therapie. Frauen sind dabei insgesamt schlechter versorgt als Männer. „Statin-assoziierte Beschwerden, die häufiger von Frauen berichtet werden, spielen dabei eine wichtige Rolle“, hebt Laufs hervor. Zwar sieht er den Mehrwert des neuen Modells, seiner Ansicht nach bleibt aber die Umsetzung in die Praxis eine Herausforderung. So seien die Angaben für Betroffene schwer verständlich, zum Beispiel, was ein Risiko von 1,31 Prozent für schwerwiegende Muskelerkrankungen bedeutet. Ein niedriger Score könne im Einzelfall dazu beitragen, Sorgen zu reduzieren, meint Laufs. Umgekehrt könne ein hoher Score allerdings auch beunruhigen und sogar Statin-assoziierte Muskelbeschwerden induzieren oder die Behandlung erschweren. „Die Konsequenz aus den Score-Daten ist noch unklar. Unsere Daten zeigen, dass eine negative Kommunikation eine Ursache von Statin-assoziierten Muskelbeschwerden darstellen kann“, gibt Laufs zu bedenken. Sein Fazit: „Die Publikation des neuen Scores trägt relevante Informationen zu dem komplexen, aber für Patienten sehr wichtigen Thema bei. Aber im nächsten Schritt sollte der neue Score auf jeden Fall prospektiv evaluiert werden.“ (ah/BIERMANN)
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