Neues Gerät gegen plötzlichen Herztod

Freuen sich über den erfolgreichen Eingriff (v.l.): Jasmin Hanke, David Duncker, Patient Bastian K. und Johann Bauersachs. Foto: ©Karin Kaiser/MHH

Am Hannover Herzrhythmus Centrum der Medizinischen Hochschule Hannover (MHH) wurde kürzlich deutschlandweit der erste innovative Defibrillator mit Elektrode unter dem Brustbein implantiert.

In Deutschland sterben etwa 65.000 Menschen pro Jahr am plötzlichen Herztod. Eine häufige Ursache ist Kammerflimmern. Diese lebensbedrohliche Herzrhythmusstörung kann durch einen Defibrillator beendet werden. Die MHH gehört zu den Pionieren bei der Implantation von Defibrillatoren. Vor fast 40 Jahren war die MHH die erste Klinik in Deutschland, an der die Implantation eines Defibrillators sofort vollständig gelang. Über die Jahre entwickelte sich die Technologie immer weiter. Jetzt implantierte ein Team des Hannover Herzrhythmus Centrum der MHH-Kardiologie deutschlandweit erstmals ein neuartiges System. Bei dem Extravascular Implantable Cardioverter Defibrillator (EV-ICD) namens Aurora sitzt die Elektrode unter dem Brustbein. Das schafft für bestimmte Patientinnen und Patienten Vorteile.

Herkömmliche Modelle haben Schwachstellen

Herkömmliche Defibrillatoren (ICD) werden transvenös implantiert, das heißt von dem Gerät unterhalb des Schlüsselbeins wird eine drahtförmige Elektrode über eine größere Vene bis ins Herzinnere geführt und dort fest platziert. Tritt eine bösartige Herzrhythmusstörung auf, gibt der Defibrillator entweder mehrere schwache Stimulationsimpulse oder einen Elektroschock ab und bringt den Herzschlag wieder in den richtigen Rhythmus. Das verhindert den plötzlichen Herztod. „Das System ist gut etabliert, die Indikationen sind klar und die Technologie ist weit entwickelt“, sagt Prof. David Duncker, Leiter des Hannover Herzrhythmus Centrums an der Klinik für Kardiologie und Angiologie. Dennoch habe es bekannte Schwachstellen. „Die Elektrode kann beispielsweise im Laufe der Zeit brechen, zu Infektionen führen oder bei der Implantation zu Verletzungen der Lunge führen“, erklärt der Kardiologe. Um diese Nachteile zu beseitigen, wurden vor einigen Jahren subkutane ICD entwickelt, bei denen die Elektrode unter der Haut auf dem Brustbein liegt. Diese ICD können ebenfalls defibrillieren. Da die Elektrode aber keinen direkten Kontakt zum Herzen hat, werden Herzrhythmusstörungen anders erkannt. Außerdem fehlt den Geräten eine Schrittmacherfunktion, die bei zu langsamem Herzschlag nötig sein kann.

Erfolgreiche Weiterentwicklung

Mit dem neuen System scheint es nun gelungen, die Vorteile des transvenösen und des subkutanen Defibrillators zu vereinen und einige Nachteile beider auszuschließen. Das Aurora EV-ICD™-System der Firma Medtronic wird extravaskulär, also außerhalb des Herzens und der Venen, implantiert. Die Kardiologen platzieren die Elektrode unter dem Brustbein. So liegt die Elektrode auf dem Herzen. Durch den direkten Kontakt kann das Gerät Herzrhythmusstörungen besser erkennen und entsprechend darauf reagieren. Bei einem zu schnellen oder unregelmäßigem Herzschlag erfolgt zunächst ein antitachykardes Pacing (ATP), um die Herzfrequenz zu korrigieren. Nur wenn die Störungen anhalten, gibt das Gerät einen Elektroschock ab. „Durch diese Vorstufe können viele, dann auch schmerzhafte, Schocks vermieden werden. Das ist ein großer Vorteil“, betont Duncker. Darüber hinaus hat das Aurora EV-ICD-System eine Schrittmacherfunktion, um das Herz bei zu langsamem oder pausierendem Herzschlag zu stimulieren. „Das neue System ist eine erfolgreiche Weiterentwicklung subkutaner ICD-Systeme und eine gute Alternative für Patientinnen und Patienten, für die ein transvenöses System nicht gut geeignet sind“, erklärt Prof. Johann Bauersachs, Direktor der Klinik für Kardiologie und Angiologie. Er denkt dabei besonders an Menschen mit einem hohen OP-Risiko, Infektionsanfälligkeit und undichten Herzklappen.

Premiere in Hannover

Am 13. Oktober 2023 implantierte Duncker einem Patienten den ersten Aurora-Defibrillator in Deutschland. Eine Woche später nahm er die zweite Implantation dieser Art vor. Der zweite Patient ist Bastian K. aus Hannover. Der 37-Jährige leidet an einer Herzinsuffizienz. Die Pumpleistung seines Herzens lag im Mai dieses Jahres bei nur noch zehn Prozent. Jede Bewegung strengte ihn an. „Nach 100 Metern zu Fuß war ich völlig erschöpft“, erinnert er sich. Um sich vor einem plötzlichen Herztod zu schützen, hatte Bastian K. eine Defibrillatorweste, die unter der Kleidung direkt auf der Haut getragen wird und bei Bedarf einen Elektroschock abgibt. „Als das Thema Implantation konkret wurde, hat man mir drei mögliche Geräte mit allen Vor- und Nachteilen vorgestellt. Alles wurde mir super erklärt“, sagt der Patient. Die Entscheidung fiel auf das neue Defibrillatorsystem Aurora. Dieses Gerät gibt Bastian K. nun ein Gefühl der Sicherheit.

Einen Tag nach der Implantation wurde Bastian K. aus der Klinik entlassen. Zu dem OP-Team gehörte neben den medizinischen und pflegerischen Fachleuten aus der Kardiologie und der Anästhesiologie auch eine Herzchirurgin. PD Dr. Jasmin Hanke aus der Klinik für Herz-, Thorax-, Transplantations- und Gefäßchirurgie war bei den ersten Implantationen des neuen Defibrillators als Backup dabei. „Wir unterstützen uns als Team mit unseren jeweiligen Kernkompetenzen in der Kardiologie und der Chirurgie. So können wir unseren Patienten und Patientinnen die maximal mögliche Sicherheit bieten“, erklärt Hanke. Auch die Herzchirurgin hält das Aurora-Gerät für bestimmte Patienten für eine gute Alternative zu herkömmlichen Defibrillatoren. „Im Langzeitverlauf ist bei den Geräten mit weniger Komplikationen zu rechnen.“ Bauersachs zufolge bietet die neue Technik für eine qualitativ hochwertige Patientenversorgung einen weiteren Schritt nach vorn.

Weltweite Zulassungsstudie

Die Sicherheit und Wirksamkeit des Aurora EV-ICDTM Systems wurde in einer weltweiten Zulassungsstudie bei Patientinnen und Patienten mit dem Risiko eines plötzlichen Herztodes untersucht. Es nahmen 356 Patientinnen und Patienten in 46 Krankenhäusern in 17 Ländern in Nordamerika, Europa, dem Nahem Osten, Asien, Australien und Neuseeland teil. Im August dieses Jahres erhielt das System in Europa die Zulassung.

Am 26. Oktober hatte auch das Herz- und Diabeteszentrum NRW (HDZ NRW), Bad Oeynhausen, bekannt gegeben, als erste Klinik in Nordrhein-Westfalen die neue Defibrillator-Generation eingesetzt zu haben. Den Eingriff führten die Herzspezialisten PD Dr. Guram Imnadze und Dr. Thomas Eitz durch.