Neuregelung zum assistierten Suizid birgt Gefahr erhöhter Suizidfälle

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Anlässlich des Weltsuizidpräventionstages am 10. September macht die Stiftung Deutsche Depressionshilfe und Suizidprävention darauf aufmerksam, dass die aktuell diskutierten Neuregelungen zum assistierten Suizid zu einem Anstieg der Suizidzahlen führen können. Daher seien verstärkte Bemühungen im Bereich der Suizidprävention nötig.

Zahlen des Statistischen Bundesamtes zufolge verstarben 2021 in Deutschland 9215 Menschen durch Suizid – das sind mehr Menschen, als im Verkehr (ca. 2900), durch Drogen (ca. 1800) und durch AIDS (ca. 220) zu Tode kommen. Die Zahl der Suizidversuche wird mehr als 20-mal so hoch geschätzt.

Suizide erfolgen der Stiftung zufolge fast immer vor dem Hintergrund einer nicht optimal behandelten psychischen Erkrankung, am häufigsten einer Depression. „Die überwältigende Mehrheit der Suizide in Deutschland sind keine Freitode, sondern die tragische Folge schwerer psychischer Erkrankungen“, erklärte Prof. Ulrich Hegerl, Vorstandsvorsitzender der Stiftung Deutsche Depressionshilfe und Suizidprävention. Die konsequente und leitlinienkonforme Behandlung der Depression und anderer psychischer Erkrankungen ist daher zentraler Baustein jeder Suizidprävention. Ansprechpartner sind Psychiater, Psychologische Psychotherapeuten und Hausärzte.

In den zurückliegenden 40 Jahren hat sich die Zahl der Suizidopfer halbiert. „Der Rückgang der Suizide dürfte vor allem darauf zurück zu führen sein, dass mehr Menschen mit Depressionen und anderen psychischen Erkrankungen sich Hilfe holen und eine Diagnose bzw. Behandlung erhalten“, erklärte Hegerl, der auch die Senckenberg-Professur an der Universität Frankfurt/M. inne hat. Aufgrund von Wissensdefiziten, Stigmatisierungen, der krankheitsbedingten Antriebs- und Hoffnungslosigkeit sowie vor allem auch Defiziten im Gesundheitssystem bestehen jedoch weiter große Versorgungslücken. „Es ist völlig inakzeptabel, dass ein suizidgefährdeter Mensch oft erst nach Wochen einen Facharzttermin bekommt“ so Hegerl weiter.

Neuregelungen zum assistierten Suizid

Über die gesetzliche Neuregelung zum assistierten Suizid soll sichergestellt werden, dass es zuverlässige Hilfsangebote für ein selbstbestimmtes Sterben gibt. Die Stiftung Deutsche Depressionshilfe und Suizidprävention sieht in Verbindung mit diesen Neuregelungen auch Risiken: „Eine verantwortungsvolle und schwierige Aufgabe wird darin bestehen, sicherzustellen, dass die Entscheidung, sterben zu wollen, tatsächlich freiverantwortlich getroffen wurde und nicht Folge einer verzerrten Wirklichkeitswahrnehmung durch die schwarze Brille der Depression ist. Problematisch ist auch, dass das Bundesverfassungsgerichtsurteil eine Normalisierung des Suizids befördern könnte. Ich habe viele depressiv erkrankte Menschen betreut, die ihre depressive Krankheitsphase nur überlebt haben, weil das Tabu sie vom Suizid abgehalten hat. Sie wollten das ihrer Familie nicht antun. Wird Suizid zu einer jedem offenstehenden Option, so kann dies die oft lebensrettende Schwelle für suizidales Verhalten senken und zu einem Anstieg auch der nichtassistierten, krankheitsbedingten Suizide führen“, befürchtet Hegerl.

In den Niederlanden sind im Zuge der Liberalisierung der Sterbehilfe pro Jahr nicht nur um die 6000 Menschen durch einen assistierten Suizid aus dem Leben geschieden, sondern entgegen der Erwartung nahmen auch die Raten für die einsamen, nichtassistierten Suizide zu. Dieser Anstieg stand im Gegensatz zu der positiven Entwicklung der Suizidraten in fast allen anderen europäischen Ländern.