EAN 2026 „Neurology beyond gender“ – Präzisionsmedizin muss Geschlecht und Gender stärker berücksichtigen30. Juni 2026 Symbolbild: Olga Tsikarishvili/stock.adobe.com Die „Gender-Data-Gap“ ist auch in der Neurologie ein großes Problem – mit Folgen für Diagnostik, Therapie und Forschung. Warum neurologische Versorgung künftig nicht nur das biologische Geschlecht, sondern auch die Geschlechtsidentität berücksichtigen sollte, diskutierten internationale Expertinnen und Experten auf dem EAN-Kongress 2026. von Dr. Milo Klesse Direkt zu Beginn des Kongresses der European Academy of Neurology (EAN) widmeten sich die Expert:innen in der Studio Session „RRFS: Neurology beyond gender“ der Bedeutung von Geschlecht und Geschlechtsidentität für die Neurologie in Europa. Unter dem Vorsitz von Dr. Luca Cuffaro (Italien) diskutierten Prof. Gennarina Arabia (Italien), Dr. Nina Vashchenko (Russland) und Vanessa Carvalho (Portugal) über den aktuellen Wissensstand, bestehende Versorgungslücken und notwendige Veränderungen in Ausbildung und Forschung. Geschlecht und Gender sind nicht dasselbe Zum Einstieg machte Prof. Gennarina Arabia zunächst deutlich, dass in der Medizin zwischen den Begriffen sex und gender – also biologischem Geschlecht und Geschlechtsidentität – häufig nicht ausreichend unterschieden werde. Während das biologische Geschlecht (engl. sex) genetische Faktoren und Geschlechtschromosomen, hormonelle Einflüsse sowie reproduktive Lebensphasen umfasst, beschreibt „Gender“ die persönliche Geschlechtsidentität sowie soziale, kulturelle und gesellschaftliche Einflussfaktoren. Beide Dimensionen beeinflussen die neurologische Gesundheit – allerdings auf unterschiedliche Weise. Biologische Faktoren wirken sich dabei unter anderem auf Erkrankungsrisiken, Krankheitsverläufe und Therapieansprechen aus. Als Beispiel für die genetische Komponente nannte Arabia das Fragile-X-Syndrom. Gleichzeitig können Schwangerschaft, Menopause oder andere hormonelle Veränderungen das Risiko für Schlaganfälle, Multiple Sklerose oder neurodegenerative Erkrankungen erheblich beeinflussen. Geschlecht als Schlüssel der Präzisionsmedizin Anhand weiterer Beispiele erklärte Arabia, dass geschlechtsspezifische Unterschiede klinisch hochrelevant sind. So hätten Männer mit der Parkinson-Krankheit ein höheres Risiko für kognitive Einschränkungen, während Frauen häufig besser auf dopaminerge Therapien ansprechen. Auch in der Demenzdiagnostik sind standardisierte Testverfahren problematisch: „Die etablierten Cut-Off-Werte führen zu einer hohen Rate an Fehldiagnosen“, erklärte Arabia. „Warum? Weil Frauen in den Tests anders abschneiden. Vor allem in verbalen Gedächtnistests erzielen sie häufig bessere Ergebnisse.“ Geschlechtsspezifische Referenzwerte könnten die diagnostische Genauigkeit hier erheblich verbessern. Gender-Data-Gap beginnt im Labor Das Problem beginnt bereits in der Grundlagenforschung. Viele präklinische Untersuchungen und klinische Studien sind über Jahrzehnte überwiegend mit männlichen Versuchstieren oder männlichen Probanden durchgeführt worden. Dadurch seien Wissenslücken entstanden, die sich bis heute in Leitlinien und therapeutischen Empfehlungen widerspiegelten, betont die Professorin. Nach ihrer Einschätzung müsse geschlechtersensible Medizin deshalb bereits in der Grundlagenforschung beginnen. Neben einer ausgewogeneren Rekrutierung in klinischen Studien seien auch Leitlinien gefordert, biologische und soziale Geschlechteraspekte systematisch zu berücksichtigen. Dazu zähle beispielsweise auch die Tatsache, dass viele Frauen selbst Angehörige pflegen und damit stärker belastet und anfälliger für gesundheitliche Risiken sind. Darüber hinaus verwies Arabia auf bestehende Versorgungsunterschiede. Frauen würden mitunter seltener für invasive Therapieverfahren wie die Tiefe Hirnstimulation überwiesen – sowohl aufgrund ärztlicher Entscheidungsprozesse als auch aufgrund geschlechtsspezifischer Barrieren auf Patientinnenseite. Gehirn ist nicht „weiblich“ oder „männlich“ Dr. Nina Vashchenko widmete sich anschließend den neurologischen Besonderheiten bei transgeschlechtlichen (transgender) und genderdiversen Menschen. Grundsätzlich gebe es zwar neuroanatomische Untersuchungen, die geschlechtsspezifische Unterschiede in bestimmten Hirnregionen beschrieben hätten. Diese erlaubten jedoch keineswegs eine einfache Zuordnung eines „männlichen“ oder „weiblichen“ Gehirns. Vielmehr handle es sich um ein komplexes Mosaik individueller Merkmale. Post-mortem-Analysen bei Transpersonen verdeutlichen diese Komplexität. „Untersuchungen bei transgeschlechtlichen Menschen zeigen, dass bestimmte dieser Hirnstrukturen eher mit der erlebten Geschlechtsidentität als mit dem bei der Geburt zugewiesenen Geschlecht übereinstimmen“, sagte Vashchenko. Die naheliegendste Erklärung wäre der Einfluss einer geschlechtsangleichenden Hormontherapie (GAHT). Letztere ändert zwar nicht das bei der Geburt zugewiesene biologische Geschlecht eines Menschen. Die Einnahme von exogenen Geschlechtshormonen führt jedoch zu weitreichenden biologischen Veränderungen im Körper und können diesen auch physiologisch der erlebten Geschlechtsidentität angleichen. Laut den bisher vorliegenden Daten lassen sich die beobachteten neuroanatomischen Unterschiede allerdings nicht allein durch exogene Hormone erklären. So habe eine Untersuchung bei einem Transmann, der bereits drei Jahre vor seinem Tod keine Testosterontherapie mehr erhalten hatte, ergeben, dass entsprechende Hirnstrukturen weiterhin eher seiner männlichen Geschlechtsidentität entsprachen, berichtet Vashchenko. Herausforderungen bei neurologischer Versorgung von Transgender-Patient:innen GAHT sind dennoch klinisch relevant. So kann eine feminisierende GAHT mit Östrogenen Vashchenko zufolge das Risiko für Schlaganfälle und thromboembolische Ereignisse erhöhen: Einige Studien berichteten über ein um bis zu 40 Prozent erhöhtes Risiko für Schlaganfälle. Durch transdermale Applikationsformen scheint sich das Risiko reduzieren zu lassen. Eine Testosterontherapie könnte wiederum mit neurologischen Krankheitsbildern wie der idiopathischen intrakraniellen Hypertension assoziiert sein. Laut Vashchenko fehle es aber insgesamt an belastbaren Daten. Für nicht binäre Personen gebe es ihres Wissens derzeit überhaupt keine Daten. Der Einfluss von Gender ohne GAHT auf die Hirngesundheit ist somit weitgehend unbekannt. Ein wesentlicher Grund dafür könnte auch der erschwerte Zugang zum Gesundheitssystem sein. „Viele Betroffene vermeiden den Kontakt mit medizinischen Einrichtungen, weil sie sich nicht bloßstellen wollen“, merkte Cuffaro an. Umgekehrt beeinflussen psychosoziale Faktoren wie chronischer Minderheitenstress und Erfahrungen mit Diskriminierung die neurologische Gesundheit, sowohl psychisch als auch körperlich. Und auch Vashchenko verwies auf mögliche diagnostische Verzerrungen aufgrund der Gender-Data-Gap. Ein bekanntes Beispiel sei der Schlaganfall: „Männer zeigen häufiger die klassischen Symptome, während Frauen öfter mit Bewusstseinsstörungen, schweren Kopfschmerzen oder unspezifischen Beschwerden vorgestellt werden“, berichtet die Medizinerin. Gleichzeitig bestehe die Gefahr, dass die Beschwerden von weiblich gelesenen Personen vorschnell als psychische Reaktionen abgeschrieben werden. Bei Transgender-Patient:innen komme hinzu, dass sie aus Angst vor Stigmatisierung oder Diskriminierung nicht selten wichtige Informationen verschweigen – etwa zur laufenden Hormontherapie. Dadurch werde eine adäquate neurologische Behandlung zusätzlich erschwert, so Vashchenko. Ausbildung hinkt dem medizinischen Bedarf hinterher Ein Schlüsselpunkt: die medizinische Aus- und Weiterbildung. Nach Angaben von Vashchenko entfällt in neurologischen Weiterbildungsprogrammen durchschnittlich lediglich etwa eine Stunde auf die Versorgung von Transgender-Patient:innen. Die Referierenden sprachen sich deshalb dafür aus, entsprechende Inhalte nicht nur in einzelnen Spezialvorlesungen zu behandeln, sondern systematisch in die Lehre neurologischer Krankheitsbilder zu integrieren. Ebenso wichtig sei eine wertschätzende Kommunikation. Bereits einfache Fragen zu bevorzugter Anrede, Pronomen oder gewünschtem Namen könnten helfen, Vertrauen aufzubauen und eine offene Anamnese zu ermöglichen. Unterstützt werden diese Forderungen von Umfragedaten, die Vanessa Carvalho präsentierte und dabei den Blick auf die gesamte LGBTQIA+-Community ausweitete. Bis zu zehn Prozent der europäischen Bevölkerung gehörten dieser Gruppe an – entsprechend häufig würden Neurolog:innen diesen Patient:innen im klinischen Alltag begegnen. „Aktuelle Daten aus den USA zeigen zudem, dass sich etwa eine von zwanzig jungen erwachsenen Personen als transgender oder genderdivers identifiziert. Diese Menschen werden neurologische Erkrankungen entwickeln wie jede andere Bevölkerungsgruppe auch. Deshalb müssen wir verstehen, wie wir sie bestmöglich behandeln können“, betont Carvalho. Problematisch seien nicht nur mangelnde Kenntnisse seitens der Ärzt:innen hinsichtlich der unterschiedlichen Geschlechtsidentitäten und Hormontherapien, fährt Carvalho fort. Auch hier existierten erhebliche Wissenslücken in der Forschung. Ein 2021 veröffentlichtes Scoping Review zur neurologischen Gesundheit von LGBTQIA+-Personen zeige, dass sich rund 70 Prozent der Studien mit HIV-Infektionen bei homo- und bisexuellen Männern befassen1. Für Parkinson-Krankheit, Epilepsie oder Migräne bei transgender Personen oder zum Einfluss geschlechtsangleichender Hormontherapien auf neurologische Erkrankungen gibt es dagegen kaum belastbare Evidenz. Präzisionsmedizin und bestmögliche Versorgung für alle Doch es gibt Grund zur Hoffnung: Zwar fühlte sich den Umfragen zufolge nur eine Minderheit der neurologischen Fachärzt:innen für die Versorgung von LGBTQIA+ Patient:innen angemessen vorbereitet. Gleichzeitig äußerten rund 70 Prozent der Befragten den Wunsch nach mehr Fortbildungsangeboten2. „Das sehe ich als ein sehr positives Signal“, sagte Carvalho. Zum Abschluss formulierten die Referierenden noch einmal ihre Take-Home-Messages. Während Arabia die Bedeutung von Bildung und Chancengleichheit für die Gehirngesundheit hervorhob, appellierte Vashchenko an das ärztliche Selbstverständnis: „Wer sich entscheidet, Ärztin oder Arzt zu werden, verpflichtet sich dazu, jedem Menschen die bestmögliche medizinische Versorgung zukommen zu lassen. Das gilt selbstverständlich auch für transgeschlechtliche Menschen, genderdiverse Personen und alle Mitglieder der LGBTQIA+-Community.“ Carvalho richtete den Blick auf die Forschung: Nur durch die systematische Erfassung von Geschlecht und Gender sowie durch multizentrische Studien lassen sich Evidenzlücken schließen und eine inklusive präzisionsmedizinische, neurologische Versorgung erreichen. Referenzen: [1] Rosendale N et al. Sexual and Gender Minority Health in Neurology: A Scoping Review. JAMA Neurol 2021 Jun;78(6):747-754. [2] Donzuso G et al. Exploring the knowledge, attitudes and practices on sexual and gender minorities patients among European Academy of Neurology members. Neurol Sci 2026 Jan;47(2):182.
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