Nierenkrankheiten: Neuartiger Lipidatlas kartiert molekulare Landschaft

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Forscher der Vanderbilt University, USA, haben den ersten hochauflösenden Lipidatlas der menschlichen Niere erstellt und dabei mehr als 100.000 funktionelle Gewebeeinheiten von 29 Spendern kartiert.

Trotz Fortschritten in der Transkriptomik und Proteomik sind Lipide im Zusammenhang mit der Nierenfunktion noch relativ unerforscht, schreiben die Autoren. Das ändere sich nun dank ihrer neuen Studie. In der Arbeit erstellte das Team einen hochauflösenden molekularen Atlas der menschlichen Niere und nutzte dabei die hochmoderne bildgebende Massenspektrometrie-Technik MALDI und interpretierbares maschinelles Lernen. Die Ergebnisse wurden in der Fachzeitschrift „Science Advances“ veröffentlicht.

Mehr als 100.000 funktionelle Gewebeeinheiten

Dieser Atlas ist nach Angaben der Forscher der umfassendste seiner Art und enthält Daten von 29 menschlichen Nierenspendern. Die Forscher kartierten Lipidspezies anhand von Millionen von Massenspektrometriemessungen von mehr als 100.000 einzelnen funktionellen Gewebeeinheiten, darunter Glomeruli, proximale und distale Tubuli, dicke aufsteigende Schenkel und Sammelrohre. „Diese Arbeit war unsere bislang ehrgeizigste und umfassendste multimodale molekulare Bildgebungsstudie“, kommentiert Letztautor Jeffrey M. Spraggins. „Durch die räumliche Verknüpfung der Lipidzusammensetzung mit anatomischen und funktionellen Regionen der Niere konnten wir effektiv einen molekularen Barcode für jede Komponente des menschlichen Nephrons erstellen“, fügt er hinzu.

Zu den bemerkenswerten Ergebnissen zählt: Die molekulare Darstellung der Nierenfunktion im Atlas zeigt räumlich spezifische Lipidbiomarker für verschiedene funktionelle Gewebeeinheiten des Nephrons. Trotz der natürlichen Unterschiede zwischen menschlichen Spendern waren bestimmte Sphingomyeline in den Glomeruli durchgängig angereichert, was auf eine Rolle bei der Unterstützung von Zelltypen hindeutet, die für die Filtration entscheidend sind. Andere Lipidklassen, darunter Sulfatide und Phosphatidylserine, waren stark mit der Nährstoffresorption und dem Ionentransport in Strukturen wie der Henle-Schleife und den proximalen Tubuli assoziiert.

Unterschiedliche Lipidprofile

Das Team untersuchte außerdem, wie sich Lipidprofile je nach Geschlecht und Body-Mass-Index unterscheiden. Mithilfe interpretierbarer Modelle des maschinellen Lernens identifizierte das Team potenzielle Biomarker, darunter arachidonsäurehaltige Phospholipide, die die geschlechtsspezifische Physiologie und Hormonregulation widerspiegeln könnten. Darüber hinaus wurden bestimmte Phosphatidylcholine und Sphingomyeline mit Adipositas-bedingten Veränderungen im Nierengewebe in Verbindung gebracht, darunter auch Marker für Glomerularsklerose.

Die potenziellen Vorteile seien vielfältig, so die Forscher: ein besseres Verständnis der Zusammenhänge zwischen zellulärer und molekularer Verteilung der Niere, eine präzisere Stratifizierung des Krankheitsrisikos von Patienten auf Grundlage molekularer Daten und schließlich lipidzielgerichtete Interventionen bei Krankheiten. Letztendlich markiere dieses Projekt einen entscheidenden Schritt zur Integration der Lipidomik in die biomedizinische Forschung und definiert die molekulare Betrachtung von Organen neu.