NRW fordert stabilere Lieferketten für Arzneimittel23. April 2026 Foto: Andrii Yalanskyi/stock.adobe.com „Germany first“ hört man in der Politik hierzulande nicht so häufig. Bei der Versorgung mit lebenswichtigen Medikamenten mahnen die NRW-Regierung und die Pharma-Branche aber eine Neuausrichtung an und fordern stabilere Lieferketten für Arzneimittel. Sichere Lieferketten für Arzneimittel und kurze Wege zum Produktionsstandort sollten aus Sicht der Landesregierung und der Pharma-Branche in Nordrhein-Westfalen eine größere Rolle bei Arzneimittel-Ausschreibungen spielen. Der Preis dürfe nicht mehr das alleinige Kriterium sein, heißt es in einem in Düsseldorf vorgestellten „Chancenpapier“ mit 52 Handlungsempfehlungen. Vor allem bei besonders wichtigen Arzneimitteln müssten auch die Lieferfähigkeit in Krisensituationen und damit eigene Sicherheitsinteressen Berücksichtigung finden – etwa durch Produktion in Deutschland. „Das wird zurzeit nicht gemacht“, kritisierte NRW-Gesundheitsminister Karl-Josef Laumann (CDU). Das müsse bundesrechtlich geregelt werden. Riskante Abhängigkeit von ausländischer Produktion Die unsichere geopolitische Lage habe in den vergangenen Jahren dazu geführt, dass einige Länder, aus denen viele Medikamente oder Grundstoffe für Arzneien hergekommen seien, nicht mehr als sicher einzustufen seien. Ein Großteil der Generika für die Massenversorgung der Menschen würden nicht mehr im EU-Raum, sondern in Asien produziert. Dabei gehe es etwa um Medikamente wie Insulin, Blutdruckmedikamente oder Penicillin. „Daraus kann man nur schließen: Wir müssen sehen, dass wir auch Produktionskapazitäten in Europa, in Deutschland und natürlich aus unserer Sicht auch besonders stark in Nordrhein-Westfalen haben, um auch in Krisenfällen die Versorgung unserer Bevölkerung sicherzustellen“, betonte der Minister. Seine Lehre aus der Corona-Pandemie: „Ich hatte Geld genug. Es war einfach nichts zu kriegen.“ Kein Krisenplan für militärische Notlagen Zur Versorgung der Bevölkerung mit Medikamenten gehöre auch ein Krisenplan für militärische Notlagen. „Da gibt es nichts in Deutschland“, sagte Laumann. In den nächsten Monaten werde sein Haus einen solchen Plan für NRW erarbeiten. Das Chancenpapier soll helfen, Produktion, Beschäftigung und Innovationskraft der Pharma-Branche in NRW zu sichern. Seit 2015 sei die Zahl der Beschäftigten hier um 64 Prozent auf rund 20.000 Menschen gestiegen, bilanzierte NRW-Wirtschaftsministerin Mona Neubaur (Grüne). Der Produktionswert liegt bei fast sechs Milliarden Euro. Das entspricht 16 Prozent der bundesweiten Pharmaproduktion. Allerdings sei die Branche durch hohe Energiekosten, Lieferengpässe und fehlende Fachkräfte unter Druck geraten. Wer zahlt für Arzneimittel-Rückstände im Abwasser? „Versorgungssicherheit lässt sich nicht ärztlich verordnen, sie muss ermöglicht werden“, mahnte der Landesvorsitzende des Bundesverbands der Pharmazeutischen Industrie, Jörg Wolters. Bund, Land und EU müssten die dafür notwendigen Entscheidungen fällen. Der Bund dürfe die wirtschaftliche Grundlage der Unternehmen nicht durch weitere gesetzliche Belastungen schwächen. Als problematische Beispiele nannte er den Entwurf für das Beitragsstabilisierungsgesetz in der Gesetzlichen Krankenversicherung und die drohende kommunale Abwasserrichtlinie. Auch Laumann betonte, es dürfe auf keinen Fall eine Wasserrichtlinie kommen, die für die Reinigung von Arzneimittel-Rückständen im Abwasser die Pharma-Unternehmen zur Kasse bitte. Das müsse über die Abwassergebühren auf alle umverteilt werden – „ob sie Medikamente nehmen oder nicht“. Generell seien die Ausgaben im Gesundheitssystem jedoch wieder an die Einnahmen anzupassen. „Ich werde nicht gegen die Einsparungen in Berlin vorgehen.“ Die müssten für die Pharma-Industrie aber kalkulierbarer sein. Laumann kündigte an, in seinem Haus die Prozesse zur Überwachung von Arzneimitteln auf den Prüfstand zu stellen. Laut Start-up-Report 2025 der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft KPMG für NRW hätten Bürokratieabbau und Hilfe im Förderprogramm-Dschungel auf den vorderen Plätzen der Wunschliste gestanden. Arzneimittel-Tester gesucht Wissenschaftsministerin Ina Brandes (CDU) hob die Notwendigkeit hervor, mehr Patienten zu finden, die bereit sind, an Studien teilzunehmen. Dazu soll das Freiwilligenregister mit derzeit 35.000 Probanden bekannter gemacht und ausgebaut werden. Wichtig für den Pharma-Standort sei zudem, dass ein größerer Anteil der internationalen Studenten in den naturwissenschaftlich-technischen Fächern in Deutschland gehalten werden könne. In Wissenschaft und Forschung sei Deutschland sehr stark, sagte Brandes. „Wir müssen aber wieder stärker darin werden, mit diesen Forschungsergebnissen erfolgreich Unternehmen zu gründen und damit Geld zu verdienen.“ Dabei sollen Gründungsscouts an den Universitäten, Kontakte zu Kapitalgebern und Berater helfen – etwa zur Frage, wer der geistige Eigentümer der Forschungsleistungen ist. NRW wolle es „so einfach wie möglich machen, von der Erfindung zum Unternehmen zu kommen“. Einen „Leuchtturm“ dafür – allerdings schon aus dem Jahr 1897 – stellte Wirtschaftsministerin Neubaur heraus. Damals hatte ein Chemiker des Pharma-Unternehmens Bayer in Wuppertal-Elberfeld das später weltbekannte Aspirin erfunden.
Mehr erfahren zu: "GKV-Chef hält Beitragssenkungen für möglich" GKV-Chef hält Beitragssenkungen für möglich Die Beiträge der gesetzlich Krankenversicherten kannten zuletzt nur eine Tendenz – nämlich aufwärts. Das könnte sich ändern, meint der Spitzenverband, nennt aber eine Bedingung.
Mehr erfahren zu: "Reddit-Beiträge könnten bislang unbekannte Nebenwirkungen aufdecken" Weiterlesen nach Anmeldung Reddit-Beiträge könnten bislang unbekannte Nebenwirkungen aufdecken Millionen Nutzerinnen und Nutzer tauschen sich weltweit im Interforum Reddit aus. Einer aktuellen US-Studie zufolge, verstecken sich in den Beiträgen womöglich auch nützliche Hinweise auf bislang unbekannte Nebenwirkungen von Medikamenten, […]
Mehr erfahren zu: "„Radikal ausgebremst“ ‒ Warken plant Kürzungen bei ambulanten Operationen" „Radikal ausgebremst“ ‒ Warken plant Kürzungen bei ambulanten Operationen Niedergelassene Operateure sollen nur noch begrenzte Mengen operieren und Abschläge beim Honorar hinnehmen. Gepant ist, die Ausgaben dauerhaft auf dem Niveau des Jahres 2025 einzufrieren. Davor warnt der Berufsverband für […]