Nur ein Apfelschnitz am Tag: Mehr Ess-Störungen bei Mädchen28. Januar 2026 Foto: © Nomad_Soul – stock.adobe.com Ess-Störungen bei Mädchen nehmen Experten zufolge dramatisch zu. Mehr Kinder kommen ins Krankenhaus. „Toxische Energie“ könne sich bei sozialen Medien entfalten, warnt eine digitale Streetworkerin. Von Yuriko Wahl-Immel, dpa Bei Marie fing es mit 14 Jahren an. Zuerst wollte sie bloß keine Süßigkeiten mehr, dann erlaubte sie sich immer weniger Nahrung, verlor extrem an Gewicht. „Ich hatte komplett den Überblick verloren, was eine normale Mahlzeit ist, wie ich meinen Körper versorgen soll“, schildert die heute 25-Jährige. „Ich wollte immer dünner werden. Schon ein Apfelschnitz war mir zu viel.“ Siebenmal war sie wegen Magersucht in klinischer Behandlung, oft viele Monate lang. Das erste Mal mit 15 Jahren. „Da war es schon fast zu spät. Ich hatte meinen Willen verloren und komplett die Nahrung verweigert.“ Ess-Störungen nehmen bei Mädchen, weiblichen Jugendlichen und jungen Frauen erheblich zu, sagt Wissenschaftlerin Beate Herpertz-Dahlmann. Ein Zusammenhang zwischen Social-Media-Konsum und Ess-Störungen sei durch viele Studien belegt, sagt die frühere Direktorin der Kinder- und Jugendpsychiatrie an der Uniklinik Aachen. Am häufigsten und am gefährlichsten sei Magersucht, sie komme bei jungen Menschen häufiger in städtischer Umgebung vor als im ländlichen Raum. Es ist wie ein Hilfeschrei Marie verlor erst schleichend, dann rasanter an Gewicht. Immer wieder ist sie rückfällig geworden, war im lebensgefährdenden Bereich. „Bei Ess-Störungen ist es so, dass man gesehen werden möchte – also: guck mal, wie schlecht es mir geht. Es ist wie ein Hilfeschrei.“ Sie warnt: „Das Thema Social Media ist brennend.“ Gepostete Videos und Bilder auf den Plattformen seien idealisiert. „Das ist eine Scheinwelt und macht mir totalen Druck.“ Und: „Wer erst wieder lernen muss zu essen, empfindet solche Ideale oft als neue Messlatte.“ Scharfe Kritik an sozialen Medien und Influencerinnen „Die sozialen Medien sind eine riesige kommerzielle Maschine geworden und viele Influencerinnen im Bereich Beauty sind Volksverführerinnen“, kritisiert die digitale Streetworkerin Sabine Dohme vom ANAD Versorgungszentrum Ess-Störungen in München. Dass etwa eine Schauspielerin – optisch an der Grenze zur Magersucht – eine Saftkur für eine schlanke Bikinifigur anpreise, hält sie für nicht akzeptabel: „Wenn man 600.000 Followerinnen hat, trägt man auch eine Verantwortung, der man gerecht werden muss.“ Digitale Streetworkerin spricht von toxischer Energie Dohme ist seit knapp zwei Jahren als bundesweit wohl einzige digitale Streetworkerin im Bereich Ess-Störungen aktiv. Im Netz. Stößt sie in Chats auf Fragen oder Beiträge, die auf essgestörtes Verhalten hindeuten, schreibt sie Usern, bietet Hilfe an, verweist auf Beratung oder Wohngruppen von ANAD. „Ich kommentiere auch Influencer und Influencerinnen. Denn von vielen geht ganz starke toxische Energie aus, gerade in puncto Essstörungen und Körperbild.“ Die Pädagogin hält mit Kommentaren und Infos dagegen. Soziale Medien haben auch gute Seiten, sagt sie. „Unsere Aufgabe ist es, den Jugendlichen zu zeigen, wie sie darin agieren, Positives für sich herausziehen, wem sie trauen können.“ Die Streetworkerin hält Influencer und Streamingdienste mitverantwortlich für steigende Krankheitszahlen. Sie machten „Massenumsätze auf Kosten unserer Kinder und Jugendlichen“ – und sollten sich zumindest an Behandlungskosten konstruktiv beteiligen, fordert sie. Es gibt viele Ursachen und Faktoren Es gibt fast immer mehrere Ursachen und Faktoren, die zu einer Ess-Störung beitragen, erklärt Seniorprofessorin Herpertz-Dahlmann: „Bei jungen Menschen haben Depressionen, Einsamkeit oder auch Sozialangst zugenommen. Social Media kann eine einfache Methode sein, Kontakte zu haben, ohne sich einer Interaktion im freien Feld mit Klassenkameraden oder im Sportverein stellen zu müssen.“ Wer als User ohnehin schon Probleme in dieser Richtung habe, sich sehr viele Gedanken über das eigene Aussehen mache und weniger rausgehe, sei bei häufiger Social-Media-Nutzung besonders anfällig für dort gezeigte riskante Schlankheitsideale. In Richtung Politik regt die Forscherin an, Restriktionen beim Social-Media-Zugriff für Kinder und Jugendliche zu prüfen. Auch das Bundesinstitut für Öffentliche Gesundheit (Biög) in Köln warnt vor einem bedenklichen Schlankheitsideal, das durch soziale Medien gepusht werde. Viele Kinder und Jugendliche folgten täglich Influencerinnen, sie sich mit Filtern und speziellen Programmen künstlich aufhübschten. „Eine Gefahr darin liegt, die digitale Welt als real anzusehen“, so das Biög. Soziale Medien könnten aber auch beim Überwinden einer Essstörung helfen – Betroffene könnten sich dort gegenseitig Mut machen und unterstützen. Steigende Diagnose-Zahlen und mehr Klinik-Behandlungen Nach DAK-Daten bekamen in Deutschland 2024 rund 23.000 jugendliche Mädchen zwischen 15 und 17 Jahren die Diagnose Essstörung – das waren 38 Prozent mehr als im Vor-Pandemie-Jahr 2019. Auch bei Mädchen zwischen zehn und 14 Jahren war das Niveau zuletzt erhöht. Nach Barmer-Hochrechnung waren vor der Pandemie 2018 unter den Zwölf- bis 17-Jährigen etwa sieben von 1000 Mädchen der Altersgruppe erkrankt, 2023 waren es zehn von 1000. Hinzu kommt eine größere Dunkelziffer. Bei den Klinikeinweisungen wegen schwerer Ess-Störungen hat sich die Zahl in der weiblichen Gruppe Zehn – bis 17-Jähriger binnen 20 Jahren auf 6000 Patientinnen (2023) verdoppelt. Sie machen laut Statistischem Bundesamt fast die Hälfte aller stationär wegen Ess-Störungen behandelter Personen aus. Warnzeichen und was kann das Umfeld tun? Ess-Störungen bleiben lange verborgen. Es gibt Warnzeichen, die für das Umfeld oft nur schwer mit einem gestörten Essverhalten in Verbindung zu bringen sind. „Wenn jemand plötzlich ganz auf gesundes Essen umsteigt, viel mehr Sport treibt, dauernd Kalorien zählt oder das Frühstück weglässt, wenn jemand Kontakte vermeidet, sich zurückzieht, traurig oder auch oft gereizt wirkt, können das alles Anzeichen für eine Störung sein“, erklärt Herpertz-Dahlmann. Für Marie waren ihre Eltern immer ein Anker, wie sie erzählt. 2022 machte sie Abitur – ein Meilenstein nach einer langen Phase der Ungewissheit. „Ich hatte vom Essen und von der Stimmung her aber immer wieder schwierige Phasen.“ Ein Rückfall verhinderte den geplanten Studienbeginn 2024. Sie sieht sich nun auf einem guten Weg. Aber: „Ich bin noch nicht über den Berg. Es bleibt ein Restrisiko und viel mentale Arbeit.“
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