„One size fits all“ in der Medizin als Basis für Therapien?

Symbolbild, KI-generiert.

Lange Zeit war der fiktive Normpatient der Standard – aber gilt das Prinzip „One size fits all“ in der modernen Medizin noch? „Natürlich nicht“, lautete die kurze Antwort von Dr. Anica Kilper. Die ausführliche Antwort lieferte ihr Vortrag auf dem DKOU 2026.

In der Session „Diversity matters – was Vielfalt in O & U bedeutet“ referierte Kilper, Oberärztin der Klinik für Orthopädie, Unfall- und Handchirurgie am Klinikum Chemnitz, darüber, warum die Formel „One size fits all“ in der Medizin nicht mehr ausreicht: Gerade in älteren Leitlinien begegne einem ein männlicher Normpatienten. „Aber die Realität sieht anders aus“, konstatierte Kilper. Hier gebe es den Spitzensportler oder die 75-jährige Patientin.

Faktor Alter: Multimorbidität, Polypharmazie und Pflegebedürftigkeit

„Alter, Geschlecht, Lebensrealität und Herkunft haben natürlich einen Einfluss auf die optimierte Patientenversorgung“, betonte Kilper. Für das Alter zählte sie verschiedene Faktoren auf, welche die Versorgung beeinflussen, etwa biomechanische Grenzen, bedingt durch Osteoporose, aber auch Faktoren wie Multimorbidität, Polypharmazie oder Pflegebedürftigkeit. Kilper verwies in diesem Zusammenhang auf die aktuelle S3-Leitlinie „Pertrochantäre Oberschenkelfrakturen“1 der Deutschen Gesellschaft für Unfallchirurgie (DGU), die den Faktor Alter „schon sehr, sehr gut berücksichtigt“. Als Beispiele dafür nannte Kilper die in der Leitlinie geforderte Koppelung von OP und Geriatrie oder die direkt bei der Aufnahme empfohlene Erfassung von Komorbiditäten, Frailty und Kognition.

Auch das Geschlecht sei bereits ein „großes Thema“, etwa mit Blick auf anatomische Unterschiede wie zum Beispiel die Anatomie des Kniegelenks. Diese sei „durchaus relevant“. So sind die Kondylen bei Frauen wesentlich schmaler, das Becken dagegen deutlich breiter, wodurch der Q-Winkel größer ist. „Wir finden tatsächlich unterschiedliche Pathologien“, hob Kilper hervor und verwies auf die bei Frauen wesentlich häufigeren vorderen Kreuzbandrupturen sowie auf Patellaluxationen oder Arthrose.

„One size fits all“ in der Medizin – nicht bei der Schmerzmedikation

Neben dem biologischen spielt aber auch das soziokulturelle Geschlecht eine Rolle: So erhalten Frauen statistisch gesehen seltener einen zeitgerechten Kniegelenkersatz. Es sei allerdings nicht klar, woran das liege, so Kilper. Mögliche Faktoren seien der klinische Bedarf, die Empfehlung des Chirurgen oder die Tatsache, dass die Bereitschaft sich dem Eingriff zu unterziehen, bei Frauen und Männern unterschiedlich ausgeprägt ist. Auch das Schmerzempfinden ist bei den Geschlechtern nicht gleich. So berichten Frauen nach Einsetzen einer Knietotalendoprothese (Knie-TEP) von höheren Schmerzwerten.2

Dabei spielt beim Thema Schmerz nicht nur das Geschlecht, sondern auch die Herkunft eine Rolle. Wie Kilper erklärte, ignorierten die Standarddosierungen von Tramadol oder Codein die Genetik. Eine zentrale Rolle spielt dabei das Enzym CYP2D6 und seine Variabilität. So sind fünf bis zehn Prozent der Europäer beziehungsweise Kaukasier „poor metabolizer“, bei denen keine Schmerzlinderung trotz Höchstdosis eintritt. Dagegen sind schätzungsweise zehn bis zu 28 Prozent der Menschen aus dem arabischen und nordafrikanischen Raum „ultra-fast metabolizer“. Bei ihnen bestehe die Gefahr einer akuten Opioid-Intoxikation. Wie Kilper betonte, sei das nicht bei jedem Patienten so zu erwarten, aber man sollte es „im Hinterkopf haben“.

Lebensrealität bei der Nachbehandlung beachten

Als letzten Faktor, der die Heilung von Patienten beeinflussen kann, nannte Kilper deren Lebensrealität. Hier stellten sich beispielsweise Fragen wie: Kann der Patient die Teilbelastung einhalten und versteht er diese Anweisung überhaupt? Auf geriatrische Patienten etwa treffe beides nicht unbedingt zu: Es können sein, dass sie es kognitiv nicht verstanden haben und körperlich gar nicht umsetzen können. Aber auch weitere Faktoren aus dem Lebensumfeld, wie Lebens- oder Arbeitssituation der Patienten sollten beachtet werden. Kilper verwies dazu auf die kürzlich aktualisierte Leitlinie zur Nachbehandlung der Deutschen Gesellschaft für Orthopädie und Unfallchirurgie. (ja/BIERMANN)


Literatur:

1. Deutsche Gesellschaft für Orthopädie und Unfallchirurgie (DGOU) .S3-Leitlinie Evidenzbasierte interdisziplinäre Therapie hüftgelenknaher, pertrochantärer Oberschenkelfrakturen (EvidenT-HiP) (letzte inhaltliche Überarbeitung am 31.01.2026; Gültigkeit der Leitlinie 01.02.2026 bis 31.01.2031). AWMF-Registernummer 187-009.

2. Sodhi N et al. One Size Does Not Fit All: Women Experience More Pain Than Men After Total Knee Arthroplasty. J Arthroplasty 2025;40(4):880–886.