Chirurgen zwischen verschiedenen Kulturen und Ausbildungssystemen23. Oktober 2026 Aditya Vadgaonkar berichtete auf dem DKOU darüber, wie Ärzte mit MIgrationshintergrund Deutschland erleben. (Foto: hr, Biermann Medizin) In der DKOU-Session „Diversity matters” beschrieb ein junger Arzt aus Indien die Herausforderungen, die er als Assistenzarzt in Orthopädie und Unfallchirurgie ebenso wie viele andere Ärztinnen und Ärzte mit Migrationshintergrund in Deutschland erleben (müssen). Von Harald Raabe Ausländische Ärzte gehören in Deutschland schon längst zur Realität. Nach einer Statistik der Bundesärztekammer arbeiteten 2025 mehr als 71.000 Ärzte mit Migrationshintergrund im Land. Das sind einer von sechs berufstätigen Medizinern (16 %) und fast doppelt so viele wie noch vor zehn Jahren. Einer von ihnen ist Aditya Vadgaonkar, der in Mumbai (Indien) geboren wurde und über Oxford (Großbritannien) als Gaststudent zur Universitätsmedizin Mannheim kam – und blieb. Dort arbeitet er heute in der Orthopädie und Unfallchirurgie als Assistenzarzt, seit vier Wochen habe er sogar die deutsche Staatsbürgerschaft, berichtete er. „Ich möchte von einem deutschen Arzt behandelt werden“ „Ich möchte von einem deutschen Arzt behandelt werden“, ein Satz, den nicht nur Vadgaonkar immer wieder zu hören bekommt und der leider zum Alltag von Ärzten mit Migrationshintergrund in Deutschland gehört und natürlich nicht ohne Wirkung bleibt. Viele von ihnen verlassen das Land verlassen das Land auch wegen solcher diskriminierenden Erfahrungen im Job – oder überlegen es zu tun. „Offener Rassismus ist in Deutschland vielleicht seltener geworden, aber verschwunden ist er nicht“, so Vadgaonkar. „Deutschland hält zu wenige seiner ausländischen Ärzte, aber die, die noch darüber nachdenken, können wir vielleicht noch halten“, zeigte er sich überzeugt. In Zahlen der Ärztestatistik übersetzt bedeutet das: Mehr als 2200 Ärzte mit Migrationshintergrund haben Deutschland 2025 den Rücken gekehrt, 44 Prozent davon ohne deutschen Pass. Und einer von vier spielt ebenfalls mit dem Gedanken. Deutsche Strukturen befördern den Gedanken, das Land wieder zu verlassen Der junge Chirurg hat sich bisher in drei verschiedenen Gesundheitssystemen bewegt. Indien mit einem hohen Patientenaufkommen, wo Ärzte in klaren Hierarchien aber auch früh Verantwortung übernehmen. An Großbritannien lobt er die organisierte Facharztausbildung mit einer sehr strukturierten Feedback-Kultur. Während er Deutschland für das präzise und exzellente OP-Wesen schätzt, allerdings klare Regeln und Strukturen vermisst. Laut Vadgaonkar gibt es neben Diskriminierungserfahrungen zwei Hürden, die ausländischen Ärzten das Leben in Deutschland besonders erschweren und deren Beseitigung dazu beitragen könnte, die Mediziner zum Bleiben zu bewegen. Hürde eins sei das „Ankommen dürfen“ als berufstätiger Mediziner „mit viel zu komplizierten Anerkennungsverfahren“, für die wiederum 17 Landesärztekammern zuständig sind. Als zweite Hürde nannte er die Bewerbungsverfahren in Deutschland. Während man in Ländern wie Indien, Großbritannien oder den USA die Stellen nach einem Rang oder einem zentralen Matching-Verfahren erhalte, müsse man sich in Deutschland bei jeder einzelnen Klinik selbst bewerben – ohne dass ein zentraler Wegweiser helfen würde, monierte er. Verbessern könnte man dies etwa über eine zentrale Anlaufstelle für ankommende Ärzte und Ärztinnen. Sprachkompetenz ist nicht gleich Fachkompetenz Die deutsche Sprache ist für ausländische Mediziner natürlich eine besondere Herausforderung, vor allem dann, wenn man noch mit Ausprägungen der Dialekte konfrontiert werde, wie Vadgaonkar aus der Region Mannheim zu berichten wusste. „Mein Fuß tut weh“ könne dort nämlich vom Zeh‘ bis zur Hüfte alles bedeuten – „das erfährt man in keinem Sprachkurs“ so wie „Schoppen“ weder ein Einkauf noch eine präzise Maßeinheit für einen Wein sei. Im ärztlichen Alltag komme hinzu, dass sprachliche Kompetenz mit fachlicher Kompetenz verwechselt wird. So wurde etwa 2020 in einem Experiment in Kanada durch Baquiran et al. gezeigt, dass „Ärztinnen und Ärzte mit ausländischem Akzent als weniger kompetent eingeschätzt wurden“. El-Halabi et al. belegten 2026 anhand der Analyse von 20 ärztlichen Interviews in Deutschland, dass „sprachliche Unsicherheit teilweise als fachliche Unsicherheit fehlinterpretiert wurden“. Eine Befragung (Can et al. 2022) von 251 im Ausland geborenen Beschäftigten an der Berliner Charité und dem Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf ergab, dass 50 bis 66 Prozent von ihnen angaben, „Ich muss mich mehr beweisen als andere“, darunter waren zwölf Prozent in einer Leitungsposition. Das ist laut Vadgaonkar auch ein Grund, warum viele dächten, „Der ‚Dr. med.‘ reicht nicht, der ‚PD Dr. med.‘ auch nicht, aber vielleicht der ‚PD Dr. med. MHBA‘? Wie kann es besser werden? Die Arbeit von El-Halabi et al. hat auch ergeben, dass jeder zweite ausländische Arzt in Deutschland Diskriminierung im Job erlebt hat, überwiegend von Patienten. „Das müssen wir ansprechen“, fand Vadgaonkar. Vielleicht müsse es indirekt oder subtil geschehen, aber es müsse auf jeden Fall adressiert werden. „Mit Migrationshintergrund erlebt man hier wirklich viel“, bestätigte er. Ärzte müssten auch einfach besser integriert werden, sowohl beruflich als auch im Leben. Vadgaonkar schlug etwa ein Mentoringprogramm vor, in dem sich der Mentor für den ausländischen neuen Kollegen nicht nur im Job, sondern auch außerhalb der Klinik verantwortlich fühlt. Womöglich müssten sich Ärzte mit Migrationshintergrund auch selber besser in Deutschland organisieren. „Ich jedenfalls bin in Deutschland geblieben, weil mich die Leute am Anfang hier nicht nur begrüßt, sondern sich auch sehr viel Zeit dafür genommen haben, mir das System in Deutschland genau zu erklären.“ Mehr zum Thema:Ärztepräsident: Ausländische Ärzte werden dringend gebraucht Schnellere Anerkennung ausländischer Fachkräfte ‒ Aber nicht zulasten der Patienten
Mehr erfahren zu: "BVOU widerspricht Studie zur Akutversorgung in Hausarztpraxen" BVOU widerspricht Studie zur Akutversorgung in Hausarztpraxen Aufgrund einer einzigen deutschen Studie1 werde immer wieder wird behauptet, 80 bis 90 Prozent aller akuten Behandlungsfälle ließen sich fallabschließend in der Hausarztpraxis versorgen. Eine genaue Betrachtung zeigt laut BVOU: […]
Mehr erfahren zu: "Analgetische Wirkung von Ketamin: Braucht es die Dissoziation?" Analgetische Wirkung von Ketamin: Braucht es die Dissoziation? Ketamin wird als Analgetikum und Anästhetikum eingesetzt. Neben der schmerzstillenden Wirkung hat es auch einen dissoziativen Effekt. Dieser scheint jedoch nicht Voraussetzung für die Analgesie zu sein, wie eine experimentelle […]
Mehr erfahren zu: "Psyche und Körper zusammen denken" Psyche und Körper zusammen denken Auf einr DKOU-Session der Arbeitsgemeinschaft nicht operativer orthopädischer manualmedizinischer Akutkliniken (ANOA) wurde für mehr Offenheit zwischen den Fachrichtungen geworben.