Analgetische Wirkung von Ketamin: Braucht es die Dissoziation?23. Oktober 2026 Symbolbild erstellt mit ChatGPT Ketamin wird als Analgetikum und Anästhetikum eingesetzt. Neben der schmerzstillenden Wirkung hat es auch einen dissoziativen Effekt. Dieser scheint jedoch nicht Voraussetzung für die Analgesie zu sein, wie eine experimentelle Bildgebungsstudie mit 37 gesunden Freiwilligen zeigt. Das Medikament Ketamin ist dafür bekannt, Schmerzen zu lindern und gleichzeitig eine Dissoziation hervorzurufen – ein vorübergehendes Gefühl der Losgelöstheit vom eigenen Selbst, dem Körper oder der Umgebung. Bislang ging man davon aus, dass diese beiden Effekte miteinander zusammenhängen: Eine stärkere Losgelöstheit lässt den Schmerz weniger intensiv oder bedrohlich erscheinen. Eine aktuelle Bildgebungsstudie am Menschen ergab nun aber, dass die durch Ketamin bewirkte Schmerzlinderung nicht auf dem durch die Droge ausgelöstem Gefühl der Dissoziation zu beruhen scheint. Die Ergebnisse deuten darauf hin, dass die Schmerzlinderung und die Wirkung auf das Bewusstsein auf unterschiedlichen Mechanismen im Gehirn beruhen und könnten somit zur Entwicklung von Therapien beitragen, die die Vorteile von Ketamin nutzen und gleichzeitig dessen psychische Nebenwirkungen reduzieren. Die Studie wurde von Forschenden des Instituts für Psychedelische Forschung der Universität Tel Aviv in Zusammenarbeit mit dem angegliederten Tel Aviv Medical Center (Israel) durchgeführt und im zur „Nature“-Gruppe gehörenden Fachmagazin „Neuropsychopharmacology“ publiziert. Analgesie und Dissoziation erfolgen in unterschiedlichen Gehirnregionen An der Studie nahmen 37 gesunde Freiwillige teil, davon 21 Frauen und 16 Männer. Jeder Teilnehmer erhielt in zwei getrennten Sitzungen eine Ketamin- und eine Placebo-Infusion. Die Ketamin-Infusion erfolgte mit einem Bolus von 0,4 mg/kg über zehn Minuten gefolgt von einer kontinuierlichen Infusion von 0,4 mg/kg/h. Währenddessen unterzogen sich die Probanden einer funktionellen Magnetresonanztomographie (fMRT), im Rahmen derer sie kontrollierten Schmerzreizen ausgesetzt wurden. Die Forscher erhoben Daten zur selbstberichteten Schmerzintensität sowie mittels eines standardisierten Fragebogens (Clinician-Administered Dissociative States Scale) zum Ausmaß des Dissoziationsgefühls zu mehreren Zeitpunkten. Im Ergebnis linderte Ketamin zwar die Schmerzen und verstärkte die Dissoziation, jedoch wurde kein Zusammenhang zwischen den beiden Phänomenen festgestellt. Teilnehmer, die eine starke Dissoziation erlebten, profitierten nicht unbedingt von einer stärkeren Schmerzlinderung und umgekehrt, wie Erstautor Dr. Noam Goldway erläutert. Das Gefühl der Dissoziation sei somit nicht der Mechanismus, über den Ketamin Schmerzen lindert. Die fMRT-Scans untermauerten diese Schlussfolgerung. Die Schmerzlinderung ging mit einer verminderten Aktivität in Gehirnregionen einher, die an der Schmerzverarbeitung beteiligt sind, wie beispielsweise der Insula und dem anterioren cingulären Kortex. Die Dissoziation war hingegen mit Veränderungen in einem anderen Hirnnetzwerk verknüpft – dem Default-Mode-Netzwerk, das unter anderem an der Verarbeitung des Selbstbewusstseins beteiligt ist. Laut den Studienautoren bedeutet das, dass es sich hierbei nicht lediglich um zwei voneinander unabhängige Erfahrungen handelt, sondern um zwei unterschiedliche Gehirnmechanismen, die von demselben Wirkstoff beeinflusst werden. Ergebnisse nicht auf andere psychedelische Substanzen übertragbar Co-Letztautorin Prof. Talma Hendler, Leiterin des Instituts für Psychedelische Forschung in Tel-Aviv, erklärt: „In den letzten Jahren gab es eine lebhafte wissenschaftliche und klinische Debatte darüber, ob die durch psychoaktive Substanzen hervorgerufene subjektive Erfahrung ein wesentlicher Bestandteil ihrer therapeutischen Wirkung ist. Unsere Studie zeigt, dass die Antwort zumindest im Fall von Ketamin und der Schmerzlinderung offenbar ‚nein‘ lautet. Wir konnten nachweisen, dass die Wirkung des Medikaments auf den Schmerz unabhängig von seiner Wirkung auf das Bewusstsein ist – sowohl verhaltensmäßig als auch hinsichtlich der Gehirnaktivität.“ Hendler betont jedoch, dass sich dies nicht auf andere psychedelische Substanzen wie beispielsweise Psylocybin verallgemeinern lasse, die ebenfalls dissoziative Effekte haben. „In diesem Fall liegt die Beweislast weiterhin bei uns, den Wissenschaftlern.“ Laut Dr. Haggai Sharon, ebenfalls Co-Letztautor und medizinischer Direktor des Instituts, liefert die Studie weitere Belege für die Komplexität der Darstellung des Schmerzerlebnisses im Gehirn und die vielfältigen Möglichkeiten, wie das Gehirn dieses regulieren und verändern kann. Dieses Verständnis könnte ihm zufolge auch weitreichende klinische Auswirkungen haben. So könnte es künftig möglich werden, den analgetischen Mechanismus von Ketamin zu aktivieren, ohne gleichzeitig eine Dissoziation auszulösen, wodurch sich das Gefühl der Entfremdung sowie andere subjektive Nebenwirkungen verringern lassen könnten. (ah/BIERMANN) Das könnte Sie ebenfalls interessieren: Nach der Narkose: Weibliche Gehirne reagieren anders auf Ketamin Kinder in der Notaufnahme: Nasenspray kann Schmerzen rasch lindern
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