OTH Regensburg bringt Beckenbodenforschung aus der Tabuzone24. April 2026 Sensoren, Kameras und spezielle Software zeichnen im Labor für Biomechanik der OTH Regensburg jede Bewegung auf – und liefern erstmals detaillierte Erkenntnisse zur Beanspruchung der Beckenbodenmuskulatur. (Bild: © Mareike Barthel) Millionen Frauen sind betroffen, doch die Forschung hinkt hinterher: Ein Team der OTH Regensburg untersucht erstmals systematisch, wie der Beckenboden im Alltag belastet wird und wie er darauf reagiert. Die Ergebnisse werden bei einem Symposium am 12. Juni 2026 an der Hochschule präsentiert. Es ist ein Thema, über das viele schweigen und das doch Millionen betrifft: Inkontinenz. Rund 30 Prozent der Frauen leiden im Laufe ihres Lebens darunter, häufig infolge einer Fehlfunktion des Beckenbodens. Trotz dieser hohen Zahl ist die wissenschaftliche Datenlage bislang erstaunlich dünn. Forschende an der OTH Regensburg wollen das ändern und rücken das Thema mit einem interdisziplinären Symposium am 12. Juni ins öffentliche Bewusstsein. „Bis heute weiß man eigentlich wenig über Beckenbodenbeschwerden. Klassische Übungen helfen zwar in vielen Fällen, sie sind aber nicht ausreichend wissenschaftlich fundiert“, erklärt Nikolas Förstl, Promovend im Labor für Biomechanik. Gemeinsam mit seiner Kollegin Ina Kasberger arbeitet er im Forschungsprojekt „3PD – Prävention von Beckenbodenbeschwerden“ daran, diese Lücke zu schließen. Mit Hightech eine Forschungslücke schließen Unter der Leitung von Prof. Sebastian Dendorfer untersucht das Team, wie der Beckenboden im Alltag tatsächlich belastet wird und wie seine Muskeln auf diese Belastungen reagieren, um ihr Zusammenspiel und Verhalten besser zu verstehen. Dazu wurden in einer Studie 26 Probandinnen im Alter von 18 bis 45 Jahren mit Ganzkörpersensoren ausgestattet. In einem kameragestützten Laborumfeld absolvierten sie verschiedene Bewegungsabläufe, von alltäglichen Belastungen bis hin zu sportlichen Übungen. Die Forschenden analysieren diese Daten aktuell mithilfe biomechanischer Modelle und spezieller Software. Ziel ist es, erstmals genau zu verstehen, welche Kräfte im Körper wirken, um dann die funktionellen Reaktionen darauf zu untersuchen. Hohe Belastungen gelten als möglicher Faktor für Inkontinenz oder ein Absinken von Organen. Dies lässt sich jedoch nicht allein durch einen geschwächten Beckenboden erklären, da die Beschwerden auch bei jungen Athletinnen, etwa Turnerinnen oder Gewichtheberinnen, auftreten. „Wir betrachten den Beckenboden aus biomechanischer Sicht“, erklärt Prof. Dendorfer. „Unser Fokus liegt dabei klar auf der Prävention. Denn sich erst in der Schwangerschaft oder bei Beschwerden mit dem Thema zu beschäftigen, ist oft zu spät.“ Digitales Trainingstool zur Vorsorge Langfristig sollen die Erkenntnisse in ein digitales Trainingstool einfließen: Geplant ist eine App, die mithilfe von Sensoren und Künstlicher Intelligenz individuelle Übungen zur Stärkung, Entspannung und richtigen Atmung vorschlägt. Ein integrierter Chatbot soll Nutzerinnen und Nutzern zudem niedrigschwellig Fragen beantworten und zur Aufklärung beitragen. Erste Einblicke in diese Entwicklungen wird es bereits beim Symposium geben. Das Projekt entsteht in Zusammenarbeit mit der Westböhmischen Universität Pilsen und wird von der Europäischen Union gefördert. Die experimentellen Arbeiten sind inzwischen abgeschlossen, derzeit werden die umfangreichen Daten ausgewertet. Der Projektabschluss ist für Juni 2026 geplant. Symposium am 12. Juni für ein breites Publikum Mit dem Symposium „Der Beckenboden – Evidenz, Herausforderungen, Perspektiven“ aus einer neuen Vortragsreihe unter dem Titel „Vergessene Patientinnen. Nicht gemessen? Nicht verstanden? Nicht behandelt?“ am Freitag, 12. Juni, ab 10 Uhr öffnet die OTH Regensburg das Thema bewusst für ein breites Publikum. Eingeladen sind Fachleute aus Medizin, Physiotherapie und Wissenschaft ebenso wie Unternehmen aus dem Gesundheitssektor sowie interessierte Bürgerinnen und Bürger. Neben Fachvorträgen werden auch praktische Einblicke geboten, von moderner Sensortechnik über Trainingsstationen bis hin zu weiteren Forschungsprojekten etwa zur Osteoporose oder Sturzprävention. Eine Anmeldung zum Symposium ist auf der Website des Projekts möglich. „Wir möchten Meinungen durch Zahlen ersetzen und damit eine sinnvolle und effektive Prävention ermöglichen. Gerade bei einem schambehafteten Thema wie dem Beckenboden ist dies umso wichtiger“, so Dendorfer.
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