Pankreaskarzinom: Neues Risikovorhersage-Modell könnte Identifizierung von Personen mit erhöhtem Risiko ermöglichen

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Mithilfe eines neuen Risikoprognose-Modells könnten sich Personen identifizieren lassen, bei denen ein erhöhtes Risiko für ein Pankreaskarzinom besteht.

„Beim Bauchspeicheldrüsenkrebs handelt es sich um eine besonders tödliche Krebserkrankung“, sagt Seniorautor Peter Kraft, Professor für Epidemiologie an der Harvard T. H. Chan School of Public Health in Boston (USA). Bei etwa 80 Prozent der Patienten wird eine fortgeschrittene, unheilbare Krankheit diagnostiziert.“ Er ergänzt: „Wenn man die Erkrankung zu einem früheren Zeitpunkt erkennt, ist es wahrscheinlicher, dass eine Operation in Frage kommt, was die Überlebenschancen erhöht.“

Kraft erklärte, dass bestehende Screening-Techniken, wie die Magnetresonanztomographie (MRT), für die breite Öffentlichkeit nicht empfohlen werden, da sie zu einer übermäßigen Rate falsch-positiver Ergebnisse führen können. Sie sind am besten für Menschen mit einem erhöhten Risiko für Bauchspeicheldrüsenkrebs geeignet. Daher könnte eine bessere Identifizierung der Hochrisikopopulation die maßgeschneiderte Verfahren zur Präventions und für das Screening verbessern, sagt er.

Risikofaktoren für Bauchspeicheldrüsenkrebs sind entsprechende Erkrankungen in der Familienanamnese, chronische Erkrankungen wie Diabetes und Pankreatitis sowie Nikotinkonsum. Laut Kraft haben prospektive Studien gezeigt, dass bestimmte zirkulierende Biomarker, die mit einer Insulinresistenz zusammenhänge, auch das Risiko beeinflussen. „Diese Faktoren wurden bislang einzeln untersucht. In dieser Studie wollten wir die kombinierte Wirkung klinischer Faktoren, häufiger prädisponierender Genvarianten und zirkulierender Biomarker untersuchen.“

Für die aktuelle Arbeit wurden Daten aus vier großen prospektiven Kohortenstudien untersucht: aus der Health Professionals Follow-up Study, der Nurses’ Health Study, der Physicians’ Health Study und der Women’s Health Initiative. Die Wissenschaftler analysierten Daten von 500 Patienten, bei denen zwischen 1984 und 2010 ein primäres Adenokarzinom des Pankreas diagnostiziert worden war. Eingeschlossen wurden außerdem 1091 Kontrollen. Die Studie umfasste nur weiße Teilnehmer nicht hispanischer Abstammung aus den USA, da genomische Risikovarianten in der weißen Bevölkerung bestätigt worden seien, in anderen Gruppen jedoch nicht, erklärt Kraft.

Die Forscher sammelten Daten zum Lebensstil und zu klinischen Merkmalen aus Patientenfragebögen sowie Blutproben und genomische DNA von Leukozyten aus peripherem Blut der Teilnehmer. Sie berechneten einen gewichteten genetischen Risiko-Score basierend auf Daten aus zwei großen genomweiten Assoziationsstudien.

Es wurden drei relative Risikomodelle für Männer und Frauen getrennt entwickelt. Eines bestand nur aus klinischen Faktoren, bei einem weiteren wurden die klinischen Faktoren durch gewichtete genetische Risiko-Scores ergänzt, und das dritte fügte dem noch die Biomarker Proinsulin, Adiponectin, Interleukin-6 und die Gesamtheit verzweigtkettiger Aminosäuren hinzu.

Laut Kraft verbesserte jede neue Datenebene den „Model-Fit“ und ermöglichte eine genauere Identifizierung des Pankreaskrebsrisikos.

Letztendlich ließen sich mit den Modellen Untergruppen von Teilnehmern identifizieren, die im Vergleich zur Allgemeinbevölkerung ein dreifach oder noch stärker erhöhtes Risiko für Bauchspeicheldrüsenkrebs hatten. Das Modell, das nur klinische Merkmale aufwies, identifizierte 0,2 Prozent der Männer und 1,5 Prozent der Frauen, die ein dreifach erhöhtes oder höheres Risiko hatten. Das Modell, das klinische und genetische Faktoren kombinierte, identifizierte 0,3 Prozent der Männer und 2,3 Prozent der Frauen mit einem dreifachen oder höheren Risiko. Das Modell, das einen gewichteten genetischen Risiko-Score und zirkulierende Biomarker hinzufügte, identifizierte 1,8 Prozent der Männer und 0,7 Prozent der Frauen, die ein dreifach oder höheres erhöhtes Risiko hatten. Das endgültige integrierte Modell identifizierte zwei Prozent der Männer und 2,3 Prozent der Frauen, die im Verlauf eines zehnjährigen Follow-up ein mindestens dreimal höheres als das Durchschnittsrisiko aufwiesen. Personen im Bereich des oberen einen Prozent des Risikos besaßen ein Lebenzeitrisiko für ein Pankreaskarzinom von vier Prozent.

Zwar muss dieses Modell laut Kraft zwar noch in anderen Populationen bestätigt und untersucht werden, doch zeige sich schon jetzt, dass die Kombination von Biomarkern mit klinischen und genetischen Faktoren zu einer besseren Identifizierung der Personen führen kann, die von einem Screening und der Früherkennung von Bauchspeicheldrüsenkrebs profitieren könnten.

„Wie bei den meisten Krebserkrankungen handelt es sich auch bei Bauchspeicheldrüsenkrebs um ein multifaktorielles Geschehen“, unterstreich Kraft. „Je mehr wir Informationen aus mehreren Domänen kombinieren können, desto besser können wir diejenigen identifizieren, die potenziell von einem Screening profitieren.“

Die Haupteinschränkung in Bezug auf diese Studie besteht darin, dass bei den meisten Probanden keine Familienanamnese in Bezug auf Pankreaskarzinome erhoben wurde. Das erschwert die Abschätzung des relativen Risikos dieses wichtigen Faktors. Welche Auswirkungen der Nikotinkonsumstatus hat, konnte ebenfalls nicht direkt abgeschätzt werden, da in den Studien, die in die Analyse einflossen, Patienten mit Bauchspeicheldrüsenkrebs mit Kontrollen ohne Krebserkrankung basierend auf ihrem Nikotinkonsum gematcht wurden.