Pharma-Industrie erklärt die Kosten von Krebsmedikamenten

Symbolbild Pharma-Forschung
Nur sechs Prozent aller Krebsmedikamente schaffen es durch alle Entwicklungsschritte – eines der Argumente, das die Industrie für die hohen Kosten anführt. Foto: catalin – Fotolia.com

Nachdem das ARD-Magazin “Monitor” hohe Preise für Krebsmedikamente mit fraglichem Nutzen angeprangert hat, kontert die Redaktion “Pharma Fakten” mit mehreren Punkten, in denen sie die Kosten für neue Krebsmedikamente zu erklären versucht.

“Monitor” hatte auf der Grundlage einer britischen Studie, die nur bei rund der Hälfte der neuen Krebsmedikamente einen Zusatznutzen nachwies, die Preisbildung kritisch hinterfragt und dazu Experten wie die Erstautorin Courtney Davis vom King’s College London, Prof. Wolf-Dieter Ludwig, den Vorsitzenden der Arzneimittelkommission der deutschen Ärzteschaft und den Gesundheitsökonomen Prof. Gerd Glaeske befragt. Auch das “ARD-Morgenmagazin” hatte darüber berichtet.

“Noch bei keiner größeren pharmazeutischen Innovation hat der besorgte Blick auf die Kosten gefehlt”, gibt “Pharma-Fakten” demgegenüber zu bedenken, eine Initiative von 17 Unternehmen und zwei Verbänden aus der Arzneimittel-Branche mit eigener Redaktion. “Und immer ist das angekündigte Szenario nicht eingetreten.”

Zunächst seien die Ausgaben für Krebsmedikamente gar nicht übertrieben hoch, rechnet “Pharma Fakten” vor: Die Brutto-Ausgaben (d.h. ohne Abzug von Rabatten, Mehrwertsteuer und der Vergütung von Großhandel und Apotheken) der gesetzlichen Krankenkassen (GKV) für Krebsmedikamente beliefen sich im Jahr 2016 auf 5,35 Milliarden Euro. Gemessen an den Gesamtausgaben der GKV für Arzneimittel seien dies rund 13 Prozent. “Für die zweithäufigste Todesursache in Deutschland investiert die GKV 13 von einhundert Euro in Medikamente gegen Krebs”, spitzt die Redaktion zu.

Zweitens gebe es für steigende Kosten einzelner Präparate mehrere Gründe: So führten die Fortschritte in der genetischen Forschung zu größerer Patientensegmentierung. Mit potenziell kleiner werdenden Patientengruppen schrumpften aber auch die Umsatzpotenziale einzelner Präparate, was Auswirkungen auf den Preis habe. Außerdem schaffe es die Mehrheit der untersuchten Moleküle es nicht zur Marktreife; die Erfolgsrate in der Onkologie liege bei sechs Prozent. “Auch abgebrochene Studienprogramme müssen aber finanziert werden” betont “Pharma Fakten”. Ins Feld geführt werden auch wieder die Forschungskosten, die um rund 8,5 Prozent pro Jahr und neu zugelassenem Medikament stiegen.

Dass die Ausgaben für Krebsmedikamente steigen, bestreitet die Pharma-Redaktion gar nicht, auch nicht, dass die Preise pro Medikament steigen. “Vor allem aber gibt es mehr Therapien: Allein seit 2011 wurden weltweit 68 neue Krebsmedikamente in 22 verschiedenen Indikationen zugelassen. Für Patienten heißt das: verbesserte Therapieergebnisse und eine Reduzierung der Sterblichkeitsraten bei vielen Tumorformen”, gibt der Informationsdienst zu bedenken.

Das vierte Argument, das “Pharma Fakten” anführt, ist die Dynamik der Arzneimittelmärkte. “Das Onkologie-Segment steigt zurzeit, weil dies ein hochinnovativer Bereich ist – so wie das früher zum Beispiel der Bereich der Herzkreislauferkrankungen war”, argumentiert das Pharma-Informationsportal. “Diese kosten heute noch Bruchteile dessen, was sie nach Einführung gekostet haben. Grund zur Sorge wäre also, wenn die Ausgaben für Arzneimittel insgesamt schnell steigen würden.” Der Anteil der Arzneimittelausgaben an den GKV-Gesamtausgaben sei jedoch mit 17,0 Prozent heute niedriger als 1970 (17,7 %). Für die gesamte ambulante Arzneimittelversorgung der GKV liege der Anteil der pharmazeutischen Industrie sogar bei unter zehn Prozent, wenn man Großhandels- und Apothekenmargen sowie die Mehrwertsteuer abziehe.

Darüber hinaus findet es die Pharma-Industrie unverständlich, wenn die Krankenkassen “über Preise klagen, denen sie selbst den Segen erteilt haben”. Seit 2011 gelte: Wenn ein pharmazeutisches Unternehmen ein neues Mittel auf den Markt bringt, darf es für die ersten zwölf Monate den Preis festsetzen, den es für angemessen hält. Währenddessen läuft ein Nutzenbewertungsverfahren (“AMNOG-Verfahren”). Am Ende des AMNOG steht ein Preis, auf den sich Unternehmen und der Spitzenverband der Krankenkassen geeinigt haben – oder eben nicht. “Wenn Krankenkassen bei Krebsmedikamenten über ‘Mondpreise’ klagen, kritisieren sie somit ihr eigenes Verhandlungsergebnis”, schreibt “Pharma-Fakten”. Allerdings unterschlägt die Redaktion hierbei, dass es gerade die frühe Zulassung ist (und damit eben die Preise vor AMNOG), was Glaeske und andere Experten kritisieren: “Für den Hersteller ist eine beschleunigte Zulassung Geld wert, das heißt, man hat die Chance, dieses Arzneimittel rasch auf den Markt zu bringen, man hat die Chance, hohe Preise zu verlangen, (…) die von den Herstellern festgelegt werden“, so Glaeske gegenüber “Monitor”.

Schließlich würde der Gemeinsame Bundesausschuss (G-BA) die Jahrestherapiekosten bei der Nutzenbewertung neuer Therapien oft überschätzen, moniert “Pharma Fakten”. Dies zeige ein Vergleich mit realen Marktdaten, welche die Krankenkasse Barmer für das Jahr 2016 veröffentlicht hat. Im Falle des neuen Checkpoint-Inhibitors Pembrolizumab, der unter anderem bei lokal fortgeschrittenem oder metastasierendem Urothelkarzinom eingesetzt wird, errechnet “Pharma Fakten” eine Differenz von 244 Prozent. Grund dafür sei, dass die Zahlen des G-BA unterstellen, dass die Therapien das ganze Jahr durchgegeben werden. Um den in den Studien gezeigten therapeutischen Effekt zu erzielen, müssten die Therapien in der Realität zumindest im Durchschnitt jedoch nicht zwölf Monate ununterbrochen eingenommen werden. Deshalb fallen laut “Pharma Fakten” in der Realität die echten Jahrestherapiekosten meist deutlich geringer aus.

(ms)

Quellen: Pharma Fakten, Monitor, ARD-Morgenmagazin