Placebo: Ein Signal für das Belohnungssystem im Hirn13. Juli 2018 Foto: © alkov – Fotolia.com Der Placebo-Effekt hat ein enormes Potenzial zur Steigerung unserer körperlichen und geistigen Gesundheit. Forschungsergebnisse, die auf dem FENS-Forum in Berlin vorgestellt wurden, zeigen nun, wie die Stimulation des Belohnungssystems im Gehirn das Immunsystem im Körper stärken kann. Während oder nach einer stressigen Zeit neigen viele Leute dazu, krank zu werden. Das ist lange bekannt. Prof. Asya Rolls vom Technion – Israel Institute of Technology – in Haifa hat den den umgekehrten Weg untersucht: Können neuronale Netzwerke im Gehirn, die an positiven Erfahrungen beteiligt sind, zur Heilung von Krankheiten beitragen? Dieses Belohnungssystem fördert positive emotionale Zustände und Erwartungen an ein gutes Ergebnis. Das bekannteste Beispiel des Placebo-Effekts stammt aus der Pharmaforschung: Nimmt jemand ein Scheinmedikament ohne Wirkstoff in dem Glauben ein, es handele sich um eine Arznei, nährt das Belohnungssystem seine Erwartungen an eine Genesung, sodass zum Beispiel Schmerzen nachlassen. Das Verständnis der Mechanismen, die das Zusammenspiel zwischen Gehirn und Immunsystem steuern, ist der Schlüssel zu einem neuen Therapieansatz. Therapeutisches Potenzial zu wenig genutzt „Wir haben das Potenzial des Placebos in der Behandlung und Genesung unterschätzt“, berichtete Rolls. „Die Mechanismen des Placebo-Effekts sind weitgehend unbekannt. Placebos spielen bei vielen medizinischen Vorgängen eine Rolle, bei denen es manchen Leuten besser geht, obwohl sie unwissentlich nur eine Zuckerpille eingenommen haben. Aber wir verstehen nicht, wie ein Placebo funktioniert, und deshalb können wir Ärzte sein therapeutisches Potenzial nicht nutzen.“ Rolls Team setzte bei ihren Experimenten an Mäusen eine Kombination aus genetischen Werkzeugen und Medikamenten ein. Damit aktivierten die Forscher dopaminerge Neuronen, die am Belohnungssystem beteiligt sind. Dann infizierten die Forscher einen Teil der Versuchstiere mit Escherichia-coli-Bakterien und analysierten anschließend die Immunantwort. Dabei fanden sie heraus, dass bei Mäusen mit aktiviertem Belohnungssystem die antibakterielle Aktivität des Immunsystems verstärkt wurde und sie sich schneller erholten als jene Tieren, deren Belohnungssystem nicht aktiviert worden war. „Wir wissen, dass Gedanken und Emotionen unsere Fähigkeit beeinflussen, Krankheiten zu bewältigen“, erklärte Rolls, „aber wir wissen einfach nicht wie. Tatsächlich beeinflussen alle Gedanken und Emotionen unsere Hirnaktivität. Mit den neuen Techniken können wir nun verstehen, wie diese Aktivität Veränderungen des Immunsystems beeinflusst. Wir können die jeweilige Hirnregion im Sinne einer Belohnung aktivieren und die Auswirkungen auf das Immunsystem beobachten. Wenn wir erst einmal verstanden haben, wie dies im Gehirn funktioniert, können wir die Frage stellen, wie sich dieses Wissen zur Kontrolle der Gehirnaktivität nutzen lässt, um eine Genesung anzukurbeln.“ Neuer Therapieansatz für psychische Erkrankungen Heute gibt es viele neue, innovative technische Verfahren wie etwa die transkranielle Magnetstimulation (TMS), mit denen sich die Gehirnaktivität lokal beeinflussen lässt. Solche Werkzeuge können dazu dienen, die Immunaktivität ohne den Einsatz von Medikamenten zu verbessern. Andererseits kann der Einsatz dieser Geräte, die bereits Online angeboten werden, gefährlichere Folgen haben als bisher angenommen. Rolls interessiert sich auch dafür, wie sich negative, etwa mit Depressionen verbundene Emotionen auf die Immunaktivität auswirken. So verändere zum Beispiel Schizophrenie die Aktivität des Belohnungssystems, die wiederum immunologische Veränderungen bewirke. „Diese Bedingungen“, erklärte sie, „können viel enger miteinander verbunden sein, als wir bisher vermutet haben.“ Ein besseres Verständnis der Wechselwirkung zwischen der Verarbeitung von Emotionen im Gehirn und dem Immunsystem könnte zu neuen Behandlungswegen bei psychiatrischen Erkrankungen führen. In der nächsten Stufe ihrer Forschung wollen die Wissenschaftler verschiedene Techniken am Menschen testen, zum Beispiel TMS und Neurofeedback. Aber, so dämpfte Rolls die Erwartungen, dies sei erst der Anfang, und es werde Zeit brauchen, um Forschungsergebnisse für den Menschen nutzbar zu machen.
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