Post-COVID tritt in allen Altersgruppen auf

Erschöpfung ist auch bei Kindern ein verbreitetes Post-COVID-Symptom. (Foto: © nadezhda1906 – stocka.dobe.com)

Monate nach einer COVID-19-Infektion haben nicht nur Erwachsene, sondern auch Kinder und Jugendliche oft noch mit Gesundheitsproblemen zu kämpfen. Dies geht aus einer neuen, retrospektiven Studie der Technischen Universität Dresden hervor, die in „Plos Medicine“ veröffentlicht wurde.

Demnach war die Wahrscheinlichkeit, dass Kinder und Jugendliche, die mit COVID-19 infiziert waren und drei Monate oder länger nach der Infektion Gesundheitsprobleme hatten, um 30 Prozent höher als in der Kontrollgruppe. Bei Erwachsenen waren es 33 Prozent.1

Die Symptome unterschieden sich je nach Altersklasse: Kinder und Jugendliche litten am stärksten an Unwohlsein, Müdigkeit, Erschöpfung, Husten sowie Hals- und Brustschmerzen. Aber auch die Raten von Kopfschmerzen, Fieber, Bauchschmerzen, Angstzuständen und Depressionen waren erhöht.

Bei Erwachsenen wurden drei Monate nach einer COVID-19-Infektion vor allem Geruchs- und Geschmacksstörungen, Fieber und Atemnot diagnostiziert, ferner auch Husten, Hals- und Brustschmerzen, Haarausfall, Müdigkeit, Erschöpfung und Kopfschmerzen.

Das Risiko für neu auftretende psychische Gesundheitsprobleme war bei Kindern und Jugendlichen höher als bei Erwachsenen, während das Gegenteil für Lungenleiden zutraf. Ein kausaler Zusammenhang zwischen Infektion und Symptom kann anhand der Daten aber nicht hergestellt werden.

Bisher wurde bei Kindern und Jugendlichen das Risiko für eine Post-COVID-Symptomatik als eher gering beschrieben. Und auch die Forschenden aus Dresden schreiben, dass Kinder und Jugendliche seltener betroffen sind als Erwachsene. Dennoch zeigten die Daten eindrücklich, dass alle Altersklassen von langfristigen Symptomen nach einer Infektion betroffen sein können, heißt es. Damit stehen ihre Ergebnisse im Gegensatz zu jenen früherer epidemiologischer Studien, in denen keine signifikanten Unterschiede zwischen infizierten Kindern und Jugendlichen und Kontrollgruppen festgestellt wurden.2-6

Eine Besonderheit der Dresdner Studie ist der Abgleich mit anonymisierten Krankenkassendaten nach dem Vorbild israelischer und britischer Studien: Die Forschenden erstellten zunächst einen Datensatz mit 11.950 Kindern und Jugendliche sowie 145.184 Erwachsenen, die sich nachweislich zwischen 2019 und 2020 mit COVID-19 infiziert hatten. Anschließend verglichen sie die Diagnosen, die mindestens drei Monate nach der Infektion in die Krankenakte eingetragen wurden, mit einer Kontrollkohorte von mehr als 750.000 nicht infizierten Personen mit gleichem Alter, Geschlecht und gleichen Vorerkrankungen. Die Daten stammen von sechs deutschen Krankenkassen.

„Die vorliegende Studie bestätigt nun für Deutschland die international beschriebenen Post-COVID-Symptomcluster bei Erwachsenen und zeigt, dass Kinder ein anderes Muster auch postakut haben. Was leider auch diese Studie nicht zeigen kann, ist, ob tatsächlich ein Kausalzusammenhang zwischen SARS-CoV-2-Infektion und allen hier beschriebenen Symptomen besteht“, kommentierte Prof. Peter Berlit, Generalsekretär der Deutschen Gesellschaft für Neurologie (DGN) die Ergebnisse der Studie.

„Die Studie zeigt, dass Long/Post-COVID auch bei Kindern und Jugendlichen auftritt. Die Symptome unterscheiden sich aber von denen von Erwachsenen deutlich und sind insgesamt auch seltener. Allerdings gibt es aufgrund des Studiendesigns auch Einschränkungen bei der Aussagekraft der erhobenen Daten: Die Studie ist eine retrospektive Matched-Control-Studie, die auf Routine-Daten und insbesondere Diagnosecodierungen basiert, sodass es hier erhebliche Unschärfen gibt. Damit wird es schwer, sicher zwischen Ursache und Wirkung zu unterscheiden”, erklärte Prof. Martin Scherer,
Leiter des Instituts und der Poliklinik für Allgemeinmedizin sowie Leiter des Zentrums für Psychosoziale Medizin, Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE).

“Außerdem ist bekannt, dass die Kodierqualität für Erkrankungen und Symptome nicht unbedingt immer der realen Krankheitsschwere entspricht. Dazu kommt, dass die Daten im ersten Halbjahr 2020 erhoben wurden, zu einem Zeitpunkt, wo ausschließlich der Wildtyp von SARS-CoV-2 vorherrschend war und die Bevölkerung noch keinerlei Schutz durch vorherige Infektionen und Impfungen hatte. Es wäre deshalb problematisch, die Aussagen auf aktuelle Wellen zu übertragen.“