Post- und Long-COVID: Interdisziplinäre S1-Leitlinie vereint Kenntnisstand vieler Fachrichtungen18. August 2021 Foto: © tilialucida/stock.adobe.com Bisherige Beobachtung in der COVID-19-Pandemie zeigen, dass bis zu 15 Prozent der akut Erkrankten noch über die vierte, teilweise auch über die zwölfte Woche nach Krankheitsbeginn hinaus unter einem oder mehreren COVID-19-bedingten Symptomen leiden. Wie mit diesen als Long-COVID oder Post-COVID bezeichneten Syndromen umzugehen ist und welche Behandlungsmöglichkeiten es gibt, erläutert eine S1-Leitlinie, die unter Federführung der Deutschen Gesellschaft für Pneumologie und Beatmungsmedizin (DGP) entstanden und kürzlich veröffentlicht worden ist. Anlässlich einer Pressekonferenz stellten Expertinnen und Experten die Leitlinie vor. „Die Leitlinie versteht sich als klinisch-praktischer Leitfaden für die Diagnose und Therapie einer Post-COVID- oder Long-COVID-Erkrankung“, erklärte Prof. Michael Pfeifer, Pastpräsident der DGP. Die Empfehlungen richteten sich sowohl an Hausärztinnen und – ärzte, die bei neu auftretenden Beschwerden oft als erste Anlaufstelle fungierten und über die weiteren Behandlungspfade entschieden, als auch an Ärztinnen und Ärzte unterschiedlichster Fachrichtungen, die mit den vielfältigen Folgen von COVID-19-Erkrankungen konfrontiert seien. „Bereits die Diagnose ist oft eine Herausforderung“, betont Pfeifer, „denn Long-COVID ist nicht an einen schweren Krankheitsverlauf von COVID-19 gebunden.“ Auch sehr milde Verläufe könnten zu Spätsymptomen führen, die dann nicht zwangsläufig mit COVID-19 in Verbindung gebracht würden. Eine weitere Hürde sei die große Vielfalt der Krankheitssymptome, die zudem oft recht unspezifisch seien. „Wir haben es oft mit Beschwerden wie Kopfschmerzen, Konzentrationsstörungen oder einer extremen Abgeschlagenheit zu tun“, so Pfeifer. Hier sei die Abgrenzung psychischer und somatischer Symptome schwierig. Aufgrund der häufig noch begrenzten Datenlage kann die Leitlinie noch keine auf formaler Evidenz beruhenden Empfehlungen geben. Vielmehr basiert sie auf dem informellen Konsens der beteiligten Experten. „Viele Fragen zu Diagnose und Therapie von Long-COVID sind noch offen“, so Pfeifer – diese seien auch als Fragestellungen in die Leitlinie mit aufgenommen worden. Rapid Guidelines: Leitlinien in Zeiten der Corona-Pandemie Den S1-Charakter der Leitlinie betont auch Dr. Monika Nothacker, stellvertretende Leiterin des Institutes für Wissenschaftliches Wissensmanagement der AWMF. Während die Erstellung einer auf formaler Evidenz basierenden S3-Leitlinie ein bis drei Jahre in Anspruch nehme, seien in der Pandemiesituationen deutlich dringender Handlungsempfehlungen notwendig gewesen. Nothacker lobte in diesem Zusammenhang das große Engagement der Fachgesellschaften, die bis dato 18 Leitlinien zu COVID-19 erstellt hätten, die meisten als S1-Leitlinie, jedoch auch eine S2k- und zwei S3-Leitlinien. Die Erstellung der S1-Leitlinie zu Post- und Long-COVID habe von der Anmeldung Ende März bis zur Veröffentlichung Mitte Juli nur dreieinhalb Monate benötigt. Dies sei nur durch das hohe ehrenamtliche Engagement der Beteiligten sowie durch gestraffte Abläufe im AWMF-Leitlinienregister möglich gewesen, unterstrich Nothacker. Klärung der Begriffe Long-COVID und Post-COVID Wenn es um die langfristigen Folgen einer COVID-19-Erkrankung geht, gehen die Begrifflichkeiten häufig noch durcheinander. Daher soll mit der Leitlinie auch eine einheitliche Definition dessen verankert werden, was unter den Begriffen Post-COVID und Long-COVID zu verstehen ist. „Wir orientieren uns an der Nomenklatur des Britischen National Institute for Health and Clinical Excellence (NICE)“, erläuterte Prof. A. Rembert Koczulla, Chefarzt am Fachzentrum für Pneumologie der Schön Klinik Berchtesgadener Land und Koordinator der Leitlinie. Als Long-COVID-Syndrom wird demnach das Fortbestehen COVID-19-typischer Symptome über einen Zeitraum von vier Wochen über die akute Erkrankung hinaus bezeichnet. Wenn Symptome über die Woche 12 hinaus bestehen, spricht man von einem Post-COVID-Syndrom. Dabei werden nicht nur Symptome berücksichtigt, die aus der akuten Erkrankung fortbestehen, sondern auch solche, die aus der Behandlung resultieren oder die nach Ende der akuten Phase, aber dennoch als Folge der COVID-19-Erkrankung aufgetreten sind. Auch die Verschlechterung einer vorbestehenden Grunderkrankung zählt dazu. Die Rolle der Frührehabilitation bei Long- und Post-COVID Wie vielfältig die Symptomatik und wie komplex die Behandlung stark betroffener COVID-Patientinnen und -Patienten sein kann, machte Frank Elsholz, Oberarzt und Facharzt für Physikalische und Rehabilitative Medizin an der LungenClinic Grosshansdorf deutlich. „Bei Patienten, die nach einem längeren Aufenthalt auf der Intensivstation zu uns kommen, besteht in der Regel ein vollständiger Verlust oder zumindest eine deutliche Einschränkung der Selbstständigkeit“, erklärte Elsholz. Neben Schäden durch die Erkrankung selbst – am häufigsten einer Beeinträchtigung der Lungenfunktion – litten die Patienten auch unter starkem Muskelabbau mit weitgehendem Funktionsverlust der Rumpfmuskulatur, der Arme und der Beine. Gehen und Stehen, Halten und Greifen sei nicht immer möglich, hinzu kämen oft neurologische Symptome wie Gedächtnisstörungen und Konzentrationsverlust. Als Folge der Beatmung könnten auch die Schluck- und Sprechfähigkeit eingeschränkt sein. In der Frührehabilitation sei daher eine intensive interdisziplinäre Betreuung notwendig, bei der Ärzte, Pflegerinnen und Pfleger und Therapeutinnen und Therapeuten unterschiedlicher Fachrichtungen eng abgestimmt zusammenarbeiten. Leitlinie für Ärztinnen und Ärzte vieler Fachrichtungen – und für die Betroffenen selbst Um das breite Spektrum von Long-COVID-Symptomen abzubilden, wurden in die Leitlinienarbeit 14 Fachgesellschaften sowie weitere Expertengremien und Patientenverbände eingebunden. „Diese Interdisziplinarität und die rasche Erstellung sind sicherlich herauszuheben“, betonte Koordinator Koczulla. Die Leitlinie spiegele den derzeitigen Stand des Wissens wider und werde fortlaufend aktualisiert. Dann würden wohl auch Erkenntnisse bisher noch nicht an der Erstellung beteiligter medizinischer Fachgebiete einfließen, denn auch in diesen Fächern gebe es nun vermehrt Evidenz, was den Umgang mit COVID-19-Patientinnen und -Patienten betreffe. Ophthalmologen und Gynäkologen seien schon wegen einer zukünftigen Mitarbeit angesprochen worden, ließ Koczulla durchblicken, auch die Logopäden wollten einen weiteren Teil in die Leitlinie einbringen. Sie ist im Template-Verfahren verfasst, also nach Fachbereichen gegliedert. Auch eine entsprechende Patientenleitlinie ist laut Koczulla schon auf den Weg gebracht und steht nach seinen Angaben kurz vor der Veröffentlichung: Möglicherweise erscheine sie schon Ende August. Link: Leitlinie Post-COVID/Long-COVID Quelle: Deutsche Gesellschaft für Pneumologie und Beamtungsmedizin, 18.08.2021
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