Postpartale Blutungen: Messung statt Augenmaß soll Müttersterblichkeit reduzieren

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Viele Frauen verlieren nach einer Geburt übermäßig viel Blut. Ab wann postpartale Blutungen gefährlich werden, wird oft durch bloßen Augenschein beurteilt – und kann zu gravierenden Fehleinschätzungen führen. Die WHO plädiert deshalb für exakte Messungen.

Die Müttersterblichkeit ist vor allem in reicheren Ländern immens gesunken, dennoch bleibt eine Geburt ein gesundheitliches Risiko. Allein übermäßige Blutungen nach der Geburt betreffen weltweit 27 Millionen Frauen jährlich, wie die Weltgesundheitsorganisation (WHO) berichtet. Fast 43.000 sterben demnach – was einem Tod alle zwölf Minuten entspricht.

Postpartale Blutungen: Wettlauf gegen die Zeit“

Postpartale Blutungen, oder postpartale Hämorrhagie (PPH), sind weltweit die häufigste Ursache von Müttersterblichkeit. Sie treten der WHO zufolge bei 12,6 Prozent der natürlichen Geburten und 30,9 Prozent der Kaiserschnittgeburten auf. Sie seien ein Wettlauf gegen die Zeit: Verzögerungen während der Versorgung – von der Diagnose über die Behandlung bis hin zum Zugang zu Blutprodukten – entschieden oft darüber, ob eine Frau überlebt.

„In einer Zeit wirksamer Medikamente, einfacher Diagnosemittel und eines evidenzbasierten Behandlungspakets sollte keine Frau an einer postpartalen Blutung sterben, weil Hilfe zu spät kam“, heißt es in einer Pressemitteilung der WHO.

Gemeinsam mit Forschenden der Universität Oxford (Großbritannien) und des Human Reproduction Special Program (HRP) haben Forschende der WHO nun eine richtungsweisende Artikelreihe im Fachjournal „The Lancet“ veröffentlicht. Die Autor:innen betonen die Bedeutung aktueller Leitlinien für die Prävention, Diagnostik und Behandlung postpartaler Blutungen, um die Müttersterblichkeit weltweit weiter zu senken. Insbesondere die Beurteilung nach Augenmaß solle durch exakte Messungen ersetzt werden.

Auch hier eine der Hauptursachen für Müttersterblichkeit

Todesfälle gibt es vor allem in Afrika südlich der Sahara und in Südasien, während sie in wohlhabenden Ländern mit guter medizinischer Versorgung selten geworden sind. Auch in der westlichen Welt sei die postpartale Blutung aber eine der Hauptursachen der Müttersterblichkeit, heißt es bei der Deutschen Gesellschaft für Gynäkologie und Geburtshilfe (DGGG). Und selbst wenn sie nicht zum Tod führt, kann sie der WHO zufolge erhebliche gesundheitliche Folgen haben: schwere Blutarmut, Organversagen und langfristige psychische Traumata. Unter Umständen muss sogar die Gebärmutter entfernt werden.

Als häufige Ursachen für Komplikationen nennen die Expert:innen die Uterusatonie, Verletzungen des Genitaltrakts, eine verzögerte oder unvollständige Ablösung der Plazenta und Blutgerinnungsstörungen. Zu den Risikofaktoren zählen unter anderem Mehrlingsschwangerschaften, Kaiserschnitt, starkes Übergewicht der Mutter und die Verstümmelung des weiblichen Genitals.

Unnötige Kaiserschnitte und Beurteilung nach Augenmaß

Um einer postpartalen Blutung vorzubeugen, werden oft Medikamente verabreicht, die die Gebärmutter dazu anregen, sich zusammenzuziehen. Neben solchen Uterotonika gibt es weitere Ansätze, um die Blutungen zu verhindern oder zumindest den Schweregrad abzumildern. Dazu zählen unter anderem die Behandlung von Blutarmut sowie die Vermeidung medizinisch nicht notwendiger Kaiserschnittgeburten. Vielfach würden diese Möglichkeiten allerdings noch nicht ausreichend genutzt.

In einem der Beiträge der Lancet-Reihe wird auf eine Studie aus 2025 verwiesen, der zufolge bei der Abschätzung des Blutverlusts bei einer Geburt durch das medizinische Personal etwa 52 Prozent der Fälle von postpartaler Blutung übersehen werden. Die Expert:innen plädieren für eine exaktere Bestimmung der Blutmenge, um solche Fehleinschätzungen zu verhindern, etwa mit Geburtstüchern mit Blutauffangbeutel.

Wie viel Blut ist zu viel Blut?

Das könne bei einer schnelleren Diagnose helfen, was wichtig sei, weil jede Verzögerung den Zustand verschlimmern und schwerer behandelbar machen kann. Nach WHO-Empfehlung sollte schon ein Blutverlust ab 300 Millilitern in Verbindung mit nicht normalen Vitalparametern wie Atmung oder Herzschlag als Kriterium für die Diagnose „PPH“ gelten.

Im deutschsprachigen Raum wird die PPH der DGGG zufolge derzeit als ein Blutverlust von mindestens 500 Millilitern nach vaginaler Geburt oder mindestens 1.000 Millilitern nach einem Kaiserschnitt definiert. Unabhängig vom sichtbaren Blutverlust müsse bei klinischen Zeichen eines hämorrhagischen Schocks von einer PPH ausgegangen werden.

Die in Deutschland aktuell geltende S2k-Leitlinie „Peripartale Blutungen, Diagnostik und Therapie“ unter Federführung der DGGG stammt aus dem Jahr 2022, befindet sich aber derzeit in Überarbeitung.

Tausende Frauenleben ließen sich retten

Die Lancet-Reihe verweist zudem auf eine WHO-Studie von 2023, die über den Erfolg eines 5-in-1-Maßnahmenbündels namens „Motive“ berichtete: „Indem sichergestellt wird, dass jede Frau mit postpartaler Blutung sofort eine Uterusmassage, ein Uterotonikum, Tranexamsäure sowie intravenöse Flüssigkeitszufuhr erhält und die Blutungsquelle untersucht wird, können medizinische Fachkräfte das Fortschreiten zu einer lebensbedrohlichen Blutung drastisch – um bis zu 60 Prozent – reduzieren“, betont die WHO.

Der Ansatz sei so konzipiert, dass Hebammen und Pflegekräfte ihn auch in Abwesenheit von Fachärzt:innen sofort anwenden können. Durch die entsprechende Ausstattung von Entbindungseinrichtungen, die Stärkung des Gesundheitspersonals und die großflächige Einführung bewährter Maßnahmen könnten der WHO zufolge jedes Jahr tausende Menschenleben gerettet werden. (mkl/dpa)